Wie der moderne Mensch die Welt eroberte, wird heftig diskutiert.

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Interview
11/10/2019

Die Menschheit hatte viele Wiegen

Warum die Geburtsstätte des modernen Menschen wohl doch nicht in Botswana liegt, und was Genetiker aus der DNA herauslesen können.

von Susanne Mauthner-Weber, Pilar Ortega

Üppig und grün – der Platz muss beeindruckend gewesen sein: Wir befinden uns südöstlich des Okawango-Deltas im Nordwesten der Kalahari an einem gigantischen Gewässer doppelt so groß wie der Victoriasee. Und wir schreiben etwa 200.000 vor unserer Zeit. Hier – im Nordosten Botswanas – kam damals die Ur-Eva zur Welt. Hier soll – glaubt man australischen Forschern – die Wiege der Menschheit gestanden haben.

Etwa 70.000 Jahre lang lebten die ersten Homo sapiens sapiens in dieser Gegend, ehe sie durch klimatische Veränderungen gezwungen wurden, in andere Gebiete abzuwandern. Zunehmende Luftfeuchtigkeit hätte dafür gesorgt, dass in den trockenen Regionen im Umfeld des Sees grüne Korridore entstanden, durch die die Menschen zuerst nach Nordosten und später nach Südwesten abwandern konnten. Erst dadurch sei vor 200.000 Jahren die Ausbreitung des modernen Menschen über Afrika und die ganze Welt möglich geworden.

Zeitkapsel

So beschrieb es die australische Genetikerin Vanessa Hayes unlängst in ihrer im Fachmagazin Nature veröffentlichten Studie. Woher sie das weiß? Sie hat Blutproben von 1.217 Khoesan, Mitglieder einer Bevölkerungsgruppe im Südwesten Afrikas, untersucht und dann die DNA der Mitochondrien analysiert. Diese DNA wird immer nur von der Mutter zum Kind weitergegeben und verändert sich nur schwach. „Mitochondriale DNA ist wie eine Zeitkapsel unserer Vorfahrinnen“, sagt Hayes.

Mithilfe dieser DNA-Analysen, linguistischen und geografischen Daten sowie Klima-Modellen hat die Forschergruppe die Wiege des modernen Menschen südlich des Flusses Sambesi verortet: „Zusammengenommen denken wir, dass das südliche Afrika der Ursprung der anatomisch modernen Menschen ist“.

Kritik

Mittlerweile hagelt es aus der anthropologischen Community aber Kritik an Studiendesign und Resultaten. Grund genug, um beim Archäogenetiker Stephan Schiffels vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena nachzufragen, warum die Untersuchung derart angegriffen wird, wie der moderne Mensch die Welt tatsächlich erobert hat und welchen Beitrag Erbgut-Analysen leisten können.

KURIER: Herr Dr. Schiffels, was stört Sie an der Studie?

Schiffels: „Dass unsere Spezies vor 200.000 Jahren entstand, ist bereits widerlegt. Es war ein langsamer Prozess, der über viele Hunderttausend Jahre ablief. Außerdem ist der älteste Schädel, den man eindeutig dem modernen Menschen zuordnen kann, 315.000 Jahre alt und stammt aus Marokko und nicht aus dem südlichen Afrika. Am meisten stört mich aber, dass Forscher überhaupt auf die Idee kommen, der Mensch könnte irgendwo eine Urheimat gehabt haben. Das weise ich zurück. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass unsere gesamten Vorfahren zu irgendeinem Zeitpunkt in einem bestimmten kleinen Raum in Afrika gelebt haben.

Genetikerin Vanessa Hayes hat also im besten Fall die Urheimat dieser einen Frau hergeleitet?

Richtig! Und die der vielen anderen Vorfahren eben nicht. Selbst wenn man das könnte, würde das Null darüber aussagen, wo die Vorfahren der modernen Menschen herkommen, denn das sind Tausende und Abertausende. Die Ur-Eva aus Botswana, wenn man sie so nennen will, ist nur eine von vielen, andere könnten im heutigen Kenia gelebet habe, in Äthiopien, in Tansania, in Marokko ... Die Menschheit hatte viele Wiegen.

