Lebensmittelallergien bei Kindern: Neue Studie nennt Risikofaktoren
Erdbeeren oder Erdnüsse können echte Nahrungsmittelallergien auslösen, die zu heftigen Reaktionen des Immunsystems führen können.
Welche Risikofaktoren sind mit der Entwicklung von Nahrungsmittelallergien bei Kindern verbunden? Dieser Frage ging ein internationales Team von Forschenden in einer großen Übersichtsarbeit nach. Dabei analysierten die Forschenden die Daten aus 190 früheren Studien mit 2,8 Millionen teilnehmenden Kindern aus 40 Ländern. Einige Punkte stellten sich dabei als besonders risikoreiche heraus.
Laut der im Fachjournal JAMA Pediatrics erschienenen Studie entwickeln knapp fünf Prozent der Kinder bis zu einem Alter von sechs Jahren eine durch sogenannte IgE-Antikörper vermittelte Nahrungsmittelallergie, die sich auch durch einen oralen Nahrungsmitteltest bestätigen lässt.
Dabei kommt es zu einer Überreaktion des Immunsystems auf bestimmte Proteine in Lebensmitteln, die normalerweise harmlos sind. Der Körper erkennt diese Proteine fälschlicherweise als schädlich und reagiert mit der Produktion von IgE-Antikörpern (Immunglobulin E). Bei erneutem Kontakt mit dem Nahrungsmittel löst diese Immunantwort eine Reihe von Symptomen aus, die von leicht bis lebensbedrohlich reichen können.
"Bei Kindern mit Ekzemen, insbesondere bei schwerem und mittelschwerem Ekzem, scheint es sich um eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung von Nahrungsmittelallergien zu handeln"
Nahrungsmittelallergie: Die größten Risikofaktoren bei Kindern
- Entzündliche Erkrankungen: Ein besonders hohes Risiko hatten Kinder, die sehr früh von anderen allergischen bzw. entzündlichen Erkrankungen betroffen waren. So hatten sie im ersten Lebensjahr mit der chronisch entzündlichen Hauterkrankung "Atopische Dermatitis" (bekannter unter der älteren Bezeichnung Neurodermitis) ein knapp vierfach erhöhtes Risiko, auch eine Nahrungsmittelallergie zu entwickeln.
- Neurodermitis: Ein schwerer Verlauf einer Neurodermitis erhöhte das Risiko für eine zusätzliche Nahrungsmittelallergie noch weiter: "Bei Kindern mit Ekzemen, insbesondere bei schwerem und mittelschwerem Ekzem, scheint es sich um eine Hochrisikogruppe für die Entwicklung von Nahrungsmittelallergien zu handeln", wird der Mediziner Michael Pistiner vom Food Allergy Center des Massachusetts General Hospital in Boston, auf dem Gesundheitsportal Medscape zitiert.
- Pollenallergie: Bei Heuschschnupfen (allergische Rhinitis) war das Risiko um etwas mehr als das Dreifache erhöht, bei frühkindlichem Giemen (pfeifende Geräusche bei kleinen Kindern und Säuglingen während des Atmens) um das Zweifache.
- Später Beikoststart: Als weiterer Risikofaktor stellte sich ein später Zeitpunkt der Einführung von festen Lebensmitteln heraus. Am stärksten war dies bei Erdnüssen ausgeprägt: Kinder, bei denen erdnusshaltige Lebensmittel erst nach dem 12. Lebensmonat eingeführt wurden, hatten ein um das 2,5-fache erhöhte Risiko für Nahrungsmittelallergien als diejenigen, bei denen Erdnussprodukte früher verabreicht wurden. Eine verzögerte Einführung von Ei, Fisch, Obst und anderen Lebensmitteln zeigte ähnliche, aber kleinere Effekte.
Früher Kontakt mit Allergenen senkt das Allergierisiko
Das deckt sich mit früheren Daten, wonach das Risiko der Entwicklung einer Erdnussallergie geringer ist, wenn Kinder bereits im Säuglingsalter und den ersten Lebensjahren regelmäßig Produkte mit gemahlenen Erdnüssen erhalten. "Die Einführung von Erdnussprodukten in die Ernährung von Säuglingen (ab vier Monaten, Anm.) mit hohem Risiko für die Entwicklung einer Erdnussallergie war sicher und führte zu einer 81-prozentigen Verringerung einer späteren Entwicklung einer Allergie", hieß es bereits in einer 2015 publizierten Studie.
