Ein Jugendlicher steht am 19.10.2012 mit einer Flasche Bier in der Hand im Hauptbahnhof in Nürnberg (Bayern). Seit dem Abend gilt im Nürnberger Hauptbahnhof ein Alkoholverbot jeweils in den Nächten auf Samstag und Sonntag bis um 6.00 Uhr früh. Die Bahn will damit Pöbeleien und Schlägereien im Bahnhof eindämmen, der sich in den vergangenen beiden Jahren zu einem Szenetreff von Partygängern entwickelt hat. Foto: Daniel Karmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Kongress
05/03/2013

Die Leber leidet sehr lange still

Fortschritte bei Hepatitis-Therapie, Übergewicht als unterschätzter Risikofaktor für Zirrhose.

von Ernst Mauritz

Ohne Leber geht es einfach nicht. Das ist aber vielen überhaupt nicht bewusst.“ Univ. Prof. Dr. Markus Peck-Radosavljevic von der MedUni Wien ist seit Kurzem erster österreichischer Generalsekretär der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung der Leber (EASL). Bei dem vor Kurzem stattgefundenen Internationalen Leberkongress in Amsterdam wurden zahlreiche neue Daten zur Bedrohung der Stoffwechselzentrale etwa durch die Kombination von Übergewicht und Alkohol präsentiert – aber auch Durchbrüche in der Therapie von Hepatitis C.

Hepatitis C: Zwischen 40.000 und 80.000 Österreicherinnen leiden daran, viele haben sich vor der Einführung besserer Testverfahren über Blutprodukte angesteckt. „Das Virus wurde 1989 entdeckt, 1991 gab es die ersten Therapien. Seit damals hat sich die Heilungsrate von 10 bis 15 Prozent auf heute 95 Prozent erhöht, das gibt es sonst bei keiner anderen chronischen Erkrankung in einer so kurzen Zeit“, betont Peck-Radosavljevic.

Derzeit macht die Therapie entscheidende Fortschritte: „Die Behandlung mit Interferon (unterdrückt die Virusproduktion, aktiviert das Immunsystem, Anm.) und einer weiteren Substanz war wegen der Nebenwirkungen ein wenig gefürchtet. Doch mittelfristig wird die Therapie Interferon-frei werden. Mehrere Substanzen, die direkt in den Lebenszyklus des Virus eingreifen und ihn hemmen, werden bis Ende 2014 zugelassen. Eine Kombination dieser Wirkstoffe wird die Nebenwirkungen deutlich reduzieren.“

Alkoholkonsum: „Die Hauptursache für Leberzirrhose und Leberkrebs ist in Europa der hohe Alkoholkonsum, aber das wird geflissentlich ignoriert“, sagt der Leberspezialist. Wobei es nicht nur der chronische Alkoholkonsum ist: Neue Daten zeigen, dass auch regelmäßiges exzessives Trinken am Wochenende ausreicht, die Leber für Schäden empfänglicher zu machen. „Unsere Fachgesellschaft tritt klar dafür ein, den Zugang zu Alkohol zu beschränken – etwa durch Reduktion der Verkaufsstellen – und einen festgesetzten Minimumpreis für derzeit sehr billige Produkte.“

Es sei auch unverständlich, wieso zwar Tabakwerbung, aber nicht Alkoholwerbung im Fernsehen verboten sei: „Alkohol verursacht mehr Schäden als Tabak – und das früher im Leben. Bei europäischen Männern zwischen 20 und 40 sind mit Alkohol zusammenhängende Gesundheitsprobleme – Unfallfolgen und Erkrankungen wie Leberzirrhose – die Todesursache Nummer eins.“

Fettleber: Mindestens 20 Prozent der Bevölkerung – Peck-Radosavljevic: „Manche Schätzungen gehen bereits Richtung 30 Prozent“ – haben laut EASL eine sogenannte Fettleber. Dabei kommt es zu einer erhöhten Fetteinlagerung ins Lebergewebe. Das kann zu einer Entzündung und – auch ganz ohne Alkoholkonsum – zu einer Zirrhose führen.

Neue Daten zeigen: Übergewicht und Alkohol in Kombination verstärken das Erkrankungsrisiko massiv – stärker als eine reine Addition der beiden Einzelrisiken. „Da genügt dann auch schon ein Alkoholkonsum in einem Rahmen, wo viele wahrscheinlich sagen würden: ,Na ja, das trinke ich ja auch‘.“ Eine Therapie gegen die Fettleber mit einer nachgewiesenen Wirkung gibt es derzeit noch nicht: „Das Einzige, was man heute empfehlen kann, ist ein vernünftiger Lebensstil und eine Gewichtsreduktion.“

Erhöhte Leberwerte: „Eines der großen Probleme ist, dass mäßig erhöhte Leberwerte vom Allgemeinmediziner oft nicht ausreichend abgeklärt werden, weil sie nicht als so schlimm empfunden werden.“ Doch viele Lebererkrankungen würden die Werte sehr lange nur sehr geringfügig erhöhen: „Und bis der Patient dann Symptome hat wie Schmerzen im rechten Oberbauch oder starke Müdigkeit, ist die Erkrankung oft schon weit fortgeschritten.“