Donald Trump: Warum Psychiater und Psychologen vor ihm warnen

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Foto: APA/AFP/TIMOTHY A. CLARY Der größte Fan von Donald Trump ist - Donald Trump!

Was Narzissten wirklich ausmacht - und warum sie trotz ihrer Unberechenbarkeit so viele Fans haben.

Donald Trump liebt die große Bühne. Der exzentrische Immobilien-Tycoon, für den "political correctness" ein Fremdwort ist, beherrscht nicht nur in den USA die Schlagzeilen. Auch in Europa wird über jede Entgleisung des US-Präsidentschaftskandidaten berichtet. Erstaunlich: Jedes Fettnäpfchen, in das der Mann tappt, scheint ihn bei seinen Fans noch beliebter zu machen.

Weil Trump aus dem Rahmen fällt, beschäftigen sich nicht nur Psychologen, sondern auch politische Kontrahenten oder Journalisten mehr mit seiner Psyche als mit seinem Wahlprogramm. Ihr Resümee: "Der Mann ist ein Narzisst." Biograf David Cay Johnston (sein Buch "Making of Donald Trump" kommt im September auf Deutsch auf den Markt) nennt ihn gar "Weltklasse-Narzissten".

Guter Geschmack - bei Spiegeln

So wie das antike Vorbild Narziss liebt es Trump, sich selbst zu betrachten. Gelegenheit dazu hat er genug. So zitiert der britische Guardian den ehemaligen Butler Anthony Senecal, 84. Das Anwesen des Tycoons in Florida beschreibt er so: "Der Mann hat einen guten Geschmack, was Spiegel angeht."

Selbstspiegelnd ist auch seine "Literatur". Das Einzige, das er liest, sind Artikel über sich selbst. Diese werden von einem Team gesammelt und ihm als Morgenlektüre präsentiert, wie ein ehemaliger Angestellter berichtet. Für George Simon, Bestsellerautor und Psychologe, stellt Trump deshalb den Idealtypus des Narzissten dar: "Er ist so ein klassischer Fall, dass ich Videoclips von ihm archiviere, die ich in Workshops zeige, weil es keine besseren Beispiele dafür gibt."

Starke Männer

Auch wenn sich Trump einzigartig wähnt: So einmalig ist er in der politischen Landschaft nicht. "Starke Männer" wie Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan haben Hochkonjunktur. Den Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth wundert das nicht. Er beschäftigt sich seit Langem mit dem Zusammenhang von Narzissmus und Macht. So lautet auch der Titel eines Buchs, das er im Jahr 2002 veröffentlicht hat. Es scheint aktueller denn je: "Derzeit gibt es enorme innergesellschaftliche und zwischenstaatliche Machtkonflikte. Wo es die gibt, haben Narzissten Hochkonjunktur – solche, bei denen die Selbstbezogenheit unangenehm auffällt", sagt er im KURIER-Gespräch.

Das ausführliche Interview mit Hans-Jürgen Wirth lesen Sie bitte weiter unten.

Narzissmus sei an sich nichts Verwerfliches, wenn er zu einem gesunden Selbstwertgefühl führt. Im Gegenteil: "Er ist für die Machtausübung unerlässlich, weil man Menschen dazu bringen muss, sich in die soziale Gemeinschaft einzufügen." Als Positivbeispiel nennt er Barack Obama: "Er stellt sich gerne dar, kann Reden halten und Menschen begeistern. Es geht ihm aber primär um die Sache, nicht um Überhöhung seiner Person."

Stärkung des "Wir-Gefühls"

Doch Sachlichkeit scheint immer weniger gefragt zu sein. Gefragt ist der "starke Mann". Warum manche Menschen auf diesen Typ Politiker hereinfallen, liegt für Psychoanalytiker Wirth auf der Hand: "Etwas von seinem Glanz fällt auf den Fan ab. Zudem stärkt er das kulturelle und soziale Wir-Gefühl. Das macht etwa Erdogan für manche Türken in Österreich so attraktiv, besonders dann, wenn sie sich in ihrer persönlichen Situation nicht wohlfühlen."

Und in den USA kommt Trumps Slogan "Make America great again" bei den älteren, weißen Männern an, die einen sozialen Abstieg erlebt haben.

Öffentliche Warnungen

Seine vollmundige Versprechungen und verbalen Entgleisungen mögen Unterhaltungswert haben. Aber zugleich sind sie brandgefährlich. Im Magazin Vanity Fair warnen Psychiater und Psychologen öffentlich vor einem Präsidenten Trump, weil er gefährlich ist – und das , obwohl es in Amerika eigentlich Tradition hat, dass sich diese Berufsgruppen nicht öffentlich über die Psyche eines Menschen äußern.

