Schlucken statt Spritzen: Neuer Cholesterinsenker in Tablettenform
Beim Wort „Cholesterinsenker“ denken viele zunächst wohl an die Medikamentengruppe der Statine. Bei einem zu hohen Wert des sogenannten schlechten LDL-Cholesterins sind diese Tabletten - in Kombination mit einer Lebensstiländerung (gesündere Ernährung, mehr Bewegung, Rauchstopp, etc.) - die Medikamente der ersten Wahl. Seit einigen Jahren steht eine neue Substanzgruppe zur Verfügung, bisher allerdings nur in Form von Injektionen. In den USA wurde jetzt die erste Tablette dieser jungen Wirkstoffklasse der PCSK9-Inhibitoren (PCSK9-Hemmer) zugelassen.
Nicht alle Patientinnen bzw. Patienten erreichen trotz einer optimalen Therapie mit Statinen ihre Zielwerte. Für sie gibt es seit einigen Jahren eine neue Option, die junge Substanzklasse der „PCSK9-Hemmer“. Dabei handelt es sich um Wirkstoffe gegen das körpereigene Enzym PCSK9, das am Abbau von LDL-Rezeptoren („Andockstellen“) auf den Leberzellen beteiligt ist - dadurch können die Leberzellen weniger LDL-Cholesterin aufnehmen. Diese Medikamente hemmen die Bildung des Proteins PCSK9 in der Leberzelle und damit den Abbau der Andockstellen für das LDL-Cholesterin. In der Folge kann die Leberzelle deutlich mehr Cholesterin aufnehmen und verarbeiten.
Dadurch gelangt weniger LDL-Cholesterin ins Blut, weitere gefährliche Ablagerungen an den Gefäßwänden werden verhindert.
Allerdings: Alle bisherigen Medikamente dieser Gruppe müssen injiziert werden - je nach Präparat alle zwei bzw. vier Wochen oder nur noch alle sechs Monate.
Neue cholesterinsenkende Tablette: Welche Vorteile sie bringt
Bei dem in den USA jetzt zugelassenen Wirkstoff Enlicitide des Pharmakonzerns Merck (in Europa MSD) handelt es sich jetzt um die erste Tablette, die das Enzym PCSK9 hemmt. US-Kardiologen sehen darin mehrere Vorteile, wie die New York Times berichtet: Sie hoffen, dass die Tablette einerseits kostengünstiger als die Injektionstherapie sein wird und dass damit mehr Hochrisiko-Patienten ihre Cholesterinwerte in Richtung ihres individuellen Zielwertes senken können.
Im vergangenen November veröffentlichte Merck die entscheidenden Daten für die Zulassung. Über einen Zeitraum von 24 Wochen konnte das Medikament den LDL-Spiegel um bis zu 60 Prozent senken - dasselbe Ausmaß wie die Injektionstherapien.
Merck-Vizepräsident Brian Foard erklärte in einer Stellungnahme, die neue Tablette sei als zusätzliche, ergänzende Therapie für Patienten gedacht, die ihre Zielwerte mit den Statinen alleine nicht erreichen. Studien mit den bisherigen Injektionstherapien zeigten, dass die Häufigkeit von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Todesfällen in Hochrisikogruppen um 20 Prozent gesenkt werden kann. Derartige Daten liegen für die Tablettentherapie derzeit noch nicht vor.
In den USA soll das neue Präparat bereits in den kommenden Wochen verfügbar sein, in der Europäischen Union gibt es noch keine Zulassung für Lipfendra.
Cholesterin: Für wen welche Zielwerte empfohlen werden
Je nach Risiko gelten unterschiedliche LDL-Zielwerte:
- Für gesunde Menschen mit niedrigem Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen liegt der LDL-Zielwert bei unter 116 mg/dl.
- Bei moderatem Risiko (z. B. junger Patient mit Typ-2-Diabetes) bei unter 100 mg/dl.
- Bei Menschen, die durch mehrere Risikofaktoren ein hohes Risiko haben (z. B. genetisch bedingt erhöhtes Cholesterin, Bluthochdruck, Diabetes seit mehr als zehn Jahren, Störung der Nierenfunktion), liegt der LDL-Zielwert unter 70 mg/dl.
In den vergangenen Jahren erschienen Studien mit hochauflösenden optischen Verfahren, die das Innere von Blutgefäßen darstellen. Dabei zeigte sich: 70 mg/dl und darunter sind die Werte, bei denen Plaques nicht mehr größer werden und auch stabil bleiben. Sie bekommen eine Kappe aus Bindegewebe, die das Risiko eines Aufplatzens stark reduziert. Bei Werten über 70 mg/dl wachsen die Plaques weiter, und bei Werten darunter werden sie teilweise sogar kleiner.
- Deshalb liegt das LDL-Ziel für Hochrisikopatienten mit Erkrankungen der Herz- und Gehirngefäße unter 55 mg/dl.
PCSK9-Hemmer sind besonders für Patienten mit hohen LDL-Cholesterinwerten und hohem kardiovaskulären Risiko eine Option, in der Regel als Kombinationstherapie mit anderen LDL-Cholesterin-senkenden Substanzen und einer Lebensstiländerung. Dazu zählen insbesondere auch Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie (FH), einer genetisch bedingten Fettstoffwechselstörung. Durch Genmutationen kann der Körper das LDL-Cholesterin nicht richtig aus dem Blut aufnehmen. Dies führt von Geburt an zu massiv erhöhten Werten und einem extrem hohen Risiko für frühzeitige Arteriosklerose und Herzinfarkte.
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