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12/05/2011

Droht den Hausärzten das Aus?

Sie verhindern viele schwere Krankheitsverläufe, doch ihre Arbeit wird oft gering geschätzt. Jetzt warnen sie vor Folgen.

von Ernst Mauritz

Der fünfjährige Matthias hustet seit einigen Tagen. Allgemeinmediziner Rolf Jens, 64, in Wien-Penzing horcht ihn ab. "Er hatte schon zwei Lungenentzündungen, deshalb bin ich sehr besorgt", erzählt seine Mutter. - "Wenn wir versuchen, im Vorfeld schwere Krankheiten zu verhindern, so wird das viel weniger honoriert als im Nachhinein die Reparatur der Krankheitsfolgen", sagt Jens: " Aber ein großer Teil meiner Arbeit sind solche gering bewerteten Gesprächs- und Gedankenleistungen: Zu überlegen, was ich sinnvollerweise für den Patienten tun kann. Jeder spricht von der Aufwertung des Hausarztes, aber ich habe sie in den vergangenen 30 Jahren nicht bemerkt. Der Beruf ist für viele deshalb unattraktiv geworden."

"In den kommenden zehn Jahren werden 50 Prozent der Hausärzte in Pension gehen", warnte Christian Euler, Präsident des Hausärzteverbandes, Dienstagabend bei einer Diskussion zum Thema "Österreichs Hausarztpraxen vor dem Aus?"

Unspektakulär

"90 Prozent der Krankheitsbilder kann ein guter Hausarzt selbst zufriedenstellend versorgen, nur zehn Prozent muss er zu Spezialisten überweisen", sagt Frank Mader, Uni-Professor für Allgemeinmedizin an der TU München. "Die Kunst des Allgemeinmediziners ist es dabei, aus dem Meer der vermeintlichen Banalitäten den einen, abwendbaren gefährlichen Krankheitsverlauf zu entdecken - und einschätzen zu können, wie lange man zuwarten kann. Das ist aber wenig spektakulär." Anders sei dies beim Facharzt: Dort werde man mit Schmerzen gleich zur bildgebenden Diagnose geschickt.

"Wenn wir so weitermachen, werden wir bald nur ,Hausärzte light' produzieren", sagt Allgemeinmediziner Michael Wendler, der in Graz eine Lehrpraxis führt: Sie werden sich nichts mehr trauen und keine Verantwortung mehr übernehmen." Denn derzeit sei es möglich, in Österreich Allgemeinmediziner zu werden, ohne längere Zeit in einer Praxis gearbeitet zu haben. Zwar gibt es die Möglichkeit, im Rahmen des Spitalsturnus freiwillig ein halbes Jahr in eine Lehrpraxis zu gehen: Doch da es viel zu wenig Fördermittel gebe (der Bund zahlt 990.000 € im Jahr), sei die Zahl der Ärzte, die junge Kollegen ausbilden, stark gesunken.

"Die derzeitige Situation ist unbefriedigend", sagt auch Peter Niedermoser, Ausbildungsreferent der Österreichischen und Präsident der OÖ-Ärztekammer. Derzeit verhandelt die Ärztekammer mit dem Gesundheitsministerium über eine "Ärzteausbildung neu". "Unser Ziel ist, dass es eine einjährige verpflichtende Lehrpraxis für Allgemeinmediziner geben muss. Ich bin optimistisch, dass es zu einer Lösung kommen wird."

Info: Wer zum (Haus-)Arzt kommt
800
von 1000 Menschen haben im Laufe eines Monats irgendein Symptom (z. B. Schmerz).

217
von 1000 suchen deshalb in diesem Monat irgendeinen Arzt auf (z. B. Facharzt).

113
von 1000 gehen gezielt zu einem Allgemeinmediziner.

21
von 1000 kontaktieren eine Spitalsambulanz.

14
von 1000 werden zu Hause betreut (u. a. vom Hausarzt).

8
von 1000 werden in einem Krankenhaus aufgenommen.

1
von 1000 wird an einer Uni-Klinik stationär behandelt: Nur an diesen Patienten werden derzeit die Medizinstudenten hauptsächlich ausgebildet.