© Simon Reinhard

Wissen
12/10/2018

Gedächtnis-WM in Wien: Das sind die Tricks der Superhirne

Von Waldspaziergang bis Liege am Pool: So bereiten sich die Profis auf den großen Tag vor.

von Gabriele Kuhn

Stellen Sie sich 30 Ziffern-Reihen vor, jede besteht aus 30 Nullen und Einsern. Nur eine halbe Stunde lang ist Zeit, sich diese Binärzahlen einzuprägen – und eine weitere Stunde, um sie wiederzugeben.

Undenkbar? Nicht für ein Superhirn wie Simon Reinhard. Dem 39-jährigen Münchner ist es gelungen, sich innerhalb von fünf Minuten eine Binärzahl mit 819 Nullen und Einsern zu merken. Irgendwie logisch, schließlich ist er zweifacher amtierender Gedächtnisweltmeister der XMT/Memory League und hält den Guinness-Weltrekord für die meisten in einer Minute eingeprägten Zahlen. Kommendes Wochenende ist Simon Reinhard in Wien – als Organisator einer Gedächtnisweltmeisterschaft, die heuer erstmals in der Bundeshauptstadt durchgeführt wird. An die 60 Teilnehmer aus aller Welt werden sich drei Tage lang in insgesamt zehn Disziplinen messen (Details siehe am Ende des Artikels).

„Die, die in der Liga ganz oben mitspielen, trainieren Monate mit eigenen Trainingsplänen.“ Simon Reinhard

Verrückte Namen

Damit zurück zur Herausforderung von Seite 1: „Namen und Gesichter merken“. Es ist gleich der allererste Wettkampf, dem sich die Gedächtnissportler am kommenden Freitagvormittag stellen müssen. 15 Minuten lang einprägen, 30 Minuten Wiedergabe. Ein Bewerb, den Simon Reinhard genauso gerne mag wie die österreichische Gedächtnisweltmeisterin Luise Maria Sommer (60+). Die Herausforderung dabei ist, sich verrückt klingende Namen und Gesichter zu merken, die gar nicht zusammenpassen. „So steht unter dem Passfoto eines Europäers ein komplizierter asiatischer Name – und umgekehrt.“

Wie man sich das einprägt? „Ganz einfach, indem man in Bildern denkt. Das ist die Basis für alle Merktechniken. Machen Sie sich zuerst ein Bild von dem Namen, dann verknüpfen Sie es mit einem Merkmal der Person, etwa im Gesicht oder an den Haaren“, erzählt Sommer. Einer „Sabine“ setzt man im Geiste zum Beispiel eine Biene auf die Nase. Reinhard arbeitet mit Assoziationen zwischen dem Gesicht und Namen. Klingt alles recht simpel – für den Hausgebrauch. Doch wer an einer Weltmeisterschaft teilnehmen möchte, muss schon mehr auf dem Kasten haben. Dafür wird intensiv trainiert. „Wie lange, hängt davon ab, welche Ansprüche man an die eigene Leistung hat. Die Leute, die in der Liga ganz oben mitspielen, trainieren monatelang und mit eigenen Trainingsplänen. Mit einem Laisser-faire-Ansatz kommt man da nicht weit. Wer etwas erreichen will, muss Zeit investieren“, sagt Reinhard.

Als sich Luise M. Sommer entschloss, im Dezember 2016 bei der Gedächtnis-WM in Singapur anzutreten, begann sie Monate zuvor mit dem Training: „Zunächst gemütlich, pro Tag eine halbe Stunde. Im Sommer habe ich dann immer wieder Marathonbewerbe geübt, damit ich mich in Konzentration übe und um zu sehen, wie das ist, wenn ich eine Stunde lang memoriere“, erzählt sie. Was für sie in dieser Zeit besonders wichtig war – der tägliche Waldmarsch.

„Um innezuhalten, damit sich das Gehirn regenerieren kann“, erinnert sich Sommer. Woran sie sich ebenfalls gut erinnern kann – an die spezielle Atmosphäre bei der Weltmeisterschaft: „Alle Teilnehmer sind voll fokussiert, aber auf unterschiedliche Weise. So gibt es etwa solche, die sich mit Kopfhörern oder speziellen Kappen total abschirmen und in sich versunken memorieren. Ich bin da lockerer“, sagt Sommer, die sich vorgenommen hat, mit 70 Jahren erneut bei einer Weltmeisterschaft anzutreten.

Simon Reinhard schätzt den Gedächtnissport auch wegen der angenehmen, freundlichen Atmosphäre: „Ich habe sämtliche Wettkämpfe immer als eine Art großes Get-together wahrgenommen – von Menschen aus aller Welt, die sich zum ersten Mal sehen und austauschen. Es ist auch nicht verbissen.“

Wie bei einer Prüfung

Der Wettbewerb selbst hat durchaus was von Maturastimmung – „es ist wie bei einer sehr wichtigen Prüfung.“ Da liegt Spannung in der Luft, jeder stimmt sich auf seine Art ein. „Manche unterhalten sich und lenken sich ab. Andere sitzen ruhig am Tisch und gehen nochmals ihre ganzen Merkmethoden durch“, schildert Reinhard.

