Wissen und Gesundheit
13.03.2013

Einen Knoten frühzeitig ertasten

In Deutschland werden blinde Frauen zur Untersucherin ausgebildet: Idee ist aus Wien

Ein Tumor in der Brust ist nach wie vor die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Umso wichtiger ist die Früherkennung. Je kleiner der Tumor, desto besser die Heilungsschancen. „Der Tumor hat weniger Zeit, um im Körper weitere Krebszellen auszustreuen“, sagt der deutsche Gynäkologe Frank Hoffmann. Je kleiner, desto schwerer ist ein Knoten aber im weichen Brustgewebe zu ertasten.

Deshalb nutzt Hoffmann den ausgeprägten Tastsinn Blinder. Er hat in Deutschland ein standardisiertes Untersuchungsverfahren entwickelt. Mittlerweile arbeiten 21 blinde Frauen in 17 Arztpraxen und Kliniken, einige Kassen übernehmen die Kosten (ca. 50 €). Jetzt will er das Verfahren samt neunmonatiger Ausbildung auch in Österreich etablieren, Gespräche mit Gesundheits- und Sozialministerium laufen. Ende 2014 könnten die ersten österreichischen „Medizinischen Tastuntersucherinnen“ (MTUs) die Arbeit aufnehmen.

Pionierin aus Wien

Der Einsatz blinder Tastuntersucherinnen in der Brustkrebsfrüherkennung in Österreich wäre so etwas wie eine Heimkehr. Schon seit 20 Jahren arbeitet die Wiener Gynäkologin Maria Hengstberger mit blinden Frauen zusammen und bildet sie speziell aus. „Ihre Erfahrungen waren sehr hilfreich beim Aufbau unseres Konzepts“, streut ihr Frank Hoffmann Rosen. Derzeit ist Hengstberger die einzige, die Blinde in ihrer Ordination einsetzt und die Verantwortung für diese Untersuchung trägt.

Der Tastbefund ist unbestritten eine wichtige Methode zur Vorsorge und Früherkennung von Brustkrebs. Deshalb wird – neben anderen Früherkennungsmaßnahmen wie der Mammografie – jeder Frau auch die monatliche Selbstuntersuchung ihrer Brüste empfohlen. „Dafür ist eine gute Tastfähigkeit notwendig“, betont Hengstberger. „Frauen, die sich das selbst nicht zutrauen, empfehle ich zwischen den Mammografien diese spezielle Brustuntersuchung durch blinde Frauen.“

Deren Fähigkeiten und die Ergebnisse hätten sie von Beginn an verblüfft. „Wenn meine blinde Mitarbeiterin bei einer Patientin etwas ertastet, brauche ich selbst oft 15 Minuten, bis ich das fühle.“ Hoffmann berichtet von einer Vergleichsstudie am Frauenklinikum Essen, in der 451 Frauen von MTUs und Ärzten untersucht wurden. „28 Prozent aller auffälligen Tastbefunde wurden allein von MTUs erkannt.“

Bei Maria Hengstberger findet die Tastuntersuchung im Stehen und Liegen und im Knien in einer eigens konstruierten Wasserwanne statt. „Durch den Auftrieb ist die Brust von allen Seiten gleichmäßig gut abzutasten.“ Auch Frank Hoffmann wollte sicherstellen, dass jeder Zentimeter untersucht wird. „Und der behandelnde Arzt soll die Stelle ebenso wiederfinden.“ Deshalb werden auf der Brust der Patientin fünf mehrfärbige, in Blindenschrift markierte Klebestreifen angebracht. „Jede Brust wird so in mehrere Zonen geteilt, das Lokalisieren von Knoten erfolgt nach einheitlichen Standards.“

Vertrauen, Zuwendung

Darüber hinaus nimmt für beide Gynäkologen der menschliche Faktor eine wesentliche Rolle ein. „Eine MTU vermittelt Vertrauen und Zuwendung. Sie hat vor allem Zeit, die im Praxisalltag oft zu kurz kommt“, betont Hoffmann. Für Hengstberger ist es wichtig, dass Patientin und Untersucherin in ein Gespräch kommen. „Ein Mammografie-Gerät kann ja nicht sprechen. Einen Knoten zu finden, ist eine unverzichtbare Früherkennung. Aber das Reden über das Thema ist die eigentliche Vorsorge.“

Den eigenen Körper gut kennen

Das Wissen um die hormonell bedingten Vorgänge im eigenen Körper ist entscheidend für die Gesundheit: Etwa in welcher Zyklusphase die Selbstuntersuchung der Brüste am effektivsten ist. Auch um die Veränderungen rund um Menstruationsblutung, Eisprung und Empfängnisfähigkeit zu kennen braucht es schon früh ein Zyklusbewusstsein.

Die Wiener Gynäkologin Maria Hengstberger sieht Wissen als Chance und engagiert sich seit vielen Jahren, dieses auch zu vermitteln. Ihre Schwerpunkte liegen auf den Entwicklungsländern – und auf der heimischen Jugend. Denn auch in Zeiten von Infoflut und Internet gibt es noch immer unzählige Mythen und Falschinformationen unter den Jugendlichen.

Mit den österreichischen Schulärzten etwa wurde eine Aufklärungsbroschüre für Mädchen und junge Frauen erarbeitet („28 Days“ kann man kostenlos unter www.schulaerzte.at herunterladen). Mit Hilfe eines Dreimonatskalenders sollen die Mädchen ihre ersten Zyklen bewusst erleben, bevor eine hormonelle Verhütungsmethode verwendet wird. „Diese natürlichen Vorgänge im Körper sind dann nicht mehr zu spüren“, betont Hengstberger.

Andere Herausforderungen haben Aufklärungsarbeit und Familienplanung in den Entwicklungsländern. 1989 gründete die Gynäkologin die „Aktion Regen“ (Info: www.aktionregen.at oder 01 / 720 66 20). Sie entwickelte u. a. eine „Verhütungskette“, die auch Analphabetinnen nutzen können. „Es ist wichtig, dass die Frauen über ihren Zyklus aufgeklärt werden und ihre fruchtbaren Tage kennen. Wenn sie dadurch statt zehn nur fünf Kinder bekommt, ist das eine große Erleichterung für die Familie.“