Valery Spiridonov ist ein Kandidat für die erste Kopftransplantation

© REUTERS/MAXIM ZMEYEV

Medizin
12/17/2015

Erste Kopftransplantation: Österreicher im Team

Funktioniert der umstrittene Eingriff, könnte das Millionen Menschen mit Rückenmarksverletzungen "heilen".

Der Turiner Neurochirurg Sergio Canavero plant für 2017 die erste Kopftransplantation der Welt. Zumindest hat er das vor einigen Monaten angekündigt. Ein morgen, Freitag, neu herauskommendes österreichisches Magazin (Ooom) berichtet nun, dass Karen Minassian vom Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik der MedUni Wien an dem Projekt mitarbeitet.

"Wir wissen heute, dass das Rückenmark weitaus mehr ist als ein Leitungsorgan, es steuert komplexe Muskel- und Beinbewegungen. Überspitzt formuliert braucht der Mensch für das Gehen kein Gehirn. Es gibt neuronale Netzwerke ebenso wie für die Atmung, das Kauen oder sexuelle Funktionen, die dem Gehirn Aufgaben abnehmen", wird der Wissenschafter in einer Vorausmeldung zitiert. Auch wenn das Rückenmark bei einer Kopftransplantation durchtrennt würde, gäbe es noch immer unterhalb dieses Bereiches Nervenverbände, die durch Aktivität und Beeinflussung – zum Beispiel durch elektrische Stimulation – den Grundrhythmus für Beuge- und Streckbewegungen und somit das Gehen erzeugen könnten.

Kann es funktionieren?

Zahlreiche internationale Experten haben das Projekt als schiere Fantasterei bezeichnet. "Das ist unmöglich. Das ist spekulativ, und da zeichnet sich auch nichts am weitesten Horizont ab", sagte nach der Ankündigung Canaveros im Frühjahr dieses Jahres der deutsche Experte Edgar Biemer, der in Deutschland vor einiger Zeit an einer Armtransplantation beteiligt war. "Wenn ich ein Rückenmark vom Kopf abtrenne, dann ist das hin, und zwar ein für alle Mal", sagte Veit Braun, Chefarzt der Neurochirurgie am Diakonie Klinikum Siegen in Deutschland. "Das wird nicht funktionieren." Im besten Fall habe man einen Patienten mit funktionierendem Gehirn, der keine Kontrolle über den Körper habe. "Das ist sehr unethisch."

Canavero hingegen äußerte gegenüber dem neuen Magazin jetzt ausgesprochen hohe Erwartungen: "Es kann sein, dass unsere Operation die Heilung für Millionen Menschen mit Rückenmarksverletzungen bringen kann. Ich mache die Operation, um zu beweisen oder zu widerlegen, dass unser Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird. Wenn wir beweisen können, dass unser Gehirn kein Bewusstsein erzeugt, werden die Religionen für immer hinweggefegt. Man braucht sie nicht mehr, denn die Menschen brauchen dann keine Angst mehr vor dem Tod zu haben. Mit Dr. Minassian haben wir einen sehr erfahrenen österreichischen Spezialisten im Team, das aus 150 Experten, darunter rund 80 Chirurgen, bestehen wird."

Experte überzeugt

Obwohl der Wiener Wissenschafter laut dem Magazin lange überlegt hätte, ob er an der Kopftransplantation mitwirken soll, ist er überzeugt: "Im Prinzip kann eine solche Transplantation erfolgreich sein. Wenn es einer schafft, dann Prof. Canavero." Minassian war an einer internationalen Studie beteiligt, in der es gelang, Kontrollmechanismen zu identifizieren, über die das Rückenmark diese Muskelaktivitäten steuert. Das funktioniert demnach auch, wenn durch eine Querschnittslähmung die vom Gehirn ausgehenden Leitungsbahnen eigentlich unterbrochen sind. Entwickelt wurde auch ein Verfahren zur nicht-invasiven Stimulation des Rückenmarks. Das könnte eventuell bei Rehabilitationsmaßnahmen Verwendung finden.

Erstes Statement zum KURIER

In einem ersten Statement gegenüber dem KURIER erklärt Minassian: "Mein Beitrag im Projekt beschränkt sich zunächst auf einen Artikel im Rahmen eines Symposiums der Fachjournale „Surgery“ und „CNS Neuroscience & Therapeutics“. Darin beschreibe ich die aktuellen Möglichkeiten und Limitationen in der Rehabilitation von Querschnittsverletzungen. Dabei ist mein Spezialgebiet die epidurale elektrische Rückenmarksstimulation. Dieses Fachwissen ist für Prof. Canavero wichtig, um mit den Folgekomplikationen seines geplanten Eingriffs umzugehen. Für mich als Neurowissenschaftler und Physiker ist der Patient nach dem Eingriff ein „normaler“ Querschnittspatient – wenn auch mit einer sehr ungewöhnlichen Genese der Verletzung. Da ich kein Chirurg bin, kann ich zu dem Eingriff selbst keine professionellen Auskünfte geben. "

Den Artikel werde er noch im Dezember an die Fachjournale übermitteln, ob es danach eine weitere Zusammenarbeit mit dem Team von Prof. Canavero geben werde sei noch offen.

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