Abnehm-Medikamente bald um 15 statt um 300 Euro pro Monat?
Die Abnehm-Medikamente werden überwiegend mittels Spritze verabreicht.
Weltweit sind die Abnehm-Medikamente für Menschen mit Adipositas ein Gamechanger – bis zu 20 Prozent ihres Körpergewichts können Patienten mit den Präparten abnehmen. Ein großer Hemmschuh ist bisher der Preis: Je nach Medikament müssen Patientinnen und Patienten mit Kosten von mehreren hundert Euro pro Monat rechnen, die Krankenkasse übernimmt nur in wenigen Fällen die Kosten der Behandlung. Das könnte sich nun ändern, zumindest in jenen Ländern, in denen der Patentschutz der Präparate demnächst ausläuft. Die milliardenschweren Abnehm-Medikamente werden dann etwa in Indien, China, Kanada und Russland als Generikum erhältlich sein.
Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk verliert dort etwa den Patentschutz für Semaglutid, den Wirkstoff des Abnehm-Medikaments Wegovy und des Diabetesmedikaments Ozempic. Damit öffnet sich der Markt für deutlich günstigere Nachahmerpräparate in Ländern, in denen rund 40 Prozent der Weltbevölkerung leben. Den Anfang macht Indien, wo bereits in den nächsten zwei Wochen die ersten generischen Versionen auf den Markt kommen könnten. In den kommenden Monaten sollen sie in China, Kanada, Brasilien, der Türkei und in Südafrika verfügbar werden, wie die New York Times berichtet. „Global entsteht dadurch ein Generikawettbewerb, wobei Indien und China führend sind. Kanada könnte nächstes Jahr Kandidaten ins Rennen schicken. Das wird international die Preise unter Druck setzen, wobei Europa und die USA davon abgeschirmt sind, da der Patentschutz dort noch länger läuft“, sagt Markus Zeitlinger, Klinischer Pharmakologe an der MedUni Wien.
Bezahlbare Therapien rücken näher
Bislang haben Novo Nordisk und sein Hauptkonkurrent Eli Lilly mit den sogenannten GLP-1-Medikamenten enorme Umsätze erzielt. Generika könnten dies nun deutlich verringern, aber die Zahl der behandelten Patientinnen und Patienten drastisch erhöhen. Allein in Indien und China leben zusammen mehr als 800 Millionen Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas sowie über 360 Millionen Menschen mit Diabetes. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach bezahlbaren Therapien. „Medikamente, die bislang fast ausschließlich sehr wohlhabenden Menschen in reichen Ländern vorbehalten waren, werden durch Generika nun demokratisiert“, wird Leena Menghaney, eine Aktivistin für Arzneimittelzugang aus Neu Delhi, in dem Bericht zitiert. In Indien haben bereits mehrere Generika-Hersteller die Zulassung erhalten, in China stehen einige kurz vor der Zulassung, die Produktion laufe bereits.
„Man kann Generika parallel entwickeln und mit dem Tag, an dem die juristische Bewilligung erfolgt, theoretisch Millionen Dosen auf Halde haben. Der Markteintritt kann oft direkt nach Ablauf des Patents erfolgen, weil man schon vorher produzieren und um Zulassung einreichen kann – nur die Begutachtungsfrist dauert oft ein bisschen“, so Zeitlinger. Für Generika-Hersteller sei die Produktion der Abnehm-Medikamente jedenfalls „machbar“.
Konkrete Preise werden noch nicht genannt, erwartet wird aber eine langfristige Senkung der monatlichen Kosten auf etwa 15 US-Dollar (rd. 13 Euro). Zum Vergleich: Derzeit kostet die Erhaltungsdosis Wegovy 2,4mg in Österreich nach einer Preissenkung von Novo Nordisk im Februar rund 280 Euro pro Monat. „Damit ist Wegovy bis zu 50 Prozent günstiger als andere einmal-wöchentliche Injektionstherapien für Adipositas“, heißt es bei Novo Nordisk auf KURIER-Anfrage. Der Pharmakonzern versucht laut New York Times Generika in Ländern wie Indien, China und Brasilien juristisch zu blockieren. Auf lange Sicht könnte das Originalpräparat künftig als „Premium Produkt“ positioniert werden.
Was heißt das für Österreich?
Ein Preisverfall in Österreich ist laut Zeitlinger vor Auslaufen der Patente nicht zu erwarten – das wird bei Novo Nordisk 2031 der Fall sein. „Die Märkte sind nicht offen, ein Import zukünftiger Generika ist fast unmöglich. Auch ein Schwarzmarkt mit Generika aus dem Ausland ist nur sehr gering zu erwarten. Die Einfuhr ist, solange der Patentschutz aufrecht ist, illegal“, betont Zeitlinger. Es könnte aber zu Nachverhandlungen, auch mit den Krankenkassen kommen, mit kleineren Nachschärfungen der Preise. Eine deutliche Senkung, etwa auf einen zweistelligen Betrag pro Monat, ist aber nicht zu erwarten.
In den USA und in Europa ist die Zulassung von Generika frühestens Anfang der 2030er möglich. Der Patentschutz hält hier 20 Jahre ab Entdeckung – nicht ab Zulassung – eines Wirkstoffs. Grund dafür sind strengere regulatorische Schutzmechanismen, die Markenherstellern eine längere Marktexklusivität sichern sollen. Kritiker sehen darin eine teure Subvention der Pharmaindustrie, auch, weil je nach Region zusätzliche Patentlaufzeitverlängerungen möglich sind.
Die Zeit, in der ein Pharmaunternehmen mit einem Präparat Geld verdienen kann, beträgt laut Zeitlinger bei 20 Jahren Patentlaufzeit je nach Entwicklungszeit im Schnitt 8 bis 12 Jahre. „Der Ablauf des Patentschutzes ist ein natürlicher Bestandteil des Lebenszyklus eines Medikaments – so auch bei Semaglutid“, heißt es von Novo Nordisk.
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