Hantavirus-Schiff: Ist mit weiteren erkrankten Passagieren zu rechnen?
Bei drei Erkrankten des Kreuzfahrtschiffes MV Hondius wurde die in Südamerika verbreitete Andes-Variante des Hantavirus nachgewiesen. Das Schiff ist derzeit auf dem Weg zu den kanarischen Inseln. Auf den Kanaren sollten die Passagiere und die Crew unter strengen Sicherheitsvorkehrungen untersucht und behandelt werden, um dann in ihre Heimatländer zurückgebracht zu werden. "Die Bestätigung des Andes-Virus macht die Lage ernster, aber nicht automatisch unkontrollierbar", schreibt dazu der Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München, Roman Wölfel, in einer Stellungnahme für das deutsche Sciencemediacenter.
Der Grund, warum die Lage jetzt als ernster eingestuft wird: "Bei den meisten Hantaviren erwarten wir keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Das Andes-Virus ist hier die wichtige Ausnahme: Für diesen südamerikanischen Hantavirus-Typ sind begrenzten Übertragungen zwischen Menschen beschrieben, vor allem bei sehr engem und längerem Kontakt."
Deshalb müsse die Mensch-zu-Mensch-Übertragung jetzt als realistische Arbeitshypothese behandelt werden - nachgewiesen ist sie aber noch nicht, wie auch der österreichische Virologe Florian Krammer in der ZiB 2 am Mittwochabend sagte. Wölfel: "Für jeden der jetzt aufgetretenen Erkrankungsfälle sollte aber auch geprüft werden, ob nicht eine gemeinsame Expositon gegenüber Nagetieren in Südamerika die bessere Erklärung ist."
Wölfel und auch andere Expertinnen und Experten beruhigen gleichzeitig aber auch: "Nach allem, was wir wissen, verhält sich das Andes-Virus nicht wie klassische, leicht übertragbare Atemwegsviren, wie zum Beispiel Influenza- oder Coronaviren. Die Übertragung zwischen Menschen scheint vor allem bei engem Kontakt zu Erkrankten möglich zu sein, etwa über Speichel oder Atemwegssekrete im Nahbereich."
Was das wahrscheinlichste Szenario für die nächsten Tage ist
Deshalb geht Wölfel für den weiteren Verlauf dieses Ausbruchs auch "eher von einzelnen weiteren Fällen" aus als von einer explosionsartigen Ausbreitung. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen seien beim Andes-Virus selten. "Wahrscheinlich ist deshalb eher ein begrenztes Cluster mit einzelnen weiteren Fällen unter engen Kontaktpersonen als eine große epidemische Welle."
Das sieht auch sein Kollege Roland Schwarzer vom Uniklinikum Essen so: "Es ist möglich, dass aufgrund der Inkubationszeit noch einzelne weitere Fälle erkannt werden. Ein großflächiges Ausbruchsgeschehen in der Allgemeinbevölkerung wäre nach derzeitigem Wissensstand jedoch nicht zu erwarten."
Was aber bedeutet das für die Passagiere der MV-Hondius jetzt konkret? Dazu Wölfel: "Für die Menschen an Bord des Kreuzfahrtschiffes und für Kontaktpersonen der Patienten heißt das aus meiner Sicht: Keine Panik, aber konsequente Nachverfolgung. Symptomatische Personen müssen isoliert und medizinisch eng überwacht werden. Für Hochrisikokontakte, wie enge Kontaktpersonen oder Pflegepersonen, kann eine mehrwöchige Quarantäne sinnvoll sein. Für Personen mit nur flüchtigem Kontakt würde ich eher eine strukturierte Selbstbeobachtung mit festgelegten Rückmeldungen an die Gesundheitsbehörden empfehlen."
Übertragungswege: In Österreich sind es vor allem Rötelmäuse, die über Speichel, Kot und Urin das Puumala-Virus (ein Hanta-Virus) ausscheiden und so übertragen können. Die Infektion von Menschen erfolgt v. a. durch das Einatmen von virushältigem Staub.
Symptome: Hohes Fieber, Kopfschmerz, Schüttelfrost, Bauch-, Flanken- und Rückenschmerzen. Es kann zu einer Nierenfunktionsstörung kommen, in rund vier Prozent der Fälle sogar zu einem akuten, aber vorübergehenden Nierenversagen.
In Europa treten vor allem sogenannte "Alte-Welt-Hantaviren" auf, wie das Puumala-Hantavirus. Die in Europa vorkommenden Virusstämme gelten jedoch im Vergleich zu Infektionen mit dem südamerikanischen Andes-Virus als deutlich weniger tödlich.
Die Patienten leiden unter plötzlich auftretendem hohen Fieber mit Kopfschmerz und Schüttelfrost. In der Folge kommen meist Bauch-, Flanken- und Rückenschmerzen dazu – eine Folge einer (vorübergehenden) Nierenfunktionsstörung, die zum Anschwellen der Nieren führt. Meist verursacht die Krankheit aber keine Folgeschäden. In sehr seltenen Fällen können allerdings auch Infektionen mit dem Puumala-Hantavirus zum Tod führen. 2012 starb ein 65-jähriger Patient an den Folgen einer Infektion in Österreich.
Die Übertragung auf den Menschen findet durch infizierte Nagetiere statt. Diese scheiden das Virus über Speichel, Urin und Kot aus. Eine Ansteckung kann durch Nagetierbisse, direkten Kontakt mit Nagern oder deren Ausscheidungen sowie durch das Einatmen von mit den Ausscheidungen vermischtem Staub erfolgen.
Könnte sich das Andes-Virus auch in Europa ausbreiten?
"Die Gefahr wird als eher gering eingeschätzt", sagt Martin Eiden, Leiter des Referenzlabors für Hantaviren vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Greifswald-Insel Riems. "Der wichtigste Grund dafür ist, dass der natürliche tierische Wirt des Andes-Virus wie Reisratten oder Zwergreisratten hier nicht vorkommt und damit eine dauerhafte Verbreitung erschwert wird. Zudem sind bestätigte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen bisher äußerst selten."
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