Neuropathische Schmerzen: Mehr Aufklärung gefordert
Brennend, einschießend, elektrisierend oder kribbelnd – so beschreiben Betroffene ein Schmerzempfinden, das sich deutlich von „klassischen“ Schmerzen unterscheidet. Neuropathische Schmerzen entstehen, wenn Nerven selbst geschädigt oder fehlgesteuert sind. Für Außenstehende gibt es oft keine erkennbare Ursache, für Patientinnen und Patienten hingegen sind sie häufig chronisch und belastend.
Zum 25. Mal eröffnete die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) mit einer Pressekonferenz die „Schmerzwochen“. In diesem Jahr rückt sie im Einklang mit der internationalen Kampagne der International Association for the Study of Pain (IASP) die neuropathischen Schmerzen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Präsentiert wurden aktuelle medizinische Erkenntnisse, Einblicke in Versorgungsdefizite und Forderungen an die Gesundheitspolitik.
Kein seltenes Phänomen
Schätzungen zufolge sind 7 bis 10 Prozent der europäischen Bevölkerung von neuropathischen Schmerzen betroffen – bei Menschen mit Diabetes liegt der Anteil sogar bei bis zu 34 Prozent. Die Diagnose gestaltet sich oft schwierig. „Neuropathische Schmerzen sind kein Randthema, sondern betreffen viele Tausende Menschen in Österreich“, betont Richard Crevenna, Leiter der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin der MedUni Wien sowie Präsident der ÖSG. „Das Problem ist: Der Schmerz ist real, aber unsichtbar – und wird daher zu spät oder falsch behandelt.“
Andere Schmerzform – andere Therapie
Im Unterschied zu nozizeptiven Schmerzen, die durch Gewebeverletzungen oder Entzündungen entstehen, sind neuropathische Schmerzen durch Nervenschädigungen bedingt. Typisch ist eine Mischung aus Gefühlsstörungen wie Taubheit oder vermindertem Empfinden und Plussymptomen wie brennenden Dauerschmerzen, plötzlichen Schmerzattacken oder Überempfindlichkeit bei Berührung. „Gerade diese typischen Symptome würden eine frühere Diagnose ermöglichen“, erklärt Waltraud Stromer, Vizepräsidentin der ÖSG. „Dennoch werden sie im Alltag oft wie klassische Schmerzen behandelt – mit Medikamenten, die hier nicht wirken.“
Trotz fehlender Wirksamkeit greifen laut Umfragen noch immer 57 Prozent der Menschen mit neuropathischen Schmerzen zu klassischen Schmerzmitteln wie NSAR oder Paracetamol – mit möglichen schweren Nebenwirkungen bei Dauergebrauch. Nicht-Opioid-Analgetika wie NSAR sollten nicht als alleinige Therapie in der Behandlung neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden“, so Stromer. Stattdessen empfehlen Leitlinien spezifisch wirksame Medikamente wie bestimmte Antidepressiva, Antikonvulsiva oder – bei lokalisierten Schmerzen – topische Therapien wie Lidocain- oder Capsaicin-Pflaster. Ziel sei meist nicht Schmerzfreiheit, sondern eine spürbare Schmerzlinderung, besserer Schlaf und der Erhalt von Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit.
Neue Studie mit Vagusnervstimulation
Am Klinikum Klagenfurt startet nun eine Studie zur aurikulären Vagusnervstimulation, einer nicht-invasiven Methode mit guter Evidenzlage, die als Teil multimodaler Programme bestehende Ansätze ergänzen soll. Die Österreichische Schmerzgesellschaft fordert zudem ein spezialisiertes Schmerzzentrum in jedem Bundesland und mehr Fortbildungen für Ärzte, Versorgungslücken zu schließen.
Hohe psychische Belastung
Chronische Nervenschmerzen belasten jedoch nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche massiv. Sie können zu Schlafstörungen, Erschöpfung, Ängsten, Depressionen und sogar sozialem Rückzug führen. Aus Angst vor Schmerzverstärkung meiden viele Betroffene Bewegung – ein Teufelskreis, der Beschwerden verschlimmert. „Schmerz hat nie nur körperliche Folgen, er kann sich als Schmerzgedächtnis im Nervensystem verfestigen“, warnt Wilhelm Eisner von der Österreichischen Schmerzgesellschaft.
Auch das Risiko für Depressionen ist deutlich erhöht, Suizidgedanken treten zwei- bis dreimal häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Besonders betroffen sind Menschen mit ME/CFS – rund 80.000 in Österreich –, für die der Rechnungshof weiterhin gravierende Versorgungslücken und fehlende Daten kritisiert. Hilfe gibt es bisher vor allem bei Selbsthilfeorganisationen und wenigen spezialisierten Einrichtungen.
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