John Harris-Chef empfiehlt Bewegung statt Medikamente
Es hat 35 Grad im Schatten – aber der Anzug beim Fitnessklub-Chef sitzt perfekt.
KURIER: Wie kommt man als Top-Manager auf die Idee, einen Fitnessklub zu kaufen?
Ernst Minar: Ich habe 25 Jahre in der amerikanischen Pharmaindustrie gearbeitet, die Milliarden dafür ausgibt, um zu erforschen, wie Menschen gesund bleiben können. Je mehr Studien ich mir angeschaut habe, desto mehr habe ich erkannt: Das Beste ist Bewegung. Ich sagte mir, das ist gut für mein Karma: Zuerst verdiene ich Geld in der Pharmabranche, dann gebe ich es in der Fitnessbranche aus, um Menschen gesünder zu machen.
Sie verdienen, auch jetzt gut, oder?
Ja, man verdient auch in der Fitnessbranche, aber das ist kein Vergleich zur Pharmabranche.
Woher kommt denn der Name John Harris?
Das war ein US-Student, der in Österreich in den Achtzigerjahren Philosophie studieren wollte, dann aber als Personal Trainer gearbeitet hat. Das damals neu eröffnete Studio wurde nach ihm benannt. Ich habe 2000 den Namen mitgekauft, und John Harris Fitness klingt ja auch besser als Ernst Minar Fitness.
Dank Abnehmspritze kann man einfach schlank werden, ohne Fitness betreiben zu müssen. Eine ernsthafte Konkurrenz für Sie?
Als die Spritze auf den Markt kam, sorgte sich die Fitnessbranche tatsächlich. Mittlerweile weiß man aber, dass die Anwender ein Fitnessstudio bräuchten.
Weil, wer so schnell abnimmt, nicht nur Fett- sondern auch Muskelmasse abbaut?
So ist es. Wenn ich mit der Abnehmspritze zehn Kilo abnehme, dann ist das normalerweise sechs Kilo Körperfett und vier Kilo Muskelmasse. Für ältere Menschen ist es eine Katastrophe, wenn die Muskeln nachlassen: Sie stürzen leichter, die Knochendichte wird schlechter. Daher muss man unbedingt Krafttraining machen – plus Ernährungs- und Lebensstiländerung natürlich. Die Abnehmspritze sollte man nur mit ärztlicher Betreuung nehmen.
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Diese Spritze ist das große Geschäft. Gibt es etwas, was Sie an der Pharmabranche kritisieren?
Dieses Medikament wird zu sehr gepusht – vor allem in den USA bewirbt man es direkt bei den Kunden und nicht bei den Ärzten. Dennoch: Es ist gut, dass es die Branche gibt. Wenn man vor 30 Jahren ein Magengeschwür hatte, lag man für ein, zwei Wochen mit Schmerzen im Spital. Heute nehme ich ein Medikament und kann ganz normal weiterarbeiten. Wobei wir andererseits gerade in Österreich viel zu viele Medikamente verschreiben, darin sind wir führend in Europa. Der heimische Patient erwartet, dass ihm der Arzt ein Medikament verschreibt ...
....und ist vielleicht beleidigt, wenn man ihm als Therapie einfach „mehr Bewegung“ vorschlägt.
Ja. In der Schweiz wird das zum Beispiel bei einem schlechten Cholesterinwert oder einem schlechten Blutdruck empfohlen. In Österreich gilt hingegen als schlechter Arzt, wer nichts verschreibt.
Wie geht es der Fitnessbranche insgesamt?
Corona war schrecklich. Wir hatten zehn Monate zu – weltweit am längsten. Da kriegt man Existenzängste. Aber als wir wieder aufgesperrt haben, sind die Menschen Schlange gestanden. Sie hatten Rückenprobleme und drei bis fünf Kilo zugenommen. Unsere Personal Trainer und die Physiotherapeuten waren ausgebucht! Mittlerweile geht’s der Fitnessbranche wieder gut.
Was unterscheidet John Harris von Billiganbietern, und was zahlt man?