Doch diese sind nicht die Einzigen, die vor ihm warnen. Tony Schwartz, der Trump für dessen Autobiografie begleitet hat, fürchtet sich vor seinen impulsiven und riskanten Entscheidungen derart, dass er warnt: "Wenn Trump gewinnt, kann das zum Ende der Zivilisation führen." Biograf Johnston hat für diesen Fall ein weniger schlimmes Szenario parat: "Trump könnte in Auftrag geben, dass sein Gesicht neben Lincoln, Washington, Roosevelt und Jefferson im Mount Rushmore verewigt wird."

Nachgefragt

"Wo es große Machtkämpfe gibt, haben Narzissten Hochkonjunktur"

Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth über das Wesen von Narzissten.

Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth beschäftigt sich schon lange mit dem Zusammenhang von Persönlichkeit und Politik, etwa in seinem Buch „Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik.“ Im KURIER-Interview erklärt er, warum er Donald Trump für gefährlich hält und warum  viele Menschen  Narzissten so anziehend finden.

Hans-Jürgen Wirth Foto: privat Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth KURIER: Trump, Erdogan oder  Putin: Ist die Zeit der großen Narzissten in der Politik gekommen?
Hans-Jürgen Wirth: Es hat den Anschein. Die Verbindung von Narzissmus und Macht ist eine grundlegende und tritt zu allen Zeiten und in allen möglichen Konstellationen auf. Man muss allerdings zwischen gesundem Narzissmus und Graden von pathologischem oder gar malignem, zerstörerischem Narzissmus unterscheiden.

Im Moment hat man den Eindruck, dass dieser Typus des Politikers, bei dem der Narzissmus so unangenehm  auffällt, stark zunimmt. Das hat mit den enormen innergesellschaftlichen und zwischenstaatlichen Machtkonflikten zu tun, die es derzeit gibt. Und wo es große Machtkämpfe gibt, haben Narzissten Hochkonjunktur. Oft verstärkt sich auch der Narzissmus, wenn jemand länger im Amt ist, wie etwa bei Putin. Wenn sich die politische Situation zuspitzt, können auch narzisstische Eigenschaften stärker hervortreten, wie aktuell bei Erdogan.
 
Was sind die hervorstechenden Merkmal des Narzissmus?
Den Begriff kann man auf die Person des Politikers beziehen, beispielsweise auf Trump. Doch auch  die politische Agenda, die jemand vertritt,  kann narzisstisch sein. Dazu gehört: eine starke Selbstbezogenheit, Rücksichtslosigkeit sowie der Wunsch, die eigene Ideologie oder die eigene Nation höher zu stellen als andere. Auch ein Mangel an Empathiefähigkeit ist ein Indiz für  Narzissmus. Des weiteren die Neigung, mit Gewalt und Rachemaßnahmen zu reagieren. Typisch sind  auch ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken  und ein ausbeuterisches Verhalten.

Dem gegenüber stünde eine Politik, die versucht, die Interessen des anderen in das eigene politischen Tun einzukalkulieren und zu akzeptieren. Die EU versucht eher eine solche ausgleichende Politik zu machen. Das wird ihr als Schwäche ausgelegt. Aber in Wahrheit ist eine Politik, die auf Interessenausgleich, Kompromisse und wechselseitigen Respekt aus ist, sehr vernünftig und eben auch wenig narzisstisch im negativen Sinn.
 
Ist jeder Mensch ein Narzisst?
Jeder hat einen Bezug zu sich selbst. Deshalb muss jeder sich mit seinem eigenen Narzissmus auseinandersetzten. Hat jemand ein gutes Selbstwertgefühl,  hilft das, sich in sachlich angemessener Form im sozialen Leben durchzusetzen und auch Macht auszuüben. Ich würde deshalb den Zusammenhang von Macht und Narzissmus nicht nur negativ sehen. Machtausübung ist unerlässlich, weil man Menschen dazu bringen muss, sich in die soziale Gemeinschaft einzufügen. Wenn man das tut, übt man Macht aus. Ob das negativ ist,  hängt davon ab, wie sachangemessen die Machtausübung ist. Wenn  Macht missbraucht wird, ist das mit destruktivem Narzissmus verbunden.
 
Fällt ihnen ein Politiker ein,  von dem Sie sagen, der missbraucht seine Macht nicht?
Mir fällt da zum Beispiel  Barack Obama ein. Er verfügt ganz offensichtlich über ein gesundes Selbstwertgefühl und einen gesunden Narzissmus. Er stellt sich gerne dar, er kann große Reden halten, in Kontakt zu anderen treten, er hat Charisma und kann Menschen begeistern. Aber obwohl er es sichtlich genießt, im Rampenlicht zu stehen, geht es ihm primär um die Sache, um eine gute Politik, nicht um eine Überhöhung seiner Person.  
 
Muss ich Narzisst sein, um in der Politik erfolgreich sein?
Selbstbewusstsein, der Wunsch, sich öffentlich zu zeigen, Dinge zu gestalten und sich durchzusetzen: Ohne diese Eigenschaften kann man in der Politik nichts werden.
 
