Neue Creme aus Österreich könnte Millionen Frauen helfen
75 Prozent aller Frauen leiden mindestens einmal in ihrem Leben an einer schmerzhaften Scheidenpilzinfektion.
75 Prozent aller Frauen leiden mindestens einmal in ihrem Leben an einer schmerzhaften Scheidenpilzinfektion. Scheidenpilz wird durch Candida-Pilze verursacht, sprich: Hefepilze, die ein normaler Bestandteil der menschlichen Haut- und Schleimhautflora sind.
"Normalerweise sind sie friedliche Mitbewohner, die keine Krankheitssymptome auslösen", sagt Gynäkologin Marion Noe. Unter gewissen Umständen ändere der Hefepilz sein Verhalten und werde zum Krankheitserreger. "Das sind einerseits Situationen, in denen das Immunsystem der Frau geschwächt ist." Das ist etwa der Fall, wenn eine andere bestehende Erkrankung mit Antibiotika behandelt wird.
Bei vielen Frauen ist Stress ein Auslöser. Aber auch bestimmte hormonelle Veränderungen, zum Beispiel in der zweiten Zyklushälfte oder in der Schwangerschaft, begünstigen Krankheitsausbrüche. "Dann kann eine Scheidenpilzinfektion entstehen", schildert Noe.
Im englischsprachigen Raum spricht man vom Scheidenpilz als sogenannte "honeymoon disease", da auch Geschlechtsverkehr der Erkrankung Vorschub leisten kann. "Geschlechtsverkehr kann die empfindliche Vaginalschleimhaut reizen bzw. verletzen und damit eine Entzündung auslösen, wodurch das Wachstum des Pilzes angeregt wird", erläutert Noe. Die Spermaflüssigkeit kann das Anwachsen der Infektion fördern.
Chronische Verläufe betreffen rund fünf Prozent aller Frauen
Klassische Symptome sind starkes Jucken und Brennen, auch ein Wundgefühl in der Scheide, das zu Schmerzen beim Wasserlassen und Sex führt. Ausfluss wird oft als Krankheitsanzeichen interpretiert. "Ausfluss ohne die anderen genannten Beschwerden deutet aber nicht auf einen Scheidenpilz hin", so Noe.
Oft heilt eine Scheidenpilzinfektion durch eine lokale Behandlung mit antimykotischen Cremes oder Zäpfchen ohne Komplikationen aus.
Nicht selten kommt es aber immer wieder, oft mehrmals pro Jahr, zu Ausbrüchen – dann spricht man von chronischem Scheidenpilz. "Oft heilt die Infektion nicht vollständig aus, es kommt zu häufigen Rückfällen bis zu chronischen Beschwerden", erläutert Noe. Chronische Verläufe betreffen rund fünf Prozent aller Frauen. "Also rund 150 Millionen Frauen weltweit", rechnet Noe vor.
Als Ursache wird oft eine besondere immunologische Abwehrschwäche im Genitalbereich genannt. "Meiner Ansicht nach dürfte es eher damit zusammenhängen, dass eine Erstinfektion verschleppt wird, weil zu spät, zu kurz oder mit falschen Medikamenten behandelt wird", sagt Noe. Letztlich bleibe eine stille chronische Entzündung in Vagina und Vulva bestehen, "die den Pilz in einem Bereitschaftsmodus hält und schon bei minimalen zusätzlichen Reizen einen Rückfall auslöst".
Mit Entzündungen sind immer auch Veränderungen an der Zelloberfläche verbunden, erklärt Noe. "Diese Veränderungen bewirken, dass infektiöse Krankheitserreger sich leichter an die Zelloberfläche anheften und in tiefere Gewebeschichten eindringen können."
Häufigere Ausbrüche werden in der Regel mit antimykotischen Tabletten oder Kapseln zum Schlucken, meist mit dem Antipilzmittel Fluconazol, therapiert.
Allerdings würden derzeit verfügbare Präparate oft keine zufriedenstellende Wirkung entfalten. "Oft wirken die Tabletten nur, solange man sie einnimmt. Sobald man sie absetzt, kommt der nächste Rückfall."
Das Pilzmittel unterdrücke zwar das Wachstum der Pilze, eliminiere sie aber nicht dauerhaft. "Das ist ja auch praktisch unmöglich, eben weil Hefepilze auch in einer gesunden Scheidenflora vorkommen." Gegen die Restentzündung sei Fluconazol zudem wirkungslos. Der Nährboden für weitere Ausbrüche bleibt bestehen.
Neues Kombi-Medikament
Mit ihrem Unternehmen ProFem forscht Noe seit einigen Jahren an einem neuen Mittel gegen chronischen Scheidenpilz. "Wir verfolgen den Ansatz, nicht nur gegen den Pilz, sondern auch gegen die Entzündung vorzugehen, um den Pilz langfristig wieder zum friedlichen Mitbewohner zu machen."
Möglich machen soll das eine lokal anzuwendende Creme mit einer Wirkstoffkombination aus Clotrimazol und Diclofenac, einem bekannten schmerzstillenden und entzündungshemmenden Wirkstoff, der in diesem Fall zum Einsatz kommt, weil er auch Anhaftung und Einwachsen des Pilzes an der entzündeten Vaginalschleimhaut unterbindet.
In einer klinischen Phase-III-Studie zeigte das Mittel vielversprechende Ergebnisse. "Die Rückfallrate konnte drastisch gesenkt werden", berichtet Noe. "Zu Beginn der Studie betrug die mittlere Rückfallrate der eingeschlossenen Patientinnen sechsmal pro Jahr. Diese Rate konnte auf 0,5-mal pro Jahr gesenkt werden – das entspricht einer Infektion alle zwei Jahre, was im Normbereich liegt."
"Ich kenne die Studiendaten nicht, aber es gibt bereits einige Daten aus dem Reagenzglas, die den positiven Effekt von Diclofenac stützen", sagt der Gynäkologe Philipp Fößleitner von der MedUni Wien. Fößleitner verweist konkret auf zwei Studien, die Wirkungen belegen. "Der Wirkmechanismus ist auch nachvollziehbar und könnte sich auch auf den Menschen übertragen lassen", erklärt Fößleitner.
Entsprechende Forschungen seien jedenfalls enorm relevant: "Wir brauchen dringend Therapiealternativen, weil chronischer Scheidenpilz aktuell sehr schwierig zu behandeln ist", betont der Experte.
In Kürze sollen die Ergebnisse publiziert werden. Dass dies bislang noch nicht geschehen sei, habe taktische Gründe, sagt Noe. Die Veröffentlichung soll zeitnah zur Markteinführung erfolgen, an der derzeit gearbeitet wird. Erhältlich sein soll das Medikament ab 2027.
Psyche leidet mit
Für betroffene Frauen wäre eine neue wirksame Arznei eine Erleichterung: "Chronischer Scheidenpilz verursacht einen sehr hohen Leidensdruck", weiß Fößleitner.
Auch in Noes Studie zeigten sich umfassende Belastungen durch die körperlichen Beschwerden. "Es war jeder Lebensbereich betroffen, es gab Einschränkungen im täglichen Leben, in der Mobilität, im Beziehungs-, Freizeit- und Sexualleben", sagt Noe.
50 Prozent der Patientinnen berichteten über Depressionen oder Symptome einer Angststörung. Durch die erfolgreiche Behandlung verschwanden auch diese Belastungen.
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