Zehn Mythen und Fakten: Wie Kälte auf unseren Körper wirkt

Das Bild zeigt eine junge Frau mit dickem Mantel, Schal und Haube, im Wintergrund ein Winterwald und Strahlen einer kalten Sonne.
Was Kälte im Körper bewirkt, darüber gibt es viele Annahmen und Halbwahrheiten. Der Physiologe Michael Fischer von der MedUni Wien klärt auf.

Frieren Frauen mehr als Männer? Macht Kälte hungriger? Und wie wirkt sie sich auf unsere Stimmung aus?  Univ.-Prof. Michael Fischer, Leiter des Instituts für Physiologie der MedUni Wien, hat Antworten auf diese und weitere Fragen.

1. Steigt das Erkältungsrisiko, wenn man mit nassem Haar ins Freien geht?

„Da sehe ich keinen direkten Zusammenhang. Natürlich kühlen der Kopf und das Blut, das zurück zum Herzen transportiert wird, dadurch etwas ab. Aber das allein führt zu keiner wesentlichen Änderung der Temperatur im Nasenrachenraum. Entscheidend ist die kalte Luft, die eingeatmet wird. Die Gefäße der Schleimhäute im Nasen- und Mundbereich verengen sich durch die Kälte, die Durchblutung reduziert sich. 

Bei einem Kontakt mit Krankheitserregern erreichen wegen der schlechteren Durchblutung weniger Abwehrzellen den Infektionsort. Deshalb steigt das Erkrankungsrisiko.“

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Univ.-Prof. Dr. Michael Fischer leitet das Institut für Physiologie der MedUni Wien

2. Geht ohne Haube die meiste Wärme über den Kopf verloren?

„Der Kopf macht etwa neun Prozent der Körperoberfläche aus. Nackt gibt man deshalb über den Kopf neun Prozent der Körperwärme ab. Je besser die Kleidung vor Wärmeverlust schützt, desto höher ist der Anteil der Wärmeabstrahlung ohne Kopfbedeckung. Bei gut isolierender Kleidung kann der Wärmeverlust über einen unbedeckten Kopf 40 bis 50 Prozent der gesamten Abgabe betragen. Theoretisch könnte dieser Wert sogar noch weiter steigen. Für das Tragen einer Haube gibt es also gute Argumente.“

3. Sind Frauen kälteempfindlicher als Männer?

„Das ist ein vielschichtiges Thema. Männer haben mehr Muskelmasse als Frauen – Muskelmasse verbrennt deutlich mehr Energie als Fettgewebe und erzeugt dadurch mehr Wärme. Gleichzeitig sind Frauen im Schnitt etwas kleiner als Männer. Tendenziell sind kleinere Menschen kälteempfindlicher, weil ihre Körpermasse im Verhältnis zur Körperoberfläche geringer ist. Weil ihr Körper also bei mehr Oberfläche weniger Masse hat, kühlen kleinere Menschen rascher aus. 

Sehr korpulente Menschen wiederum haben mehr Masse in Relation zur Oberfläche und frieren daher meist weniger. Und der dritte Punkt ist: Generell liegt die Wohlfühltemperatur von Frauen um etwa 1,5 bis drei Grad höher als bei Männern.“

"Kalte Luft reduziert die Durchblutung der Schleimhäute. Das schwächt die Virenabwehr."

von Michael Fischer

Physiologe, MedUni Wien

4. Kann man sich gegen Kälte abhärten bzw. daran gewöhnen?

„So, wie man sich innerhalb einer Woche an Hitze akklimatisieren kann, funktioniert das bei der Kälte auch. Ist man öfter Kälte ausgesetzt, sinkt die Empfindlichkeit. Auch warm-kalte Wechselduschen und das Abkühlen nach einem Saunagang können die Kälteempfindlichkeit reduzieren. Durch den Kältereiz verengen sich die Gefäße, es wird weniger Wärme abgegeben, dadurch ist einem im Anschluss an den Kaltwasserreiz wärmer. 

