Cholesterinsenker: Die meisten Nebenwirkungen laut Analyse nicht belegt
Hohe Werte des LDL-Cholesterins können dazu führen, dass sich Cholesterin in den Blutgefäßwänden ablagert. Dies erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Statine (Cholesterinsenker) zählen zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln – und auch zu jenen, deren Einnahme von den Patientinnen und Patienten am häufigsten aus Angst vor Nebenwirkungen abgebrochen wird.
Doch jetzt zeigt eine im Fachjournal The Lancet veröffentlichte Meta-Analyse: Die meisten angeführten Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln sind nicht belegt.
Die Forschenden werteten 19 placebokontrollierte Studien aus und untersuchten, inwieweit die auf den Beipackzetteln angegebenen Nebenwirkungen tatsächlich auf die Einnahme von fünf Statinpräparaten zurückzuführen waren. Dies war lediglich bei vier der 66 möglichen Nebenwirkungen der Fall.
So ließen sich der Meta-Studie zufolge Veränderungen der Urinzusammensetzung, Ödeme, abnormale Leberenzymwerte und Abweichungen in der Leberfunktion belegen. Bekannt sei zudem, dass Statine zu Muskelbeschwerden führen und das Diabetesrisiko leicht erhöhen können.
Kein Zusammenhang konnte aber bei vielen anderen möglichen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depressionen oder Schlafstörungen nachgewiesen werden.
- Statine senken den Cholesterinspiegel im Blut. Sie verringern besonders den Spiegel des sogenannten schlechten LDL-Cholesterins. Hohe LDL-Werte können dazu führen, dass sich Cholesterin in den Blutgefäßwänden ablagert. Dies erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
- Statine blockieren den Schlüsselschritt bei der Cholesterinproduktion, sodass mehr LDL-Cholesterin aus dem Blut in die Leber aufgenommen wird. Somit sinkt der LDL-Cholesterinspiegel im Blut.
- Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten und können bei zu hohen LDL-Werten auch zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt werden.
"Statine haben für die medizinische Praxis eine sehr große Bedeutung. In der kardiovaskulären Prävention zählen sie zu den potentesten Medikamenten", schreibt der deutsche Kardiologe Oliver Weingärtner (Universitätsklinikum Jena) in einer Stellungnahme an das deutsche Science Media Center.
"Viele Nebenwirkungen tauchen vor allem aus Haftungsgründen in den Beipackzetteln auf." Schon die Länge der Beipackzettel sorge für große Verunsicherung und führe dazu, dass hocheffektive Medikamente völlig zu Unrecht nicht eingenommen werden.
"Statine sind auch in der Langzeitbehandlung gut verträgliche Medikamente. Gerade die geschilderten Nebenwirkungen in der aktuellen Publikation treten in der Regel gleich zu Beginn der Behandlung auf – oder nie. Daher wird auch darauf hingewiesen, dass Leberwerte im Verlauf in den ersten Wochen zu beobachten sind", so Weingärtner.
Statine: Schwere Nebenwirkungen sind sehr selten
"Statine gehören zu den am besten untersuchten Medikamenten. Langzeituntersuchungen belegen konsistent, dass das Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen wie Rhabdomyolyse (Zerfall von Muskelfasern, Anm.) mit unter 0,1 Prozent oder Leberschäden mit ungefähr 0,001 Prozent)extrem gering bleibt und die Langzeiteinnahme keinen Anstieg von Krebs oder Demenz verursacht", schreibt Ulrich Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie (Universitätsklinikum Leipzig) in seinem Kommentar zu der Studie.
Die Einnahme von heute auf dem Markt befindlichen Statinen "ist sicher, außer Muskelschmerzen und reversiblen (umkehrbaren, Anm.) Leberwerterhöhungen sind keine wesentlichen Nebenwirkungen zu erwarten", betont Stefan Blankenberg, Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Und Blankenberg weiter: "Das einzig faktische Problem sind die Muskelschmerzen. Diese sind dosisabhängig und verschwinden nach Absetzen der Statine. Es brechen circa fünf bis sieben Prozent der Patientinnen und Patienten die Therapie ab. Viele 'erwarten' die Muskelschmerzen auch schon", erläutert Blankenberg. "Dies passt mit dem Auftreten der Muskelschmerzen unter Placebo in den Studien zusammen. Das Problem ist jedoch nicht groß. Eine gute Erklärung und die Führung der Patientinnen und Patienten, eine Dosisreduktion, ein Statinwechsel und zur Not der Wechsel auf Ezetimib oder im letzten Schritt auf PCSK-9-Inhibitoren (hochwirksame, injizierbare Antikörper zur Cholesterinreduktion, Anm.) sind sehr gute Optionen."
Die Bedeutung der Statine ist in der medizinischen Praxis essenziell, betont der Kardiologe. "Insbesondere zum Erreichen der LDL-Zielwerte nach einem Herzinfarkt oder bei dokumentierter koronarer Herzerkrankung (KHK) ist die Gabe von Statinen ein grundlegender Bestandteil der medizinischen Versorgung und führt unbestritten erwiesen zur Verhinderung des Auftretens erneuter Herzinfarkte, der Progression der KHK, oder dem Auftreten erster Infarkte bei sehr hohen Lipidwerten. Zusammenfassend sind Statine, mit Augenmaß eingesetzt, ein unverzichtbarer Bestandteil der kardiovaskulären Medizin."
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