Sie und viele ihrer Kollegen finden es sogar wissenschaftlich unseriös, nach der einen Urheimat zu suchen...

Wenn uns die Genetik in den vergangenen Jahren eines gelehrt hat, dann, dass unsere Menschheitsgeschichte eine sehr komplizierte Netzwerkstruktur hat. Und dass auch andere Regionen, nicht nur Afrika, eine Rolle gespielt haben – etwa Europa: Man denke nur daran, dass auch Neandertaler-Gene in uns stecken.

Die aktuelle kritisierte Studie fußt ausschließlich auf der DNA heute dort lebender Menschen. Ein Problem?

Ohne alte DNA kann ich überhaupt keine Information herleiten. Moderne DNA eignet sich dafür, Stammbäume zu erstellen. Man kann ablesen, wann Menschengruppen sich voneinander getrennt haben und wer mit wem verwandt ist. Auch, wo Menschen mit einer bestimmten genetischen Ausstattung früher gelebt haben. Das Einzige, was man mit Sicherheit ableiten kann: Die Menschen haben sich bewegt. Immer. Wohin genau, lässt sich aus dem Genom aber nicht sagen.

Begonnen hat  alles in den frühen 1980er Jahren mit einer 2.400 Jahre alten ägyptischen Kindermumie. Der damalige Doktorand Svante Pääbo hatte sich in den Kopf gesetzt, deren DNA zu extrahieren – ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Denn nur ein winziger Anteil der DNA in einem Knochenfragment ist alt, manchmal weniger als 0,1 Prozent. Der Rest stammt von Bakterien und Pilzen, außerdem zerfällt der DNA-Strang mit der Zeit in kleine Stücke.  Auch ist die Gefahr sehr groß, dass die Probe bei jedem Kontakt mit „moderner“ DNA verunreinigt wird.

Hartnäckig überwand Pääbo alle Hindernisse, entwickelte  eine Methode, durch die DNA aus grauer Vorzeit entschlüsselt werden kann und begründete ein neues Forschungsfeld – die Paläogenomik.

Die älteste DNA

Mittlerweile ist es gelungen,  ein 700.000 Jahre altes Pferdegenom aus dem sibirischen Permafrost zu bestimmen – die bisher älteste DNA.  Kein Wunder: Je kälter es ist, desto besser erhält sich die DNA. Das älteste menschliche Genom, das bestimmt wurde, kommt aus einer Höhle in Spanien. Die DNA  des frühen Vorfahren des Neandertalers ist  430.000 Jahre alt.

Heute ermöglicht die Methode ungeahnte Einblicke, wie sich erst dieser Tage zeigte:  So hat Ron Pinhasi vom Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien  die „alte DNA“ von 127 Individuen  aus Rom untersucht. Aus dem Erbgut konnten die Forscher zwei große Migrationsbewegungen nach Rom ausmachen und spätere kleinere Änderungen in der Bevölkerungsstruktur.

Zunächst einmal gab es vor etwa 7.000 Jahren einen Zustrom von Bauern aus dem heutigen Iran und der Türkei, die damals in Italien ansässige Jäger und Sammler verdrängten. Die nächste Einwanderungswelle folgte in der Bronzezeit irgendwann vor 5.000 bis 3.000 Jahren.

Die Genetiker abschließend: Das antike Rom wurde einst vom Stadtstaat zum Zentrum eines Reichs mit 70 Millionen Menschen. Schon bei seiner Gründung beherbergte es eine enorme genetische Vielfalt durch Migranten aus dem Nahen Osten, Nordafrika und Südeuropa.

Was kann man aus alter DNA ablesen?

Alte DNA ist ein wunderbares Tool, um direkt in die Vergangenheit zurückzuschauen. Leider ist der Erhaltungszustand von alter DNA ausgerechnet in Afrika aufgrund der klimatischen Bedingungen meist schlecht. Das älteste vorgeschichtliche menschliche Genom aus Afrika stammt von einem Mann, der vor 4.500 Jahren im heutigen Äthiopien gelebt hat. Da reden wir also überhaupt nicht von der Zeit, in der die Wiege der modernen Menschen stand, sondern von einer, in der wir bereits den Ackerbau erfanden.“

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