Wissen und Gesundheit
12.12.2017

Gemüse aus der Antarktis

Am Wochenende startet das Projekt Gewächshaus Antarktis. Forscher Paul Zabel über seine Mission.

Jetzt geht es los: Paul Zabel macht sich Richtung Antarktis auf, um im ewigen Eis als Gärtner zu arbeiten. Klingt verrückt? Zumindest ist es gewagt: Ein Jahr lang wird der gelernte Raumfahrtingenieur aus Deutschland in einem Container, der gerade per Schiff Richtung Südpol tuckert, Salat, Spinat und Schnittlauch anbauen. Das Antarktis-Gewächshausprojekt Eden-ISS ist ein Testlauf für künftige bemannte Missionen zu Mond und Mars. Der KURIER hat mit Zabel über grüne Daumen, Arktis-Klamotten und weltraumtaugliches Gemüse gesprochen.

KURIER: Herr Zabel, warum fährt ausgerechnet ein Raumfahrtingenieur als Gärtner in die Antarktis? Wäre da nicht ein Biologe besser qualifiziert?

Zabel: (lacht) Die Wahl ist auf mich gefallen, weil ich der einzige Freiwillige war. Bisher habe ich ein bisschen auf dem Balkon gegärtnert und von Oma und Opa gelernt. Letztes Jahr war ich dann zwei Mal in den Niederlanden, wo es große Forschungsgewächskammern gibt. Da habe ich einen Crashkurs bekommen, wie man Pflanzenkrankheiten oder Nährstoffmangel erkennt. Und wie man Tomaten richtig beschneidet. Ich hätte mir nie erträumt, dass es so kommt, aber diese Kombination aus Biologie und Technik ist schon faszinierend. Ein Agraringenieur kennt sich vielleicht besser mit Pflanzen aus, hätte sich aber die Technik des Gewächshauses aneignen müssen.

Apropos: Wie erhalten die technischen Systeme die Pflanzen in Finsternis und Kälte am Leben?

In der Antarktis müssen sie in einer abgeschlossenen Umgebung ohne Sonnenlicht und Erde überleben. Sie werden komplett von Maschinen versorgt. Die Nährstoffe kommen über ein ausgeklügeltes Pumpensystem zur Pflanze. Der Computer mischt die perfekte Nährstoffkombination zusammen, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Atmosphärensteuerung – alles automatisiert. Die Beleuchtung läuft über LED-Lampen, mit denen wir Tag und Nacht simulieren. Letztere dauert etwa sieben Stunden. Sogar einen Sonnenauf- und -untergang haben wir programmiert. Ohne Technik läuft bei uns im Gewächshaus nicht viel. Alles musste so designt werden, dass man das mit ganz wenigen Leuten reparieren und am Laufen halten kann. Alles muss austauschbar sein und man muss überall rankommen, damit man Pumpen oder Lüfter austauschen kann.

Was passiert, wenn Sie angekommen sind?

Wir fangen komplett neu an – mit Gewächshaus zusammensetzen und aussäen. In den ersten sechs Wochen habe ich Unterstützung. Da sind wir bis zu sechs Leute, die die Aufbauphase des Gewächshauses bewältigen. Das wäre alleine nicht zu schaffen. Später werde ich nach dem Frühstück erstmal auf die Kontrollmonitore schauen, ob im Gewächshaus alles ok ist. Dann werde ich mir meine Antarktis-Klamotten anziehen, damit ich überhaupt zum Gewächshaus laufen kann, das 400 Meter von der Neumann-Station entfernt ist. Und dann habe ich einen Aufgabenplan mit verschiedensten Experimenten, die durchgeführt werden müssen.

Die Kollegen auf der Neumayer-Station freuen sich angeblich schon, weil das Testgemüse auf ihren Tisch kommen wird.

Richtig, wir wollen 15 verschiedene Pflanzen anbauen, darunter drei Salatsorten, Gurken, Tomaten, Paprika, Rucola, Radieschen, Spinat, und Kräuter wie Koriander oder Minze und natürlich Erdbeeren. Falls mir langweilig wird, habe ich noch ein paar andere Pflanzen mit. Zum Beispiel Kohlrabi. Wir haben Pflanzen ausgesucht, die man nicht großartig verarbeiten muss, sondern gleich essen kann. Kurz: Solche, die weltraumtauglich sind.

20 Prozent der Ernte müssen wir trocknen oder einfrieren, um Untersuchungen machen zu können. Wir schauen uns Nährwert und Inhaltsstoffe sowie die Qualität der Früchte an. Wir untersuchen auch mikrobiologische Belastung – sind die Früchte mit Pilzsporen oder Bakterien kontaminiert? Ziel ist es, die Grundlagen für ein Weltraumgewächshaus zu schaffen.

Im Rahmen der Mission wollen Sie auch herausfinden, was im All sicher nicht geht.

Ja, so ein Gewächshaus ist sehr, sehr komplex was Sensorik und Steuerung betrifft. Das muss wohl deutlich vereinfacht werden, um weltraumtauglich zu sein. Das ist noch deutlich zu komplex.

So ein Jahr in Eis, Schnee und Kälte ist ja nicht ohne. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich war im Pitztal am Gletscher. Dort haben wir den Umgang mit Bergsteigerausrüstung gelernt, wie man verunglückte Menschen aus Gletscherspalten rettet und mit Notfallsausrüstung gezeltet. Ich finde Kälte und Schnee ja sehr schön.