Wissen
28.03.2018

Forscher finden neues Organ im menschlichen Körper

Ob es sich tatsächlich um ein Organ im klassischen Sinn handelt, muss noch geklärt werden.

Was bislang für unwichtiges Zwischengewebe im Körper gehalten wurde, entpuppte sich nun als drittes Gefäßsystem, das von großer medizinischer Bedeutung sein könnte. Das Interstitium, wie das Zwischengewebe fachsprachlich genannt wird, hat durchaus Funktionen, wie Mediziner der New York University School of Medicine nun herausfanden. Damit könnte es ein neues Organ im menschlichen Organismus darstellen.

Komplexes Kammernsystem

Die Ärzte entdeckten bei einer modernen Form der Endoskopie des Gallenganges Zwischengewebe, welches wie ein Netzwerk aus unzähligen flüssigkeitsgefüllten Kammern aussah. Zuvor hatte man angenommen, dass die Zwischenräume um die Organe im Körper dicht und homogen seien. Das Team rund um den Pathologen Neil Theise untersuchte daraufhin weitere Organe und das umliegende Gewebe. Man stellte fest: Die Hohlräume fanden sich vom Darm bis zur Nase praktisch überall im Bindegewebe.

Im Fachblatt Scientific Reports sprechen die Forscher davon, dass es sich bei dem Netzwerk um ein eigenständiges Organ handeln könnte. "Ursprünglich haben wir gedacht, dass es einfach interessantes Gewebe ist. Wenn man aber nachforscht, wie Menschen Organe definieren, dreht sich alles um ein oder zwei Konzepte: dass sie eine einheitliche Struktur haben oder dass es Gewebe mit einer einheitlichen Struktur ist – oder dass es Gewebe mit einer einheitlichen Funktion ist", sagte Neil Theise im Interview mit CNN über die Erkenntnisse. Das Interstitium vereine beides: "Die Struktur ist überall gleich, egal wo man es untersucht, und so verhält es sich auch mit seinen Funktionen, die wir gerade näher erforschen."

Größer als die Haut

Die Gewebestruktur sei zudem größer als die Haut, jenes menschliche Organ, das bisher als größtes im Körper galt. Theise schätzt, dass das Interstitium rund 20 Prozent des Körpervolumens ausmacht. Das entspreche einer Masse von rund zehn Litern bei einem Erwachsenen. Zum Vergleich: Die Haut macht rund ein Sechstel des Körpergewichtes aus.

Theise zufolge funktioniert das neue Organ als Art Stoßdämpfer, der das Körpergewebe und die inneren Organe schützt. Laut den Wissenschaftlern kann es auch die Verbreitung von Metastasen fördern, indem es Krebszellen ermöglicht, in das Lymphsystem einzudringen und so andere Organe erreichen. Nun soll geklärt werden, ob die Flüssigkeit in den Zwischenräumen zur Frühdiagnostik für Krebs eingesetzt werden kann.

Warum die Struktur des Gewebes erst jetzt näher erforscht wurde? Weil Proben davon bei standardmäßigen Untersuchungen bisher unter dem Mikroskop plattgedrückt und chemisch behandelt wurden, sodass die mit Flüssigkeit gefüllten Hohlräume in sich zusammenfielen. Die Struktur wurde damit zerstört und als unwesentliche Schicht des Bindegewebes klassifiziert. "Jetzt ist klar, dass (…) die Zwischenräume hohl und mit Flüssigkeit gefüllt sind. Hat man es einmal gesehen, ist es nicht mehr wegzudenken", betont Theise.

Organstatus diskutabel

Weitere Untersuchungen seien jedenfalls notwendig, um die genaue Funktion des Gewebes zu erforschen und wie es andere Teile des Körpers beeinflusst. Auch der Status des Gewebes als Organ müsse diskutiert werden, heißt es.

"Ich würde meinen, dass es eine neue Komponente ist, die bei unterschiedlichen Organen vorkommt, eher als dass es ein für sich stehendes neues Organ ist", meint jedenfalls Michael Nathanson, Zellbiologe und Medizinprofessor an der Yale University School of Medicine gegenüber CNN.