Wissen und Gesundheit
16.06.2017

Forscher überzeugt: "Alzheimer wird bis 2025 heilbar"

Ein renommierter Alternsforscher über die künftige Behandlung und Früherkennung der Krankheit.

Für junge Menschen wird Alzheimer in Zukunft wahrscheinlich keine große Bedrohung mehr darstellen – das kündigt einer der weltweit führenden Alzheimerforscher, Prof. Konrad Beyreuther, an. Der 76-jährige Molekularbiologe ist Gründungsdirektor des Netzwerks Alternsforschung an der Universität Heidelberg. Für einen Vortrag für den Mikronährstoff-Hersteller "Biogena" war er in Wien, wo ihn der KURIER zum Gespräch bat.

KURIER: Einerseits gibt es immer wieder neue Zahlen, wonach sich die Demenzfälle vervielfachen werden – andererseits scheint die Zahl der Neuerkrankungen zu sinken. Was erwartet uns wirklich?

Prof. Konrad Beyreuther: In England und den USA ist die Zahl der Neuerkrankungen in den vergangenen 20 Jahren um 20 Prozent gesunken, also ein Prozent pro Jahr. Wir gehen davon aus, dass die Zahl weiter sinken wird, weil einer der Hauptrisikofaktoren für Demenz Herz-Kreislauf-Probleme sind. Es gäbe 50 Prozent weniger Patienten, wenn die Kardiologen weiterhin so erfolgreich sind. In Österreich gibt es etwa 120.000 Alzheimer-Patienten, und die Zahl der Neuerkrankungen ist von 30.000 im Jahr auf 24.000 gesunken, was ein großer Erfolg ist. Wir könnten über die Herz-Kreislauf-Schiene weitere 9000 reduzieren.

„Es gäbe 50 Prozent weniger Patienten, wenn Kardiologen weiter so erfolgreich sind.“

Ist die verbesserte Herzgesundheit der einzige Faktor, der die Zahlen sinken lässt?

Wir haben heute viel mehr Studenten, die eine hohe Bildung anstreben. Das schützt auch, denn Demenz heißt Verlust von Nervenzellkontakten. Je höher meine Bildung ist, desto mehr Nervenzellkontakte habe ich und desto später erkranke ich. Das zeigen auch die erwähnten US-Daten: Bei der aktuellen Erhebung hatten die Teilnehmer 14 Jahre Schulbildung, vor 20 Jahren nur 13 Jahre. Das macht allein zehn Prozent aus und die anderen zehn Prozent kommen von der besseren medizinischen Versorgung des Herzens.

Je fitter wir geistig und körperlich werden, desto weniger oft tritt Demenz auf?

Das beste Beispiel ist Stephen Hawking, der sich nicht bewegt, aber einer der klügsten Menschen der Welt ist. Von Demenz sieht man weit und breit nichts. Die kognitive Reserve ist eine der ganz großen Protektoren. Zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr fällt die Entscheidung, ob man dement wird. Das gilt für etwa 60 Prozent der Menschen. Da muss sich jeder klar machen, dass er mindestens 20 bis 30 Minuten am Tag etwas für seinen Körper tun muss. Man muss eine mentale Rentenversicherung mit sich selbst abschließen. Neugierig sein, rückwärts zählen, Zeitung lesen, mit Menschen sprechen, sich bewegen.

Was tun Sie selbst?

Ich mache jeden Morgen 15 Minuten Bewegung und zähle dabei rückwärts. Das schließe ich mit 20 Liegestützen ab und fahre mit dem Rad ins Institut. Wir haben weltweit 25.000 Alzheimerforscher, die im Jahr 10.000 Veröffentlichungen produzieren – ich muss jeden Tag 30 Publikationen durchgehen, das hält mich ganz schön fit.

Bei so vielen Studien stellt sich die Frage: Wann kommt endlich der Durchbruch?

Die Impfung für Alzheimer steht vor den Toren. Es sieht sehr gut aus, wenn man den richtigen Impfstoff hat. Das Problem sind die Eiweißablagerungen – die bestehen aus Fasern und wenn der Prozess begonnen hat, werden diese immer länger. Züricher Forscher haben jetzt einen guten Ansatz, wie man die Fasern entfernen kann: Sie haben Impfstoffe aus alten Menschen isoliert, die komplett gesund sind und eine Schutzsubstanz in sich tragen. Einer dieser Wirkstoffe heißt Aducanumab und wurde jetzt getestet: Die Ablagerungen werden entfernt. Das hilft Patienten im frühen Stadium der Krankheit – sie verschlechtern sich nicht. Im späten Stadium kann man nichts erwarten, denn leere Hirne kann man nicht therapieren. 2025 werden Studien mit etwa 5000 bis 6000 Patienten abgeschlossen sein. Einer der Entwickler dieses Impfstoffes verkündet auf der Webseite der Firma: Im Jahr 2025 ist Alzheimer besiegt. Und ich teile seine Meinung.

„Zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr fällt die Entscheidung, ob man dement wird.“

Das ist ja gar nicht mehr so lange hin – wo ist der Haken?

