„Meilensteine der Herzchirurgie“: „Die Fortschritte sind gewaltig“, sagt Univ.-Prof. Günther Laufer

© Prof. Laufer

50 Jahre Herzchirurgie
11/22/2013

Erfolgsgeschichte der Medizin

Ob Bypass oder Kunstherz: Das Risiko bei einem Eingriff ist stark gesunken

von Ernst Mauritz

Eigentlich war die Premiere bereits vor 51 Jahren, aber kommende Woche wird das 50-Jahr-Jubiläum groß gefeiert: Am 23.12.1962 wurde im Wiener AKH die erste Herzoperation in Österreich mit einer Herz-Lungenmaschine durchgeführt – an einem damals zehnjährigen Mädchen. Univ.-Prof. Günther Laufer, Leiter der Klinischen Abteilung für Herzchirurgie an der MedUni Wien, über die Fortschritte seit damals.

KURIER: Wenn Sie eine Entwicklung seit 1962 herausheben sollen – welche wählen Sie aus?
Günther Laufer: Am besten zeigt den enormen Fortschritt der Rückgang der Sterblichkeit: 1953 wurde weltweit zum ersten Mal in den USA eine Herz-Lungen-Maschine eingesetzt – sie ersetzt vorübergehend die Herz- und die Lungenfunktion, das Herz kann für die Dauer des Eingriffs stillgelegt werden. Damals starb jeder zweite Patient. Als in Österreich Anfang der 60er-Jahre mit den Eingriffen begonnen wurde, lag die Sterblichkeit noch bei rund 20 Prozent. Heute sterben in den ersten 30 Tagen nach einer Herzoperation nur mehr zwei bis drei Prozent – und das, obwohl die Patienten älter werden, dadurch mehr Begleiterkrankungen haben und die Eingriffe häufig komplizierter und aufwendiger sind.


Bei den reinen Bypassoperationen – die Umgehung verschlossener Herzkranzgefäße – konnten wir 2012 die Sterblichkeit sogar auf unter ein Prozent senken. Möglich wurden diese Erfolge nicht nur durch verbesserte chirurgische Techniken, sondern auch durch neue medizintechnische Produkte und Medikamente.

Wie erfolgreich ist die Entwicklung von Kunstherz-Systemen?
Noch vor rund zehn Jahren waren solche Pumpen zur Unterstützung der Herzfunktion bei Patienten mit Herzschwäche sehr anfällig für Komplikationen. Die MedUni Wien – besonders auch mein Kollege Heinrich Schima – war maßgeblich an der Entwicklung einer Mini-Kreiselpumpe beteiligt, bei der der Rotor in einem Magnetfeld schwebt– deshalb gibt es keinen mechanischen Verschleiß mehr, die Lebensdauer der Pumpe ist praktisch unbegrenzt. Derzeit arbeiten wir an Pumpen, die nur so groß wie ein Daumen sind und nicht mehr via Kabel durch die Bauchwand gesteuert und mit Energie versorgt werden müssen.
Der Trend geht in die Richtung, dass mit diesen Pumpen nicht mehr nur die Wartezeit bis zu einer Transplantation überbrückt wird – oder Patienten damit versorgt werden, die nicht transplantiert werden können. Intelligente Pumpen könnten in Zukunft mehr und mehr zur dauerhaften Alternative für Transplantationen werden.

Sind die Operationen für die Patienten heute schonender?
15 bis 20 Prozent aller Operationen erfolgen bereits minimal-invasiv, also mit kleinen Schnitten und ohne Eröffnung des Brustkorbes. Ein Beispiel dafür sind neue Herzklappenprothesen. Durch eine engere Zusammenarbeit mit den Kardiologen (die mithilfe von Kathetern – Kunststoffschläuchen – z. B. verengte Gefäße aufdehnen) hoffen wir, künftig bis zu 30 Prozent der chirurgischen Patienten mit den schonenderen kleinen Schnitten behandeln zu können. In der Herzchirurgie gibt es heute übrigens eine 100-prozentige Qualitätssicherung: Alle neun Abteilungen in Österreich melden ihre Operationsdaten an die „Gesundheit Österreich Ges.m.b.H“. Durch ein von uns mitentwickeltes Computerprogramm werden die Ergebnisse mit dem jeweiligen Gesundheitszustand des Patienten und dem Risikograd des Eingriffs verknüpft. So bekommt jeder Operateur vergleichbare Ergebnisse.

Sind Herz-Operationen etwas Besonderes?
Ja, weil man meist sofort sieht, ob der Eingriff geklappt hat und wie er im positiven Fall den Patienten hilft – diese Unmittelbarkeit ist nicht so häufig in der Medizin. Das ist jedes Mal ein Erfolgserlebnis, das meine Mitarbeiter und mich antreibt. In der Anfangszeit der Herzchirurgie vor 50 Jahren waren diese Erfolge nicht so häufig und deswegen prägten US-Chirurgen den Satz: „Der Sensenmann sitzt beim Operieren immer auf der Schulter.“

Was rät der Herzchirurg, um das Herz gesund zu halten?
Essen Sie zwischendurch täglich Nüsse – neue Daten zeigen, dass damit das Risiko, an Herzkrankheiten zu sterben, deutlich gesenkt wird. Sie dämpfen auch das Hungergefühl. Darüber hinaus auch Fisch, Früchte und kleine Mengen an Rotwein.

Zur Person Univ.-Prof. Günther Laufer ist seit 2009 Leiter der Klinischen Abteilung für Herzchirurgie der MedUni Wien und Nachfolger von Univ.-Prof. Ernst Wolner. Davor leitete er neun Jahre lang die Herzchirurgie in Innsbruck.

Zur Abteilung1400 Herz-Operationen werden jährlich von der Abteilung für Herzchirurgie am AKH Wien / MedUni Wien durchgeführt. Sie ist eine der wenigen weltweit, die das gesamte Spektrum der herzchirurgischen Eingriffe inklusive Transplantationen und Kinderherzchirurgie anbietet.