Je nach Mitgliedschaft ungefähr 120 Euro monatlich. Wichtig ist: Wir stehen für Gesundheit. Wir haben die besten Trainer und das beste Fitness-Equipment. Ich bin alljährlich zweimal in Amerika und schaue mir die neuesten Trends an und kooperiere auch mit der Harvard Medical School. Bei uns trainiert der Lehrling neben dem Top-Manager.
Speziell in den Club am Schillerplatz in Wien kommen auch etliche Spitzenpolitiker. Wie schützen Sie deren Privatsphäre?
Es gibt eine eigene Executive-Garderobe, und der Klub ist mit 8000 Quadratmetern sehr groß. Wir haben auch internationale Gäste: Tom Cruise war da, Paris Hilton vor dem Opernball, und Arnold Schwarzenegger kommt gerne vorbei. Vor neun Jahren war Justin Bieber vor einem Konzert da. Kein Mensch hätte von ihm Notiz genommen, wenn nicht vier Bodyguards im dunklen Anzug vor der Dampfkammer gestanden wären. Normalerweise hätte ich das nicht gestattet, bei ihm haben wir eine Ausnahme gemacht: ein Sympathischer, eher Schüchterner.
Die Menschen werden älter, wie reagiert die Fitnessindustrie?
Wir haben mehr Rückenfitness-Stunden, Yogalates – eine Mischung aus Yoga und Pilates – und Aqua-Fitness. Schwimmen ist die beste, weil gelenkschonende Sportart. Für Ältere ist Krafttraining besonders wichtig, um die Muskeln zu erhalten. Unsere älteste Kundin im Margaretenbad ist 95 Jahre und kommt zwei- bis dreimal in der Woche.
Geht Krafttraining ohne Geräte?
Das effizienteste ist ein Fitnesscenter, aber man kann Radfahren, Liegestütze und Sit-ups machen. Man sollte 150 Minuten pro Woche trainieren: Ausdauer und Kraft.
Wie halten Sie sich selbst fit?
Ich bin kein Übertrainierer. Ich habe seit 30 Jahren das gleiche Gewicht und war nicht einen Tag krank. Wenn ich wenig Zeit habe, wärme ich mich am Crosstrainer auf und mache einen 16-Minuten-Zirkel, mit dem man alle Muskeln trainiert. Einmal pro Woche gehe ich schwimmen – im Margaretenbad, das ich gekauft habe.
Dinner Cancelling?
Gelingt mir nicht immer. Ein- bis zweimal die Woche schaue ich, dass ich 12 bis 15 Stunden nichts esse.
Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln?
Ein gesunder Mensch, der sich gesund ernährt, braucht das nicht. Es gibt zwei Ausnahmen: In unseren Breitengraden im Winter könnte man einen Vitamin D-Mangel haben, und Veganer bzw. Vegetarier sollten Vitamin B12 nehmen. Ich empfehle allerdings, einmal im Jahr ein großes Blutbild zu machen. Wenn dann zum Beispiel ein Eisen- oder Zinkmangel herauskommt, dann sollte man supplementieren.
Ihr Wunsch an die Politik?
Mehr Reformmut. Österreich ist gut in Reparaturmedizin, aber wir machen wenig in Präventivmedizin. Österreicher sind im Schnitt nur bis 58 Jahre gesund, der EU-Schnitt ist 64 Jahre, und in den nordischen Ländern liegt das über 70 Jahre.
Sie sind auch bei 35 Grad im Schatten korrekt und mit Krawatte gekleidet. Wieso?
In der Pharmabranche wurde Anzug und Krawatte erwartet, speziell bei Kundenkontakten. Das habe ich beibehalten. Ich leide nie unter der Hitze, weil ich auch im Sommer ein-, zweimal die Woche in die Sauna gehe und nie Eiskaltes trinke.
Wer wird einmal Ihren Betrieb übernehmen?
Ich habe vor, noch zehn Jahre weiterzuarbeiten. Es macht Spaß.
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