Eine hochwertige Studie mit allerdings nur 50 Teilnehmern lieferte auch Hinweise, dass regelmäßiges Saunieren die Krankheitswahrscheinlichkeit im Winter senken kann.“

family and winter season

5. Wärmt Alkohol oder kühlt er den Körper aus?

„Unser Körperkern hat eine Temperatur von etwa 36,8 Grad, die Körperhülle von etwa 33 Grad Celsius. Alkohol weitet die oberflächlichen Gefäße, es wird mehr Wärme von innen nach außen transportiert, das erzeugt zunächst ein wärmendes Gefühl. Insgesamt gibt der Körper dadurch aber mehr Wärme ab. 

Trinkt man zu Hause nach einem Spaziergang in der Kälte einen Tee mit Rum, kann einen das wärmen. Ist man aber weiterhin in der Kälte, kühlt man umso rascher aus, je höher der Alkoholkonsum ist– bei Obdachlosen kann das lebensbedrohlich werden.“

6. Wie ist das mit Essen und speziell Gewürzen?

„Essen hat einen wärmenden Effekt, weil durch die Verdauung der Stoffwechsel angeregt und dabei Wärme produziert wird. Generell wird man bei längeren Aufenthalten in der Kälte schneller hungrig, weil der Körper mehr Energie benötigt, um die Körperkerntemperatur aufrechtzuerhalten. Gewürze wie Chili wärmen hingegen nur kurzfristig. 

Sie binden an Rezeptoren, die sonst auf Wärme reagieren. Der Körper wird dadurch betrogen: Er denkt, es ist zu warm und steuert u. a. mit einer Erweiterung der Gefäße entgegen – dadurch kühlt der Körper ab.“

7. Frieren trainierte Menschen weniger?

„Grundsätzlich ja, weil sie ja durch ihre größere Muskelmasse mehr Wärme pro Kilogramm Körpergewicht produzieren. Profi-Schwimmer wollen niedrigere Beckentemperaturen, und viele Sportlerinnen stellen die Heizung auf eine niedrigere Temperatur ein, weil es ihnen sonst zu warm wird. Sie müssen aber auch öfter am Tag Energie zuführen.“

8. Erhöht Kälte den Blutdruck?

„Die oberflächlichen Gefäße haben einen relevanten Anteil am gesamten Gefäßwiderstand, den das Herz überwinden muss. Ziehen sich die Gefäße bei Kälte zusammen, muss das Herz gegen mehr Widerstand pumpen und mehr Leistung erbringen. Dadurch steigt der Blutdruck. Personen mit reduzierter Herzleistung sollten bei Kälte andere Stressfaktoren – etwa stärkere körperliche Belastungen – vermeiden.“

9. Braucht man in Kältephasen mehr Schlaf?

„Erwiesen ist, dass die Schlafdauer im Winter im Durchschnitt länger ist als im Sommer. Das liegt aber aller Wahrscheinlichkeit nach an der geringeren Lichtmenge und der dadurch verstärkten Produktion des Hormons Melatonin, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Die Schlafzimmertemperatur ist ja im Jänner nicht anders als etwa im Oktober. Ein spezieller Einfluss von Kälteperioden auf das Schlafverhalten ist nicht belegt.“

10. Hitze macht aggressiver, Kälte auch?

„Bei Hitze gibt es eindeutig Daten in diese Richtung, bei Kälte ist das anders. Sie dämpft zunächst einmal, macht ruhiger, viele bewegen sich weniger. Erst wenn es wirklich längere Zeit sehr kalt ist und die Menschen dadurch ,angezipft‘ sind, kann sich Kälte deutlich auf die Stimmung schlagen. Belastender sind lange Nebelphasen und Dunkelheit, aber meist nicht Kälte an sich. Viele empfinden sie auch als angenehm – besonders, wenn die Sonne scheint und Schnee liegt.“

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