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Hantavirus auf Kreuzfahrtschiff: So geht es für die Passagiere weiter

Nach drei Todesfällen und drei Schwererkrankten könnten sich auch weitere Personen mit dem lebensbedrohlichen Virus infiziert haben. Was das für die Passagiere an Bord bedeutet.
Das Kreuzfahrtschiff "MV Hondius".

Nach dem Bekanntwerden mehrerer Krankheitsfälle mit Verdacht auf eine Hantavirus-Infektion läuft an Bord des Kreuzfahrtschiffs „MV Hondius“ ein umfassendes medizinisches und epidemiologisches Vorgehen an. Fachleute sprechen von einem ungewöhnlichen Infektionsgeschehen, das in dieser Form auf einem Kreuzfahrtschiff nicht zu erwarten ist. Bisher wurde ein Fall einer Hantavirus-Infektion nachgewiesen, fünf weitere gelten als Verdachtsfälle. Drei Personen verstarben, eine wird derzeit intensivmedizinisch betreut, der KURIER berichtete

2 Hauptszenarien möglich

Das Schiff legte vor etwa drei Wochen in Argentinien ab und liegt aktuell vor der Hauptstadt von Kap Verde vor Westafrika. Unklar ist bisher, was die Quelle für die Virusinfektion ist, wie sich die Passagiere also angesteckt haben könnten. Nach Einschätzung von Experten kommen zwei Hauptszenarien infrage: 

  • Zum einen könnten sich einzelne Passagiere bereits vor der Einschiffung in Südargentinien oder einem anderen südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an Bord gebracht haben. Sollte es sich dabei um das sogenannte Andes-Virus handeln, wäre in seltenen Fällen auch eine Weiterübertragung von Mensch zu Mensch bei sehr engem Kontakt möglich. Da das Schiff aus Südargentinien kam, müsse diese Möglichkeit „differenzialdiagnostisch ernst genommen werden“, sagt Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.
  • Zum anderen wird geprüft, ob es an Bord selbst zur erstmaligen Ansteckung gekommen sein könnte, etwa durch Nagetiere oder durch mit deren Ausscheidungen kontaminierte Bereiche. Denkbar seien infizierte Vorratslager, Kabinen, Oberflächen oder Staub, falls Mäuse oder Ratten Zugang zum Schiff hatten. Beide Möglichkeiten müssten nun durch epidemiologische Untersuchungen, Umweltinspektionen, Nagetierkontrollen und virologische Diagnostik sorgfältig abgeklärt werden.

Weitere Erkrankungen nicht ausgeschlossen

Auch internationale Fachleute halten eine gemeinsame Ansteckungsquelle für wahrscheinlich. Der britische Virologe Liam Brierley von der University of Glasgow erklärt, Hantaviren würden „in der Regel nicht gut von Mensch zu Mensch übertragen“. Ausbrüche träten meist bei Personen auf, die sehr intensiv mit Nagetierausscheidungen in Kontakt kamen. Es sei daher „extrem wahrscheinlich, dass diese Fälle auf eine einzelne gemeinsame Expositionsquelle zurückzuführen sind“. Aufgrund der langen Inkubationszeit könne es jedoch schwierig sein, Zeitpunkt und Ort der Ansteckung genau zu bestimmen.

Für die Passagiere bedeutet das: Auch in den kommenden Tagen und Wochen können noch weitere Krankheitsfälle auftreten. Hantavirus-Infektionen haben eine Inkubationszeit von mehreren Tagen bis zu mehreren Wochen. Man könne „zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass noch weitere Personen an Bord betroffen sein könnten“, betont Schmidt Chanasit. Während das Risiko für die Allgemeinbevölkerung laut WHO derzeit als niedrig eingeschätzt werde, sei die Situation für Passagiere und Crew anders zu bewerten, da sie möglicherweise derselben Ansteckungsquelle ausgesetzt waren oder engen Kontakt zu Erkrankten hatten.

Hantavirus-Lungen-Syndrom kann sehr schwer verlaufen

Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, ob das Andes-Virus beteiligt ist. Dieses in Südamerika vorkommende Hantavirus stellt eine seltene Ausnahme dar, bei der eine Übertragung von Mensch zu Mensch beschrieben ist. Charlotte Hammer von der University of Cambridge geht davon aus, dass es sich „sehr wahrscheinlich“ um das Andes-Virus handelt. „Die Gefahr dieser Hantaviren ist, dass sie im Anfangsstadium zu unspezifischen Symptomen führen, ähnlich einer Grippe. Ihr Fortschreiten zum Hantavirus-Lungen-Syndrom kann jedoch sehr schwer verlaufen mit einer Sterblichkeitsrate von bis zu 40 Prozent“, so Hammer. Da die Inkubationszeit bis zu acht Wochen betrage, seien weitere Fälle weiterhin möglich.

Bis zur endgültigen Klärung der Virusart gelten an Bord strenge Vorsichtsmaßnahmen. Erkrankte Personen werden isoliert, enge Kontaktpersonen aktiv überwacht. Medizinisches Personal arbeitet mit entsprechender Schutzausrüstung. Sollte sich der Verdacht auf das Andes-Virus bestätigen oder stark erhärten, würden diese Maßnahmen konsequent ausgeweitet. Schmidt-Chanasit betont, dass man bei unklarer Hantavirus-Spezies und schwerer Atemwegserkrankung nach Aufenthalt in Südargentinien zunächst vorsorglich so vorgehen müsse, „bis das Andes-Virus ausgeschlossen ist“.

Keine Therapie, nur Symptome werden behandelt

Eine gezielte antivirale Therapie gegen Hantaviren gibt es nicht. Die Behandlung beschränkt sich auf unterstützende Maßnahmen. Dazu gehören eine engmaschige Überwachung, Sauerstoffgabe sowie bei schweren Verläufen eine intensivmedizinische Behandlung bis hin zur künstlichen Beatmung oder einer ECMO-Therapie. Das ist ein intensivmedizinisches Verfahren, bei dem das Blut außerhalb des Körpers über eine künstliche Lunge mit Sauerstoff angereichert und von Kohlendioxid befreit wird. Sie wird eingesetzt, wenn Herz oder Lunge vorübergehend nicht mehr ausreichend funktionieren, etwa bei schwerem Lungenversagen und erlangte während der Covid-Pandemie breitere Bekanntheit. Gerade bei Verdacht auf ein Hantavirus-Lungen-Syndrom sei eine frühe intensivmedizinische Anbindung entscheidend, so die Experten.

Ältere Menschen seien besonders gefährdet, und diese Altersgruppe sei auf Kreuzfahrten häufig vertreten. Gleichzeitig betonen die Experten, dass es unwahrscheinlich sei, dass es außerhalb des Schiffes zu einem erhöhten Risiko für Ansteckungen komme. 

Für die Reisenden bedeutet die aktuelle Lage vor allem Geduld, erhöhte Wachsamkeit und medizinische Kontrollen. Die Behörden und medizinischen Teams arbeiten daran, die Infektionsquelle zu identifizieren, weitere Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und eine mögliche Weiterverbreitung zu verhindern. Solange die genaue Ursache nicht geklärt ist, bleibt die Situation unter strenger Beobachtung. 

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