Kann man über Politiker Ferndiagnosen machen?

Psychiatrische Ferndiagnosen sollte man nicht stellen. Aber die Kennzeichnung eines Politikers als besonders narzisstisch ist eine allgemeine psychologische Charakterisierung, die man meines Erachtens verwenden kann, keine Diagnose im eigentlichen Sinne. Hinzu kommt: Jemand wie Trump präsentiert uns so hemmungslos sein affektgesteuertes Welt- und Selbstbild und so unverfroren seinen Egozentrismus, dass man kein Psychoanalytiker sein muss, um ihn zu durchschauen.
 
Warum fallen wir so oft auf die pathologischen Narzissten herein?
Es fallen nicht alle herein, aber erstaunlich viele.  Und zwar  die, die sich vom starken Mann begeistern lassen. Von einem, der sagt: „Ich bin ein super Bursche. Wenn ihr euch mit mir identifiziert, dann habt ihr auch so ein grandioses Selbstwertgefühl.“ So kann man sich selber aufwerten. Etwas von dem Glanz fällt auf den Fan ab. Dann kommt hinzu: So eine Figur stärkt das kulturelle, soziale und gesellschaftliche  Wir-Gefühl. Das macht Erdogan z.B. für manche Türken in Deutschland und Österreich  so attraktiv. Besonders dann, wenn sie sich mit ihrer persönlichen und beruflichen Situation nicht wohl fühlen. 

Ähnlich ist das bei Trump: Der bedient und stimuliert Ressentiments. Die entstehen leicht bei Personen, die sich ungerecht behandelt und bedroht fühlen. Das hat oft  reale Hintergründe: Weiße, ältere Männer mit geringer wissenschaftlich-technischer Bildung haben in den letzten 20 Jahren in den USA einen sozialen Abstieg durchgemacht. Sie sind die Modernisierungsverlierer. Die Wirtschaft ist jünger und komplexer geworden, die Frauen gebildeter und selbstbewusster. Die Farbigen haben mehr Gewicht bekommen. Die weißen Männer wurden als Personengruppe entwertet, dabei waren sie einst das Zentrum der amerikanischen Gesellschaft.
 
Wie kann man diesen Menschen eine Perspektive geben, ohne dass sie sich Narzissten zuwenden?
Politiker müssten die wirtschaftliche und die psychisch-soziale Not dieser Bevölkerungsgruppe erkennen und Maßnahmen entwickeln, etwa Förderprogramme.
 
Was macht pathologische Narzissten so gefährlich?
Trump wäre als Präsident der USA extrem gefährlich. Das sagen ja mittlerweile schon seine Parteifreunde, darunter erzkonservative Politiker. Er ist unfähig, seine Affekte zu regulieren. Wenn ihm eine Laus über die Leber läuft,  flippt er aus. Trump als Herr über Atomwaffen ist eine Horrorvorstellung.

Der Grund für die Gefährlichkeit: Das Selbstwertgefühl von Narzissten ist immer prekär. Die Überbewertung der eigenen Person soll ja die  Unsicherheit und leichte Kränkbarkeit kaschieren und kompensieren. Insofern reagieren Narzissen oft stark gekränkt. Kränkungen erleidet  jeder dauernd – weil man etwa Ziele nicht erreicht oder  man schlecht behandelt wird. Wenn man sich zu  leicht kränken lässt, hat man seine Gefühle schlecht unter Kontrolle. Ein Mangel an Affektkontrolle ist in verantwortungsvollen Positionen höchst problematisch.

Die größte Gefahr sehe ich in der Destruktivität und in der Selbstdestruktivität von extremem Narzissten. Sie schädigen rücksichtslos andere, weil sie nur ihre eigenen Interesse im Kopf  haben. Sie sind aber auch selbstdestruktiv. Trump streitet mit allen, macht Freundschaftsangebote an die Gegner Amerikas wie Putin, und er beleidigt befreundete Staaten. Das ist irrational. Das ist die Selbstschädigung, die von außen gut zu erkennen ist.
 
Wie  ist ein solches Verhalten aus der Biografie zu erklären?
Meist beginnt das in der frühen Kindheit, wenn Eltern zu hohe Erwartungen haben oder sie das Kind seelisch missbrauchen und es  als Verlängerung der eigenen Psyche betrachten. Sie benutzen es, um eigene Fantasien von Größe zu befriedigen. Wer so missbraucht wird, entwickelt nicht das Gefühl, um seiner selbst Willen geliebt zu werden. Solche Menschen haben von früh an erlebt, dass  das Zusammenleben der Menschen  nach Prinzipien von Ausbeutung und Manipulation funktioniert. Als Erwachsener werden sie dann genau so.

(kurier) Erstellt am
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