Herzkrankheiten: Wie laut Kardiologen oft auch die Psyche leidet

Stress oder Einsamkeit belasten das Herz, und Herzkrankheiten wirken auf die Psyche. Österreichische Kardiologen erklären, wie eng beides zusammenhängt und warum das viele unterschätzen.
Das Bild zeigt eine Illustration, wo aus einem Kopf Blumen sprießen und die illustrierte Person ein Herz in dre Hand hält: Die Zusammenhänge zwischen Herz und Psyche sind enger als vielen bewusst ist

Akuter und chronischer Stress, Depressionen, Angst, Arbeitslosigkeit, Beziehungstrauma oder Einsamkeit: „Psychosoziale Faktoren können zur Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen“, sagt die Kardiologin Oberärztin Dr. Elisabeth Schönherr. Sie leitet die Arbeitsgruppe Kardiologische Psychosomatik der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft. Diese organisiert den Lehrgang „Curriculum für kardiologische Psychosomatik“, um mehr Aufmerksamkeit und Fachwissen in diesem Bereich zu schaffen. Federführend ist OÄ Dr. Evelyn Kunschitz vom Hanusch-Krankenhaus in Wien. Zielgruppe sind Ärzteschaft, Pflege, Psychologinnen und Psychologen.

In den vergangenen Jahren sei die Sensibilität für den Zusammenhang zwischen Herz und Psyche deutlich gestiegen. „Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich nachgewiesen.“

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Die Kardiologin Dr. Elisabeth Schönherr ist Oberärztin am Universitätsklinikum Wiener  Neustadt, NÖ, und Leiterin der Arbeitsgruppe Kardiologische Psychosomatik der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft.

2025 ist erstmals ein Positionspapier der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft erschienen, das „das Bewusstsein für die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen psychischer Gesundheit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen schärfen“ soll:

  • Einerseits erhöhen bei Gesunden die unterschiedlichen psychosozialen Faktoren das Risiko für eine Herzerkrankung.
  • Und umgekehrt können Erkrankungen des Herz-Kreislauf-System zu Belastungsstörungen, Angststörungen und Depressionen führen.

Depressionen sind häufig

„Ein gutes Drittel der Herz-Patienten ist von Depressionen betroffen“, erläutert Schönherr. „Besonders ältere Frauen leiden nach einem Herzinfarkt im Vergleich zu gleichaltrigen Männern fast doppelt so häufig an Symptomen wie einer Antriebslosigkeit oder einem Verlust des Selbstwertes.“

Ebenfalls etwas mehr als ein Drittel der Herz-Patienten hat eine Angststörung. Auch diese sind bei Frauen deutlich häufiger, etwa bei älteren Patientinnen mit einer Herzschwäche.

Stressfaktoren wirken auf mehrfache Weise krankheitsfördernd: „Einerseits erhöhen sie den Blutdruck, man ernährt sich schlechter, nimmt zu. Gleichzeitig entstehen auf zellulärer Ebene Entzündungsprozesse, die lange unbemerkt bleiben, weil sie keine akuten Symptome wie Fieber oder einen Schnupfen verursachen.“

„Der Zusammenhang zwischen  psychischer Gesundheit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen.“

von Kardiologin Elisabeth Schönherr

Kommt ein Patient erstmals zu einer Kardiologin oder einem Kardiologen, dann sollte neben den klassischen Untersuchungen wie Herz-Ultraschall oder Belastungs-EKG immer auch genau hingehört und hingeschaut werden, „wie es dem Betroffenen insgesamt geht, körperlich und psychisch. Das ist unter dem heutigen Zeitdruck nicht einfach, aber es gibt z. B. unkomplizierte Fragesysteme, mit deren Hilfe man nach zwei kurzen Fragen abschätzen kann, ob eine Depression zugrunde liegen könnte.“

Diese Patienten neigen besonders stark dazu, sich zu isolieren, nehmen auch die Medikamente oft sehr unregelmäßig und haben das Gefühl, „,für nichts mehr gut zu sein‘. Hier reicht es nicht, nur Medikamente zu verordnen“.

Der Herzbefund zeigt nicht alles

Ziel der psychosomatischen Medizin in der Kardiologie ist es, „diese bio-psycho-sozio-kulturellen Aspekte einer Krankheit zu erkennen, anzusprechen und gemeinsam mit dem Patienten die weiteren Schritte festzulegen – das ist der Idealfall“.

Schönherr sieht immer wieder Patientinnen und Patienten, die „von einem Druck auf der Brust“ berichten, bei denen aber ein Coronar-CT und die Herzkatheteruntersuchung völlig unauffällig sind und auch keine klassischen Risikofaktoren wie Rauchen vorhanden sind.

Hands with heart icon or Valentines give symbol

„Da muss man hellhörig sein, ob nicht vielleicht eine psychische Ursache hinter den Symptomen steckt. In diesem Fall ziehe ich im Spital unsere klinische Gesundheitspsychologin bei, und gemeinsam besprechen wir dann mit dem Patienten die weitere Vorgangsweise – ob wir psychologische Entlastungsgespräche, weiterführende Psychotherapie oder, falls nötig, Medikamente vom Psychiater empfehlen. Dafür ist aber ein sensibles Gespräch notwendig. Denn es spielen hier oft viele Faktoren mit, die man nicht so gerne mit jemandem Fremden bespricht: Probleme in der Partnerschaft, in der Sexualität etwa. Oder auch Schlafprobleme.“

Vielen helfe auch eine psychokardiologische Rehabilitation, bei der psychologische und psychotherapeutische Therapiestunden ein Schwerpunkt sind. Die meisten Patienten seien froh, wenn die psychischen Aspekte angesprochen werden: 

„Oft höre ich dann Sätze wie ,danke, dass wir darüber geredet haben. Ich spüre ohnehin schon lange, dass etwas nicht stimmt‘.“ Es gebe aber auch andere Beispiele, die Managercharaktere etwa, die rund um die Uhr gearbeitet haben und sich für unverwundbar hielten. „Die verstehen zunächst nicht, wieso sie betroffen sind, weil sie doch bisher alles geschafft haben. Bei dieser Gruppe wächst oft erst in der Reha das Verständnis dafür, wie sie in ihre Situation gekommen sind und was sie ändern sollten.“

Auf die Psyche einlassen

Für viele Kardiologinnen und Kardiologen sei es nicht einfach, psychische Themen anzusprechen: „Ein mechanistisch orientierter Kardiologe macht einen Herzultraschall, setzt den Patienten aufs Fahrrad und das war es dann. Als Arbeitsgruppe möchten wir bei unseren Kolleginnen und Kollegen mehr Bewusstsein für den Zusammenhang Herz & Seele bzw. für eine umfassendere Therapiequalität schaffen. Viele Absolventinnen und Absolventen des Curriculum sagen, dass sie jetzt besser mit ihren Patienten diese Themen ansprechen können, sie besser einordnen können und sich gleichzeitig aber auch besser abgrenzen können – alles Voraussetzungen, um den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität der Patienten positiv zu beeinflussen.“

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