Herzstillstand: Warum Frauen schlechtere Chancen haben
Das Bild zeigt zwei Medizinstudenten der Med Uni Innsbruck bei der Reanimation einer weiblichen Simulationspuppe.
Rund 15.000-mal im Jahr passiert es in Österreich: Das Herz hört plötzlich auf zu schlagen, der Kreislauf steht still, die Organe werden nicht mehr mit Sauerstoff versorgt.
„Pro Minute ohne Reanimation sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent“, sagt der Notfallmediziner Mario Krammel, Chefarzt der Wiener Berufsrettung und erster geschäftsführender Präsident von „PULS – Verein zur Bekämpfung des plötzlichen Herztodes“.
Für Frauen sind bei einem Herzstillstand die Überlebenschancen schlechter als für Männer: „In den USA werden laut einer Studie im öffentlichen Raum 45 Prozent der Männer, aber nur 39 Prozent der Frauen mit Herzstillstand reanimiert.“
Im März veröffentlichte die Med Uni Innsbruck Daten von Ersthelfern, die einmal an einer männlichen Simulationspuppe die Reanimation trainierten und einmal an einer weiblichen mit Perücke, Silikonbrüsten und BH: Die Qualität der Reanimation war bei den weiblichen Puppen schlechter. So war die Drucktiefe geringer als die empfohlenen fünf bis sechs Zentimeter.
Unbegründete Ängste
„Männer haben Hemmschwellen und Berührungsängste im tatsächlichen Wortsinn, aus Angst vor einer sexuellen Belästigung bei der Reanimation einer Frau“, sagt Krammel.
Die Ängste seien völlig unbegründet, betont der Notfallmediziner. „Liegt eine Person – egal, ob Mann oder Frau – auf dem Boden, ist nicht ansprechbar und atmet nicht oder nicht normal, muss ein Ersthelfer sofort den Brustkorb frei machen und mit der Herzdruckmassage beginnen. Diese Laienreanimation verdoppelt bis verdreifacht die Überlebenschance.“
Der Verein hat jetzt auf der Plattform Youtube ein Video mit dem Titel „Ist DAS sexuelle Belästigung?“ zu den rechtlichen Aspekten der Wiederbelebung bei Frauen veröffentlicht (siehe unten). „Wenn man einer Frau auf die Brüste greift, zum ausschließlichen Zweck, sie wiederzubeleben, dann hat das mit einer sexualisierten Handlung überhaupt nichts zu tun und ist mit Sicherheit nicht strafbar“, betont die Juristin Barbara Auracher-Jäger in dem Video:
Darüber hinaus sei es für eine sexuelle Belästigung erforderlich, dass man jemanden in seiner Würde verletzen will. „Hier geht es überhaupt nicht um eine Verletzung der Würde, sondern es geht ausschließlich und einzig um Wiederbelebungsmaßnahmen.“
Genauso wenig sei es eine Verletzung der Würde, wenn im Zuge von Reanimationsmaßnahmen auch der BH ausgezogen und weggegeben wird, wenn dadurch eine Reanimation leichter stattfinden könne. Und sollte es im Zuge von Reanimationsmaßnahmen zu Verletzungen kommen, sei das keinesfalls strafrechtlich relevant, betont Auracher-Jäger.
Krammel: „Bei Frauen wie Männern kann es bei der Reanimation zu Rippenbrüchen kommen, aber die sind unproblematisch und heilen komplett aus.“
Wird hingegen bei Frauen weniger fest und tief in den Brustkorb gedrückt, senkt auch das ihre Überlebenschance: „Die Brust tief hineinzudrücken ist unbedingt notwendig, um einen minimalen Blutkreislauf aufzubauen, damit das Herz und das Gehirn mit lebenswichtigem Sauerstoff versorgt werden.“
Rufen
Ist eine Person nicht ansprechbar und atmet sie nicht normal oder gar nicht, liegt ein Herzstillstand vor, die Person muss sofort reanimiert werden. Rufen Sie 144.
Drücken
Legen Sie die Hände übereinander und drücken Sie in der Mitte des Brustkorbes fest und schnell, mindestens 100-mal pro Minute.
Schocken
Falls ein Defibrillator (AED: Automatisierter externer Defibrillator) vorhanden ist, schalten Sie ihn ein und folgen Sie den Anweisungen.
Mehr Infos auf www.puls.at
„Keine falsche Scham“
Aber kann der BH auch angelassen werden, wenn ein Ersthelfer Hemmungen hat? „Man kann natürlich grundsätzlich auch drücken, wenn noch ein BH vorhanden ist. Aber man drückt dann vielleicht nicht so tief, weil es irgendwann Schmerzen verursacht. Und vor allem kann man nicht die linke Elektrode des Defibrillators richtig anbringen. Am einfachsten ist es deshalb, so wie in unserem Video den BH einfach nach oben wegzuziehen.“
Bisher konnten Ersthelfer in Kursen meist nur an männlichen Puppen trainieren. „Das ändert sich“, betont Krammel: „Es gibt in immer mehr Kursen weibliche Reanimationspuppen.“
Und der Rettungsarzt betont: „Man darf in dieser lebensbedrohlichen Situation keine falsche Scham haben, eine Frau zu berühren. Denn diese Scham kann ihr das Leben kosten.“
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