Verzicht mit Folgen: Wer lieber nicht fasten sollte

Fasten gilt als gesund – doch für manche Menschen ist vor allem strenger Nahrungsmittelverzicht riskant.
Eine Frau sitzt nachdenklich am Küchentisch mit Obst, Gemüse, einem Glas Saft und einer Schale Mehl vor sich.

Die Fastenzeit ist in vollem Gange. Insbesondere ein umfassender Nahrungsmittelverzicht ist aber nicht für alle das Richtige. Menschen mit Diabetes Typ 1 sollten etwa aufgrund der Gefahr einer Stoffwechselentgleisung nur unter ärztlicher Aufsicht streng fasten. Das gilt auch für Personen mit Gicht oder Gallensteinen, bei Suchterkrankungen, fortgeschrittener koronarer Herzerkrankung, Magen- oder Darmgeschwüren oder Tumorerkrankungen. Generell sollten sich Menschen mit Vorerkrankungen zuvor von einem Arzt oder einer Ärztin beraten lassen. 

Schwangere und stillende Mütter sollten radikale Ernährungseinschränkungen laut Fachleuten ebenfalls gut abwägen. Auch die Einnahme bestimmter Medikamente kann gegen eine Fastenkur sprechen.

Besondere Risikogruppe: Menschen mit Essstörungen

Das deutsche Bundeszentrum für Ernährung rät außerdem Menschen mit Kachexie (pathologischer Gewichtsverlust, z. B. infolge von Tumor- und AIDS-Erkrankungen), einer unbehandelten Schilddrüsenüberfunktion, Durchblutungsstörungen des Gehirns oder Demenz sowie einer Leber- oder Niereninsuffizienz von Fastenkuren ab. 

Eine besondere Risikogruppe bilden Menschen mit Essstörungen bzw. Jugendliche, die ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer solchen mitbringen, weiß Andreas Karwautz, Leiter der Ambulanz für Essstörungen im Kindes- und Jugendalter an der MedUni Wien. "Diäten – im medizinischen Jargon kennen wir den Begriff des Fastens im Grunde nicht – sind der Einstieg in jede Essstörung", sagt Karwautz, auch Präsident der International Eating Disorders Research Society (EDRS).

"Die Epidemie der Diäten wird eher durch Selbstwertprobleme befeuert"

Zunächst verzichten Jugendliche – betroffen sind vor allem Mädchen zwischen zehn und 20 Jahren – auf kalorienreiche Lebensmittel, dann streichen sie ganze Mahlzeiten und beschleunigen das Abnehmen durch exzessiven Sport oder den Gebrauch von Abführmitteln.

"Bis auf wenige medizinische Gründe, gibt es bei Kindern und Jugendlichen nichts, was für Fasten oder Diäten spricht", betont Karwautz. Ausnahmen würden sich bei krankhaftem Übergewicht oder einer Zöliakie (Gluten-Unverträglichkeit) ergeben. "Die Epidemie der Diäten, die wir in unserer Gesellschaft beobachten, wird eher durch Selbstwertprobleme befeuert", sagt er.

Nicht bei jedem Jugendlichen bringen Fasten-Bestrebungen eine Essstörung ins Rollen, betont der Experte. "Es braucht eine gewisse genetische Prädisposition, wir wissen inzwischen, dass 60 bis 70 Prozent der Anfälligkeit biologisch bestimmt sind." Bei entsprechender Veranlagung könne Fasten ein Trigger sein. "Insbesondere, wenn auch andere Risikofaktoren auf sozialer und psychologischer Ebene vorliegen."

Ein guter Nährboden sei etwa der Hang zum Perfektionismus, ebenso wie Selbstwertprobleme. Auch Schwierigkeiten in der Autonomieentwicklung – wenn eine altersadäquate Loslösung von den Eltern nicht möglich ist – können Essstörungen begünstigen.

"Jede Diät einer Jugendlichen ist in Wahrheit ein Warnzeichen"

"Jede Diät einer Jugendlichen ist in Wahrheit ein Warnzeichen", sagt Karwautz. Eltern, Lehrkräften und gleichaltrigen Freunden rät der Experte, das Gespräch über die Motivation zu suchen. 

Ein zentrales Therapieziel bei essgestörten Patientinnen und Patienten ist der Abbau des Diätverhaltens. Die Fastenzeit kann eine Einladung sein, wieder in ein solches einzusteigen, weiß Karwautz. "Das kann auch Erwachsene mit einer Essstörung in der Vorgeschichte betreffen, weswegen ich in solchen Fällen dringend rate, das Fasten zu überdenken oder gut im ärztlichen oder therapeutischen Rahmen abzusprechen."

Karwautz, der sich im Laufe seiner Karriere auch mit den Schnittstellen von Psychiatrie und Theologie befasst hat, unterstreicht außerdem die religiöse Bedeutung der Fastenzeit, die "weit über den bloßen Verzicht auf Nahrung oder Genussmittel hinausgeht".

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