© Getty Images/iStockphoto/Lacheev/iStockphoto

11/02/2021

Brustkrebs beim Mann: "Männer werden diskriminiert"

Die Krankheit gilt als "Frauenkrankheit". Viele Männer sind überrascht, dass auch sie betroffen sein können.

von Elisabeth Gerstendorfer

Es war ein zufälliges Streichen über die Brust, bei dem Robert Glattau eines Morgens einen Knoten bemerkte. Eine Woche lang griff er immer wieder an die Stelle, bevor er sich untersuchen ließ. Der damals 54-Jährige ging direkt zum Gynäkologen. „Ich habe gedacht, das sind die Experten für Brust. Im Nachhinein hat sich das bestätigt, denn ich habe von einigen Männern gehört, die mit Knoten oder dem Verdacht auf Brustkrebs zum Hausarzt gegangen sind, aber wieder heimgeschickt wurden.“

Viel zu wenig werde bei Männern an Brustkrebs gedacht, wertvolle Zeit gehe dadurch verloren, sagt Glattau. Meist sind es Zufallsbefunde, – Vorsorgeuntersuchungen wie bei Frauen gibt es aufgrund der geringen Häufigkeit von Brustkrebs bei Männern nicht. „Viele merken beim Anziehen oder beim Sport einen Knoten, Einziehungen oder einseitige Veränderungen der Brust. Auch geschwollene Lymphknoten in der Achselhöhle, oder Ausfluss aus der Brustwarze können Anzeichen sein“, sagt Christian Singer, Leiter des Brustzentrums am AKH Wien.

Vom Arzt abklären lassen

Fallen solche Symptome auf, sollten sie von einem Arzt oder einer Ärztin abgeklärt werden – aber von welcher Fachrichtung? Singer empfiehlt Chirurgen, Radiologen oder Gynäkologen – für Männer oft eine Überwindung.

„Die meisten sind sehr erstaunt über die Diagnose Brustkrebs. Viele sagen, das kann nicht sein, das wäre eine Frauenerkrankung. Aber auch Männer können Brustkrebs bekommen und manche können ihn genetisch weitergeben“, so Singer. Bei etwa jedem vierten Betroffenen liegt eine genetische Veranlagung mit Mutationen der Gene BRCA1 und BRCA2 vor. Bei einer Häufung von Brustkrebs in der Familie ist es für Männer sinnvoll, einen Gentest machen zu lassen. Liegt eine Mutation vor, sollte man sich regelmäßig abtasten.

„Tiefes Loch“

Auch bei Robert Glattau wurde die Veranlagung nachgewiesen. Er fiel nach der Diagnose zunächst in ein tiefes Loch. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich habe mich abgekapselt.“ Nach einer Operation, bei der der Tumor entfernt wurde, erhielt er Chemotherapie und ließ sich beide Brüste entfernen. „Die Alternative wäre eine noch engmaschigere Kontrolle gewesen – das wollte ich mir ersparen.“ Die dadurch bedingten optischen Veränderungen, etwa keine Brustwarzen mehr zu haben, lassen viele an dem Eingriff zweifeln, Glattau sind sie egal. Er engagiert sich im Netzwerk „Männer mit Brustkrebs e. V.“ und möchte Betroffenen eine Stütze sein.

Geringere Lebenserwartung

„Statistisch haben Männer mit Brustkrebs eine geringere Lebenserwartung als Frauen – nicht, weil der Krebs ein anderer ist, sondern weil er zu spät erkannt wird. Ich will mit gutem Beispiel vorangehen“, so Glattau. Die Erfahrung von Christian Singer zeigt zudem: Männer halten sich oft weniger gut an Therapie und Nachsorge. „Vielen fällt schwer, dass in den Einrichtungen wie Reha-Heimen oder bei Kontrollen überwiegend Frauen sind. Männer werden da ehrlicherweise diskriminiert“, meint Singer. Insbesondere aufgrund von Nebenwirkungen wie Libidoverlust und Hitzewallungen brechen einige die Therapien ab. Robert Glattau musste fünf Jahre ein Medikament nehmen, das ihn „schwitzen ließ wie einen Rasensprenger“. Heute gilt er aber als geheilt und möchte anderen Mut machen, dranzubleiben.

Sehr selten

Einer von etwa 800 bis 1000 Männern erkrankt in Österreich im Laufe seines Lebens an Brustkrebs. Zum Vergleich: Bei Frauen ist es eine von acht. Pro Jahr werden bei Männern hierzulande rund 70 neue Fälle festgestellt, bei Frauen sind es rund 5.600. Die meisten Männer entdecken selbst Veränderungen oder haben Schmerzen in der Brust

Ursachen

Neben einer genetischen Veranlagung kann auch eine Verschiebung im Gleichgewicht der Hormone Brustkrebs beim Mann begünstigen. So kann etwa starkes Übergewicht den Östrogenspiegel und damit das Brustkrebsrisiko steigen lassen. Weitere Risikofaktoren sind Alkoholkonsum und Rauchen

Männliches Brustwachstum

Gynäkomastie bezeichnet die gutartige Vergrößerung der Brustdrüsen beim Mann. Dies kann einseitig oder beidseitig erfolgen. Ursache können hormonelle Störungen, andere Erkrankungen wie Übergewicht oder Medikamente sein. Gynäkomastie nimmt laut Experten zu, da Männer mit Übergewicht zunehmen. Bei ihnen wachse oft nicht das Drüsengewebe, sondern nur Fettgewebe. Einseitiges Wachstum kann aber auf Brustkrebs hinweisen und sollte abgeklärt werden.

Tipp: Netzwerk Männer mit Brustkrebs online unter brustkrebs-beim-mann.de

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.