Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Hitzewelle in Wien: Über 1.000 Rettungseinsätze an heißen Tagen

Eine neue Wiener Studie zeigt: Hitzewellen lassen die Zahl der Rettungseinsätze messbar steigen – speziell, wenn es auch nachts heiß bleibt.
++ THEMENBILD ++.LANDESPOLIZEIDIREKTION WIEN SCHWERPUNKTAKTION "ROADRUNNER"

Die aktuelle Hitzewelle in Österreich erreichte Rekordtemperaturen und die nächste Welle zeichnet sich bereits ab. Solche extremen Hitzeperioden belasten nicht nur die Bevölkerung, sondern auch Einsatzorganisationen. 

Eine neue Analyse des Ludwig Boltzmann Institute for Digital Health and Patient Safety (LBI DHPS) gemeinsam mit der MedUni Wien, dem Complexity Science Hub, der Berufsrettung Wien sowie der University of California, San Francisco zeigt, dass während Hitzewellen die Zahl der Rettungseinsätze in der Bundeshauptstadt Wien signifikant ansteigt. 

An Sommertagen rückte die Berufsrettung im Durchschnitt zu 900 bis 1.000 Einsätzen pro Tag aus, an Spitzentagen sogar zu mehr als 1.000. Je intensiver und länger eine Hitzewelle andauerte, desto stärker nahm auch die Nachfrage nach Notfallversorgung zu. 

Hitze ist allerdings nicht nur gefährlich, wenn das Thermometer tagsüber auf Rekordwerte klettert, entscheidend ist offenbar auch, was in der Nacht passiert. 

Für die Studie, die in Scientific Reports veröffentlicht wurde, werteten Forschende der Medizinischen Universität Wien, der Wiener Berufsrettung MA70, UBIMET und weiterer Einrichtungen mehr als 936.000 Rettungseinsätze aus den Jahren 2018 bis 2021 aus. Diese wurden mit hochaufgelösten Wetterdaten aus einem 506-Punkte-Raster über Wien verknüpft.

Ein zentrales Ergebnis: Nicht nur die größte Hitze am Tag ist entscheidend, besonders gut ließ sich die Zunahme der Rettungseinsätze über die Mindesttemperatur erklären – also darüber, ob es in der Nacht noch ausreichend abkühlt. Sank die Temperatur an mindestens zwei Tagen hintereinander nicht unter rund 20,5 Grad, gab es etwa 9 Prozent mehr Rettungseinsätze. Bei noch wärmeren Nächten war der Effekt stärker, solche Hitzeperioden kamen aber seltener vor.

Warum die Nacht für die Erholung so wichtig ist

Der Befund ist medizinisch nachvollziehbar: Der Körper braucht die Nacht, um sich von der Hitzebelastung des Tages zu erholen, kühlt es nicht ausreichend ab, bleibt der Kreislauf belastet. Der Schlaf wird schlechter, die Regulation der Körpertemperatur schwieriger, die Belastungen summieren sich. 

Die Studie legt also auch nahe, dass für Hitzewarnungen nicht nur die Tageshöchsttemperatur entscheidend ist. Auch Nächte, in denen die Temperatur kaum unter 20 Grad fällt, sollten stärker berücksichtigt werden. Gerade in einer Großstadt wie Wien, wo sich dicht bebaute Gebiete besonders aufheizen, kann dieser Effekt relevant sein. Laut Studie lagen die Durchschnittstemperaturen im Wiener Stadtzentrum um etwa 2 Grad höher als in den Außenbezirken.

Besonders betroffen: Kinder und ältere Menschen

Nicht alle Gruppen waren gleich stark betroffen. Relativ gesehen stiegen die Rettungseinsätze besonders deutlich bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre sowie bei Menschen zwischen 76 und 85 Jahren. Auch Frauen zeigten in der Analyse eine etwas stärkere relative Zunahme als Männer.

„Die Studie zeigt klar, dass Hitzewellen das Gesundheitssystem spürbar belasten, besonders bei vulnerablen Gruppen. Gleichzeitig sehen wir, dass diese Belastung nicht nur während der Hitze selbst, sondern auch Tage danach anhält. Solche Muster frühzeitig zu erkennen, ist entscheidend, um Rettungsdienste und Gesundheitssysteme besser auf extreme Hitze vorzubereiten und rechtzeitig zu entlasten“, erklärt Oliver Kimberger, Co-Autor der Studie, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin sowie wissenschaftlicher Leiter am LBI DHPS. 

Dabei zeigte sich, dass Hitze nicht nur zu klassischen Hitzeschäden führt, besonders deutlich nahmen Einsätze wegen Hitze- bzw. Kälteexposition, COPD, Bewusstlosigkeit oder Ohnmacht zu. Auch Krampfanfälle, Verletzungen, Stürze und Gewaltereignisse wurden während Hitzewellen häufiger registriert. 

Das ist nachvollziehbar: Denn Hitze belastet den Körper nicht nur direkt durch Überwärmung oder Flüssigkeitsmangel, sie kann bestehende Erkrankungen verschlechtern, die Sturzgefahr erhöhen, den Kreislauf destabilisieren und offenbar auch mit mehr Unfällen oder Konfliktsituationen einhergehen.

Die erste Hitzewelle ist besonders heikel

Interessant: Die erste Hitzewelle eines Sommers hatte in der Studie stärkere Auswirkungen als spätere Hitzeperioden. Die Forschenden vermuten, dass der Körper und das Verhalten der Menschen zu Beginn der Saison noch weniger angepasst sind. Später im Sommer können sich Menschen eher an Hitze gewöhnen oder Schutzmaßnahmen bewusster setzen. 

Auch die Dauer spielte eine Rolle: Am ersten Hitzetag stieg die Zahl der Rettungseinsätze bereits um rund 6,5 Prozent. Bis zum vierten Tag nahm der Effekt auf knapp 13 Prozent zu. Die Belastung baut sich also auf. Und sie endet nicht sofort, wenn die Hitzewelle vorbei ist: Laut Analyse blieben die Rettungseinsätze noch bis zu fünf Tage danach erhöht. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Hitzewellen die Notfallversorgung deutlich stärker beeinflussen als bislang angenommen“, so Sebastian Zeiner, Studienerstautor sowie Anästhesist und Intensivmediziner an der MedUni Wien und der UCSF. „Mit zunehmender Intensität und Dauer von Hitzeperioden steigt auch die Zahl der Rettungseinsätze spürbar an. Diese Erkenntnisse können helfen, Einsatzkapazitäten künftig vorausschauender zu planen und Gesundheitswarnsysteme gezielter auszurichten.“

Aufbauend auf dieser Arbeit entwickelt die Forschungsgruppe derzeit Machine-Learning-Modelle zur Vorhersage des Rettungsdienstaufkommens, um die Einsatzplanung künftig weiter zu verbessern. 

Personal- und Ressourcenplanung könnten sich dann künftig nicht nur an angekündigten Temperaturspitzen orientieren, sondern auch an der Abfolge warmer Nächte, der ersten Hitzewelle der Saison und besonders gefährdeten Personen.

Kommentare