Patientin Hildegard Monschein kann dank der neuen Technik wieder Lichtreize wahrnehmen.

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Premiere
07/11/2015

Erblindete Wienerin bekam bionisches Auge

Implantierter Mikrochip ist Schritt zum künstlichen Sehen. Nicht alle Patienten profitieren von Technologie.

von Ingrid Teufl

Das sprichwörtliche "Argusauge" hat für Hildegard Monschein eine neue Bedeutung bekommen. Die vor 30 Jahren erblindete Wienerin ist die erste Patientin, der in Österreich ein hochkomplexes Mikrochip-System mit dem Namen "Argus II" implantiert wurde. Schon jetzt, nur zwei Wochen nach der Operation in der Wiener Rudolfstiftung, kann sie bereits erste Lichtreize wahrnehmen.

"Ich weiß aber, dass ich noch einen weiten Weg vor mir habe." Nun folgt ein langwieriges Training, damit Monschein die wahrgenommenen Reize richtig zu interpretieren lernt. "Es ist eine Art Schwarz-Weiß-Sehen", beschrieb sie es Freitag bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt. Sie weiß, dass das auch so bleiben und nicht mit normalem Sehen vergleichbar sein wird. "Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, bis ich erblindet bin. Das Sehen lässt sich nicht plötzlich wieder anknipsen." Sie erkenne aber bereits Schatten und gewisse Konturen. Bei Monschein wurde die seltene, degenerative Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa (RP) diagnostiziert, rund zwanzig Jahre später waren ihre Sehzellen fast komplett zerstört.

Sehzellen stimulieren

Durchgeführt wurde die Operation von der Expertin für Netzhautchirurgie, Prim. Susanne Binder. Sie leitet seit zwanzig Jahren die Augenabteilung in der Wiener Rudolfstiftung. "Dieses System ist ein großer Schritt zum künstlichen Sehen." Die erste künstliche Retina basiere darauf, dass trotz der krankheitsbedingten Zerstörung der äußeren Netzhautschichten noch funktionierende Zellen in den inneren vorhanden sind. "Die Elektroden im Mikrochip stimulieren diese Sehzellen", erklärt Binder. Dadurch entstehen Lichtmuster, die vom Gehirn – mit entsprechendem Training – verarbeitet werden können. "Wesentlich dafür sind unter anderem alte Seh-Erfahrungen, an die sich die Patienten erinnern." Fast vier Stunden dauerte die Operation Ende Juni, für die Binder an internationalen Schulungen teilnahm. "Etwa die Hälfte der OP-Schritte gehören zu unserem täglichen Geschäft bei Netzhautoperationen."

Auch wenn nicht alle Patienten mit Retinitis pigmentosa vom Mikrochip-System profitieren werden, ist es doch ein Hoffnungsschimmer. Binder: "Von 150 Patienten, die untersucht werden, kommen vier bis fünf infrage." Das sind etwa auf beiden Augen erblindete Retinitis-pigmentosa-Patienten, deren untere Netzhautschichten noch zu etwa 30 Prozent funktionieren (Hotline für Anfragen: 0800-802208). Gregoire Cosendai, Europadirektor der US-Herstellerfirma "Second Sight", ergänzt: "Abgesehen von einer neuen Lebensqualität und Unabhängigkeit unterstützt die Wiederherstellung der Sehfähigkeit eines Blinden auch die Gesellschaft."

130 Patienten weltweit

Weltweit wurden bisher 130 Patienten operiert, mit durchwegs positiven Erfahrungen. Für den Niederländer Jerome Perk, 36, "hat sich das Leben total verändert". Er trägt das Implantat sowie die dazugehörige Brille, die die Bilder aus der Umwelt an den Chip überträgt, seit zwei Jahren. "Es war wie ein Wunder. Ich konnte nach und nach wieder die Bewegung von Menschen im Freien sehen und den Gehsteig vom Rasen unterscheiden." Mit fortschreitendem Training fiel ihm sogar auf, dass sich einer seiner Freunde rasiert hatte.

An der „künstlichen Retina“ wurde 25 Jahre gearbeitet

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Wiener Rudolfstiftung zu einem auch international anerkannten Zentrum für Glaskörper-, Netzhaut- und Hornhautchirurgie entwickelt. Über einen Augenkongress kam auch der Kontakt zur Technologie-Firma „Second Sight“ aus den USA zustande. Seit 1991 arbeiten Wissenschaftler und Techniker an der Entwicklung hochkomplexer Systeme, mit denen blinden Patienten das Sehen wieder ermöglicht werden kann.

2002 wurde erstmals einem Patienten ein Mikrochip-System implantiert. Das 2006 gestartete Nachfolgesystem „Argus II“ ist in den USA und Europa als künstliche Retina zugelassen. Es wurde auch in der Rudolfstiftung verwendet und funktioniert komplett mit ferngesteuerter Funkübertragung.

Der finanzielle Aufwand ist allerdings hoch. Das System kostet 120.000 Euro. In Österreich soll für die Finanzierung mit Hersteller und Sozialversicherungen ein Fonds gegründet werden.

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