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13.01.2019

Genderforscherin Hauch über Klischees von Frauen in Top-Jobs

Frauen in Führungetagen müssen weiblichen Eigenschaften widersprechen, sagt Gabriella Hauch im Interview.

KURIER: Theresa May, Angela Merkel, Pamela-Rendi-Wagner: Sie kamen in Führungspositionen, nachdem Alpha-Männer gescheitert sind. Ein Muster?

Gabriella Hauch: Dass Frauen überhaupt in Wirtschaft, Politik oder Kultur in Spitzenpositionen gelangen können, ist ein relativ neues Phänomen. Erst seit den letzten Jahrzehnten haben Frau solche Handlungsspielräume.

Dennoch: Frauen, die Männern hinterherräumen – sind das nicht die klassischen Rollen?

Natürlich: Die Frau mit dem Besen, der manchmal auch eisern sein kann – so wie bei Margaret Thatcher. Solche Klischees und Mentalitäten können da mitspielen. Dennoch muss man differenzieren. Karin Bergmann wurde zum Beispiel Burgtheater-Chefin, weil sie lange dabei war und die Fähigkeit hat, das Haus zu führen. Bei Pamela Rendi-Wagner kommt der Aspekt des Neuen ins Spiel. Es gab noch keine Großpartei mit einer Frau an der Spitze, man wollte einen Neuanfang signalisieren. Das hat wohl weniger mit der mütterlichen Rolle zu tun.

Es gibt die These, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Frauen wird. Stimmt das?

Dieses Jahrhundert begann spätestens in den 1970er Jahren, als es in den industriellen Ländern zu einem Aufbrechen der Geschlechterverhältnisse gekommen ist. Da ist die Gleichberechtigung auf die Agenda gekommen, sodass ein eigener Politikbereich entstanden ist: Die Frauenpolitik mit eigenem Ministerium inklusive Staatssekretariat, Gleichbehandlungskommissionen etc. Das Jahrhundert der Frau kann man nicht nur ausrufen, wenn Frauen Tob-Jobs haben.

Warum nicht?

Man muss die  Situation der vielen  Frauen im Blick haben. Diese sind  nach wie vor von  Zwei- und  Dreifachbelastung betroffen: Sie sind vorwiegend für die Reproduktion zuständig und dazu da, sich um die Eltern kümmern etc. Ein Jahrhundert der Frauen bedeutet aber, dass alle einen guten Handlungsspielraum für Selbstbestimmung bekommen. Dabei sind nicht nur die ihre männliche Partner in die Pflicht zu nehmen, sondern die Gesellschaft im allgemeinen.

Was ist eine solche Aufgabe der Gesellschaft?

Etwa gute Kinderbetreuung zur Verfügung stellen und dafür sorgen, dass das Personal im Kindergarten ordentlich bezahlt wird - wie  überhaupt gleicher Lohn für gleiche Arbeit das Ziel sein muss. Hier muss die Politik Maßnahmen setzen und darf das nicht der Freiwilligkeit von wirtschaftlichen Organisationen überlassen. 

Donald Trump wurde trotz seines Frauenbildes zum US-Präsidenten gewählt. Wie erklären Sie solche Rückschritte?

Wenn es eine Bevölkerungsgruppe gibt, die plötzlich ihre Privilegien teilen muss, hat sie etwas zu verlieren. Genau das ist seit Einführung des Frauenwahlrechts und anderer Rechte passiert. Manche Männer haben ein Problem damit, dass sie in ihrem Mächtigsein geschmälert werden. Es gibt aber viele Männer, die das ebenso verachtenswert finden und in der Masse sind das heute mehr als in den 1920er Jahren. Man muss da überhaupt aufpassen, dass man von Kategorien wie die Männer und die Frauen weggeht. Das ist mir sehr wichtig.

Frauen in Spitzenpositionen wird oft ihre Weiblichkeit abgesprochen – Thatcher gar als Eiserne Lady tituliert.

Im Gegensatz dazu hätte man einen Mr. Thatcher wohl nie als Eisernen Sir tituliert. Frauen müssen weiblichen Eigenschaften sogar widersprechen – sie sollten eine laute Stimme haben und durchsetzungsstark sein, auch ihre Kleidung muss sich anpassen. Überhaupt wird das Äußere von Frauen vielmehr zum Thema als bei Männern.

Wie erklären Sie sich das?

Die politischen Strukturen und die wirtschaftlichen oberen Stockwerke sind von einer Kultur geprägt, die von Männern für Männer gemacht wurden. Traditionell stand in der bürgerlichen Geschlechterordnung der Mann in der Öffentlichkeit und die Frau hat ihm den Rücken freigehalten. Das war in der gehobenen Gesellschaftsschicht bis in die 1980er, 90er Jahre üblich, das ist mittlerweile aufgebrochen. Natürlich gibt es da noch regionale Unterschiede. In Skandinavien ist eine Ministerin mit Kindern eine andere Angelegenheit als z. B. in Italien.

Müssen Frauen in Spitzenposition mehr leisten?

Frauen in Topjobs bestätigen, dass sie fleißiger sein müssen als ihre Kollegen. Doch der Begriff ist nicht so positiv konnotiert. Motto: Die Frau ist fleißig, der Mann eben genial.

Wie reagieren Männer, wie Frauen auf weibliche Chefs?

Es gibt Untersuchungen, dass es   Unterschiede gibt, die sind aber nicht am Geschlecht festzumachen, sondern an den Personen und am Alter. Aus der geschlechtsspezifischen  Betriebswissenschaft wissen wir, dass bei männlichen Chefs männliche Kollegen durchaus schneller in Brüder-Konkurrenz treten können.

Wie lange dauert es bis Frauen nicht nur die Arbeit machen dürfen, sondern auch die Lorbeeren dafür einheimsen? 

Das werde ich öfters gefragt (schmunzelt). Früher habe ich geantwortet: In zehn bis 15 Jahren. Jetzt sage ich: Das hängt davon ab,ob der Zug von Neokonservatismus und Illiberalismus sich auf einem Siegespfad  befindet oder ob die Demokratie in demokratischer Hinsicht reformiert wird.