Nach Hitze: Warnung vor „Gewitterasthma“
Seit langem ist bekannt, dass eine starke Exposition gegenüber kalter Luft Asthmaanfälle auslösen kann. Doch es gibt auch das Gegenteil. In den vergangenen Jahren ist international viel zu einem wenig bekannten Allergie-Phänomen geforscht worden, das nur bei bestimmten heißen Wetterlagen auftritt: „Gewitterasthma“, das mit einem Schlag viele Menschen heimsuchen kann.
„Gewitterasthma, auch 'Thunderstorm Asthma' (TSA; Anm.) genannt, ist ein sehr seltenes Phänomen. Es wurde weltweit bekannt, als 2016 im australischen Melbourne nach einem schweren Gewittersturm mehrere tausend Personen wegen asthmatischer und allergischer Beschwerden in Krankenhäusern behandelt werden mussten und acht Menschen infolgedessen starben“, hat dazu Jeroen Buters vom Zentrum für Allergie und Umwelt der TU München in einem Beitrag für den Allergieinformationsdienst der deutschen Helmholtz-Gemeinschaft geschrieben.
Im November 2016 hatten in der Region um Melbourne an einem Tag 3.365 Personen wegen akuter Atemwegsbeschwerden die Notfallambulanzen der Krankenhäuser aufgesucht. Das war fast das Siebenfache an solchen Fällen an „normalen“ Tagen. 476 der Patienten hatten stationär aufgenommen werden müssen, was das Zehnfache der sonstigen Frequenz bedeutete, wie jetzt auch die deutsche „Pharmazeutische Zeitung“ schrieb.
Beschwerden 20 bis 30 Minuten nach Gewitterbeginn
An sich freuen sich viele Allergiker über Sommergewitter, welche die Schwüle brechen. Das gilt auch für Menschen, die zum Glück kein Asthma haben, aber an allergischer Rhinitis, eben dem „Heuschnupfen“, leiden. Doch bei einem Gewitter kann sich die Sachlage schnell drehen. „Betroffen sein können davon nicht nur Patienten mit bekanntem Asthma bronchiale, sondern auch solche mit anderen Atemwegsallergien wie allergischer Rhinitis. Tatsächlich haben sogar mehr Patienten mit TSA eine vorher bestehende allergische Rhinitis als ein Asthma. Auch Personen, die unter gewöhnlichen Bedingungen nur leichte Heuschnupfen-Symptome haben, können ein TSA entwickeln“, hieß es in der deutschen Apothekerzeitung.
„Gewitterasthma“ hat jedenfalls charakteristische Merkmale. „Die starken allergischen Beschwerden treten etwa 20 bis 30 Minuten nach Beginn eines Gewitters auf. Forschende vermuten folgenden Zusammenhang: Da sich im gleichen Zeitraum auch besonders viele Allergene in der Luft befinden, gelangen entsprechend große Mengen dieser allergieauslösenden Substanzen beim Einatmen in die Atemwege. Allergische Asthmaanfälle oder Symptome einer allergischen Rhinitis (allergischer Schnupfen) können bei Menschen mit Allergie deshalb besonders stark etwa eine halbe Stunde nach Beginn eines Gewitters auftreten“, stellte der Münchner Experte dazu fest.
Aufgewirbelte, aufgeladene Pollen
Dafür verantwortlich sind vor allem Pollen von Pflanzen und Pilzsporen. „Pollen - vor allem von Gräsern - sowie Pilzsporen werden im Vorfeld eines Gewitters vermehrt aufgewirbelt. Aufgrund der elektrostatischen Aufladung und der Luftfeuchtigkeit während des Gewitters quellen sie osmotisch auf und platzen. Die allergieauslösenden Bestandteile der Pollen und Sporen werden in die Umgebungsluft geschleudert und dann durch starke Fallwinde schnell und in großen Mengen auf Bodennähe transportiert“, so lautet die Erklärung der Fachleute für das Phänomen rund um an sich oft ersehnte Gewitter nach besonders schwülen und heißen Tagen, welche Hitzeperioden brechen lassen.
Wahrscheinlich entstehen durch das Aufplatzen der Pollen auch kleinere Allergen-Teilchen, welche tiefer in die Bronchien in der Lunge eindringen. „Eine andere Vermutung ist, dass die Pollen durch das Gewitter leicht geöffnet werden und in diesem Zustand auf den Schleimhäuten schneller als geschlossene Pollen ihre Allergene freisetzen können. Kleine lungengängige Teilchen befinden sich zwar grundsätzlich bei höherer Luftverwirbelung (wie bei Gewitter) vermehrt in der Luft, bei einem Gewitter kommen aber zusätzlich viele andere gröbere Partikel aus Erdmaterial, Bakterien oder Schimmelsporen hinzu“, schrieb der deutsche Allergieinformationsdienst.
Vor allem bei Menschen mit Heuschnupfen und unzureichend behandeltem Asthma könnten deshalb plötzlich hereinbrechende Gewitter das Risiko dieser Form von Asthma erhöhen. „Gewitterasthma“ kann dann auch erstmalig, also auch bei Nicht-Asthmatikern, auftreten. Ist dies der Fall, handelt es sich um bis zu dem Zeitpunkt unentdecktes Asthma, das dann erstmals aufgrund der starken Belastung Symptome hervorruft.
Tipps für Betroffene
Der Ratschlag der Experten: Personen, die an starkem allergischen Asthma oder an Heuschnupfen leiden, sollten sich bei einem Gewitter am besten in Innenräumen aufhalten. Wenn sich bei einem Gewitter ein Aufenthalt im Freien nicht vermeiden lässt, empfiehlt der deutsche Bundesverband der Pneumologen, die Atemwege zu schützen, indem Betroffene über ein Tuch durch die Nase einatmen und über den Mund ohne Tuch ausatmen.
Darüber hinaus gelten natürlich die Empfehlungen der Allergologen: Eine spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) kann Betroffene langfristig auch vor „Gewitterasthma“ schützen. Besonders gefährdete Asthma-Patienten können auch prophylaktisch ihre Medikamente einnehmen, wenn ein Gewitter heranzieht. Oft sind das Kortisonsprays zum Inhalieren und im Fall des Falles Mittel, welche die Bronchien erweitern.
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