Das Problem ist: 60 Prozent der Alzheimer-Patienten haben gleichzeitig eine vaskuläre Demenz (ausgelöst von Durchblutungsstörungen im Gehirn, Anm.). Die bleibt bestehen. Dann ist zwar Alzheimer geheilt, aber der Patient noch immer dement. Den reinen Alzheimer-Patienten gibt es wahrscheinlich zu 30 Prozent – da muss man wie beim Krebs schauen, ist da noch was anderes da. Das heißt, wenn wir eine Tür geschlossen haben, gehen andere auf. Wir werden als Forscher genug zu tun haben.

Welche Hoffnung gibt es für jene, die schon krank sind?

Für die anderen gibt es eine neue Entwicklung namens Advanced Care Programming. Man versucht die Menschen durch die verschiedenen Stadien der Krankheit zu begleiten: Vom Zeitpunkt, wo noch alles alleine möglich ist, über Hilfe beim Waschen bis hin zur Bettlägrigkeit. Die Amerikaner, Engländer und Schweizer sind da ganz weit. Das muss man sich vorstellen wie einen Personal Trainer, der einen je nach Krankheitsstadium berät, was jetzt noch möglich ist, wann man in den Rollstuhl muss und wann man loslassen und sagen muss: Jetzt darf er gehen. Das ist ganz großartig, weil es wichtig ist zu zeigen: Wir lassen diese Menschen nicht alleine.

Das ist nicht nur für die Betroffenen eine große Hilfe, sondern auch für die Angehörigen ...

Natürlich! Es ersetzt im Grunde die Patientenverfügung, die eine sehr rigide Sache ist, weil man sie macht, bevor man wirklich weiß, was das Problem ist. Und dann merkt man gar nicht, dass man das nicht wollte – bzw. hält sich keiner daran, weil niemand die Verfügung ernst nimmt. Das Advanced Care Programming stellt die Würde und Selbstbestimmung wieder her.

„Man muss auch eine mentale Rentenversicherung mit sich selbst abschließen.“

Was kann jeder tun, um sein Risiko zu minimieren?

Prävention hat zwei Ebenen: Die primäre und die sekundäre. Letztere setzt ein, wenn der Prozess begonnen hat. Da kann man nur zwei Dinge machen: Das Herz durch Bewegung stärken, denn das Gehirn hat 600 Kilometer Blutgefäße, und die müssen gut durchspült werden. Man kann den Krankheitsprozess nicht aufhalten. Aber geistige Aktivität schafft mehr Nervenkontakte und verlangsamt das Zerstören. Diese kognitive Reserve, die geistige Aktivität, die sozialen Kontakte, Stressreduktion – das sind die großen Chancen bei der sekundären Prävention.

Und dann gibt es die primäre Prävention, die man zwischen 40 und 60 macht: Zu den sieben Risikofaktoren gehören mangelnde Bewegung, Depression und Bluthochdruck, denn da gibt es Probleme im Gehirn bei der Durchspülung. Dann kommt Übergewicht, Rauchen, mangelnde geistige Aktivität bzw. Unterforderung im Beruf und als Letztes Diabetes – wenn die Zuckerversorgung im Gehirn gestört ist, ist das auch ein großer Faktor. Wahnsinnig wichtig sind außerdem Ernährung und Schlaf. Der Tiefschlaf reinigt das Gehirn – insofern müssen wir im Alter länger schlafen, weil die Zellen für die Reinigung länger brauchen.

Gibt es neue Möglichkeiten, die Erkrankung früher zu erkennen?

Ante portas sind zwei Bluttests, die in den nächsten zwei bis fünf Jahren evaluiert werden – dann haben wir die Möglichkeit, den Frühtest großflächig anzuwenden. Er wird mit 100 bis 200 Euro nicht teuer sein.

Kann die Erkrankung dann noch gebremst werden?

Alzheimer hat eine sehr stark erbliche Komponente, die uns aber nicht in die Knie zwingt. Sie können anhand der Erkrankung Ihrer Vorfahren abschätzen, wann Sie erkranken werden. Und da machen Sie fünf oder zehn Jahre vorher diesen Test. Es gibt bisher 31 nachweisbare erbliche Risikofaktoren für Alzheimer, die bestimmen, wann Sie erkranken. Der Gen-Test wird in wenigen Jahren zwischen 500 und 1000 Euro kosten. Publikationen zeigen, dass man sich durch Maßnahmen schützen und den Beginn der Krankheit hinauszögern kann.

Eine letzte, oft diskutierte Frage: Aluminiumhaltige Deodorants bzw. Antitranspirante sind verstärkt in die Kritik geraten, weil sie u. a. Alzheimer fördern sollen. Was halten Sie davon?

Ein sehr beliebtes Thema. Die Wissenschaft hat bisher herausgefunden: Wenn Sie Alzheimer haben, ist das Gehirn nicht mehr so gut geschützt wie bei einem Gesunden und Sie sollten keine aluminiumhaltigen Präparate verwenden, weil Aluminium ein Nervenzellgift ist. Aber bei Gesunden spielt Aluminium überhaupt keine Rolle – dafür gibt es keinen Hinweis.