Wie die Superhirne dann aber alles in ihren Kopf kriegen, ist unterschiedlich. Als „Mutter“ aller Strategien gilt die Loci-Methode, von „Locus“ (für Ort). „Sie wird als Basis von allen Gedächtnissportlern verwendet – aber von jedem auf seine Art und in unterschiedlichen Stilen“, sagt Simon Reinhard.

Wie man sich die Loci-Methde vorstellen muss? Zum Beispiel so: Im Geiste gehen die Wettkampfteilnehmer spazieren. Der eine durch seinen Garten – wie etwa Luise M. Sommer. Der andere flaniert durch seinen Lieblingsurlaubsort, wie zum Beispiel Simon Reinhard: „Man visualisiert die Dinge, die man sich merken soll, stellt sie sich also bildlich vor und legt diese Dinge an markanten Punkten dieser Route ab.“ Ort 1 der Route „Urlaubsort“ wäre dann der Frühstückstisch im Hotel, an dem ein Bild verankert wird. Ort 2 könnte die Rezeption sein, Ort 3 die Liege am Pool. Und so weiter.

Anhand solcher vorbereiteten „Reiserouten“ können sich Gedächtnis-Meister sehr viele Dinge auf einmal merken.

Die anspruchsvollste Version dieser Methode heißt übrigens „Gedächtnispalast“ und braucht sehr viel Übung. Dabei dient ein prächtiges, schlossartiges Gebäude als geistiger Ort der Informationsverankerung. Diese Technik wurde Laien vor allem durch die BBC-Serie „Sherlock“ bekannt, in der Sherlock Holmes seinen Gedächtnispalast benützt, um nach wichtigen Fakten und Assoziationen zu suchen.

Wie sich die Profis vorbereiten

Ausreichend und gut schlafen:  Senioren-Gedächtnisweltmeisterin Luise M. Sommer erinnert sich an die WM in Singapur. In der Nacht vor einem der für sie schwierigsten Bewerbe „Spoken Numbers“ und „Speed Cards“ wacht sie nachts um 3.18 Uhr auf und kann nicht mehr schlafen. Seither hat sie an ihrer Schlafhygiene gearbeitet. Und die beginnt schon am Morgen – am besten mit Bewegung, um dem Körper zu signalisieren, dass der Tag beginnt. Für sie ist außerdem Schlaf in einem abgedunkelten Raum ein Wundermittel. Guter Schlaf hilft beim Aufräumen des inneren Wissensspeichers.
Sich immer wieder nur auf eine Sache konzentrieren: Multitasking ist nichts für das menschliche Gehirn, sagt Luise M. Sommer. Daher sollte man sich immer wieder für eine bestimmte Zeit auf eine Sache konzentrieren. „Wenn eine Sache nicht so gut lief, können Sie davon ausgehen, dass Ihr Fokus nicht dort war, wo er hingehört hätte“, sagt Sommer.
Das Gehirn von Zeit zu Zeit einmal leeren: Wer immer wieder kurzes Innehalten pflegt und Denkpausen einlegt, erhöht seine Aufmerksamkeit und verbessert das Gedächtnis. „Meditation hilft auch beim Merken“, sagt die Gedächtnisweltmeisterin.
Dem Kopf regelmäßig „Naturfaszinationen“ gönnen: Dabei geht es darum, den Regenerationseffekt der Natur zu erfahren – sich mit allen Sinnen zu öffnen und zu staunen. Zum Beispiel auch mit einer Meditation draußen, bei der man sich ausschließlich auf den Atem konzentriert und alles andere ausblendet.

Gedächtnis-WM in Wien

Sie finde vom 14.-16.12. im Europahaus statt.
Geschichte: Seit 1991 finden die Gedächtnisweltmeisterschaften statt, mittlerweile von zwei verschiedenen Organisationen. Gründer ist der Mentaltrainer Tony Buzan.
Drei Tage dauert der Zehnkampf. Der Gesamtsieger erhält den Titel Gedächtnisweltmeister oder World Memory Champion.
Die Disziplinen   
-Namen und Gesichter
-Binärzahlen merken
-Stundenziffern: Eine Stunde Ziffern merken
- Abstrakte  Bilder merken
- Historische Daten
- Speed Numbers: 5 Min. Ziffern einprägen
- Stundenkarten: So viele Kartenpäckchen  wie möglich merken, in einer Stunde
- Beliebige Wörter: 15 Min. einprägen
- Gesprochene Zahlen: Englische Zahlen werden im Sekundentakt vom Tonband angesagt. Bei der Wiedergabe wird beim ersten Fehler gestoppt
- Speed Cards: 1 Päckchen mit 52 Karten so schnell wie möglich memorieren

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