„Es wird angenommen, dass Toleranz erreicht wird, wenn der Säugling über den Darm mit dem Allergen in Kontakt kommt“, sagte Pistiner. „Das kann helfen, zu verhindern, dass ein Kind eine Allergie entwickelt.“
Welche Faktoren auch noch eine Rolle spielen
Eine Rolle spielt auch eine frühe systemische Antibiotikaexposition im Säuglingsalter. Damit ist die Behandlung von bakteriellen Infektionen mit Antibiotika gemeint, die über den Blutkreislauf wirken, um den gesamten Körper zu erreichen (also nicht nur lokal angewandt werden, z. B. als Salbe oder Augentropfen).
- Säuglinge, die im ersten Lebensmonat systemische Antibiotika erhielten, hatten ein mehr als viermal so hohes Risiko, eine Nahrungsmittelallergie zu entwickeln.
- Eine Antibiotikagabe später im ersten Lebensjahr zeigte nur eine moderate Risikoerhöhung um das 1,39-Fache.
- Auch die Antibiotika-Gabe während der Schwangerschaft wirkt sich nur geringfügig aus.
- Ein leicht erhöhtes Risiko hatten Buben im Vergleich zu Mädchen und auch erstgeborene Kinder.
- Auch ein Kaiserschnitt erhöhte das Risiko moderat.
- Demgegenüber hatten Kinder mit einem Bruder oder einer Schwester, die bereits von einer Nahrungsmittelallergie betroffen waren, ein doppelt so hohes Risiko, ebenfalls eine solche Allergie zu entwickeln.
- Auch eine Vorbelastung durch einen Elternteil spielte eine Rolle.
Im Gegensatz dazu ergab die Analyse keinen signifikanten Anstieg des absoluten Risikos im Zusammenhang mit niedrigem Geburtsgewicht, einer Geburt nach dem errechneten Termin, der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft oder dem mütterlichem Stress.
Impfstoffe sind kein Risikofaktor
Und: Die Studie bestätigte überdies, dass Impfstoffe das Risiko für Lebensmittelallergien nicht erhöhen. Das wird allerdings in zahlreichen Fehlinformationen behauptet. Die Analyse ergab außerdem, dass Impfstoffe nicht mit einem Risiko für Lebensmittelallergien in Verbindung stehen, ein Ergebnis, das laut Greenhawt, der auch Chief Medical Officer der Asthma and Allergy Foundation of America (AAFA) ist, der anhaltenden Fehlinformationen widerspricht.
Bei einer Nahrungsmittel-Allergie
- werden vom Immunsystem Immunglobuline (Antikörper) der Klasse IgE gegen Nahrungsmittelbestandteile (Eiweiße, Proteine) gebildet.
- kann es bis zu akuten lebensbedrohlichen Überreaktionen kommen, wenn z. B. ein Kreislaufstillstand oder ein anaphylaktischer Schock eintritt.
- können bereits Spuren des Allergieauslösers Symptome verursachen.
Bei einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit
- handelt es sich meist um eine Verwertungsstörung von Nahrungsinhaltsstoffen ohne eine immunologische Reaktion. So sind z. B. bestimmte Enzyme im Körper nicht ausreichend oder fehlerhaft vorhanden.
- beschränken sich die Beschwerden meist auf den Verdauungstrakt. Lebensbedrohliche Reaktionen wie ein anaphylaktischer Schock sind nicht möglich.
- sind pseudoallergische Reaktionen möglich, jedoch nicht so heftig wie bei einer „echten“ Allergie.
Auslöser ist immer ein Zusammenspiel mehrerer Dinge
Generell zeigte sich, dass in der Regel nicht ein einziger Faktor ausschlaggebend ist. „Die Ergebnisse der Metaanalyse sprechen für ein multifaktorielles Entstehungsmodell von Nahrungsmittelallergien im Kindesalter. Neben der Allergenexposition tragen genetische, mikrobielle, umweltbedingte und soziale Einflüsse sowie begleitende Erkrankungen zum Risiko bei – häufig getragen von einem oder mehreren ausgeprägten Risikofaktor in Kombination mit weiteren, schwächer wirksamen Faktoren“, schreiben die Autorinnen und Autoren.
Dazu Matthew Greenhawt vom Children’s Hospital Colorado und Mitautor der Studie, in einem Statement gegenüber Medscape: "Die Studie identifizierte 342 Risikofaktoren, aber die Ergebnisse zeigen, dass es keine einzelne Ursache oder kein einzelnes Risiko für Nahrungsmittelallergien gibt."
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