Wissen
02.06.2018

Die Biene als Garant des Lebens

Das Insektensterben nimmt dramatische Ausmaße an. Ohne Bienen gibt es aber kein Obst, kein Gemüse, keine Feldfrüchte.

Allein eine längere Autofahrt reicht, um zu wissen, dass die Zahl herum schwirrender Insekten massiv gesunken ist. In den 90er-Jahren etwa war die Windschutzscheibe gezeichnet von den Unmengen an Insekten, die dagegen gedonnert waren. Und heute? So gut wie nichts. Man sieht und hört sie kaum noch, nicht am Land, nicht in der Stadt. Diese Stille ist gefährlich– für unser Ökosystem und für unsere Lebensmittelversorgung.

Leere Supermarkt-Regale

Was passiert, wenn das Insektensterben ungebremst weitergeht, das hat die Supermarktkette Penny seinen Kunden vor Augen geführt: In einer Filiale in Niedersachsen sortierten die Mitarbeiter Mitte Mai alle Produkte aus den Regalen, die direkt oder indirekt von der Insektenbestäubung abhängig sind. Die Penny-Mitarbeiter hatten ganze Arbeit geleistet und die Obst- und Gemüseabteilung leer geräumt. Es verschwanden alle Süßigkeiten mit Schokolade, aber auch Gummibärli mit Bienenwachsüberzug, Gewürze, mariniertes Fleisch, Fruchtjoghurts oder Fruchttopfen. Das Geschäft sah danach aus wie nach einer Plünderung, 60 Prozent der 2500 Produkte waren nicht mehr zu haben. Den Kunden, die von der Aktion des Unternehmens nicht informiert worden waren, blieb die Spucke weg.

Der Aha-Effekt war groß. Er sei „erschrocken“ über die drastischen Konsequenzen eines Insektensterbens, sagte etwa Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD): Ein Großteil des gesamten Lebensmittelsortiments sei von der Leistung von Bienen und vielen anderen Insektenarten abhängig. Politik und Gesellschaft müssten unverzüglich gegensteuern. Konsumenten sollten allen voran saisonale, regionale und vor allem nachhaltige Produkte bevorzugen. Leif Miller, Chef des Naturschutzbundes Deutschland, bezeichnete es als paradox, dass vor allem die Landwirtschaft in hohem Maße von Insekten abhängig sei – und zugleich als einer der Haupttreiber ihres Verlustes gelte. Bauernvertreter wehren sich gegen die Schuldzuweisung, Ursachen wie auch Folgen seien erst ansatzweise erforscht.

75 Prozent weniger Insekten

In diese Kerbe schlägt auch Gerlinde Lehmann, Professorin für Evolutionäre Ökologie an der Berliner Humboldt Universität. Faktum sei aber, dass die Artenzahl der Insekten sich in den vergangenen 20 Jahren „drastisch reduziert“ habe. Sie spricht von einem Rückgang der Individuenzahlen von bis zu 70 Prozent. Die reine Masse an Insekten ist, wie eine Studie der Radboud University in Nijmegen (Niederlande) belegt, extrem geschwunden. Die Forscher konnten dabei auf Daten zugreifen, die seit 1989 von ehrenamtlichen Insektenforschern in Deutschland gesammelt worden waren: konkret in 63 Schutzgebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und in Brandenburg. Dort nahm die Gesamtmasse an Fluginsekten – wie Bienen, Hummeln, Wespen, Faltern, Fliegen und Käfern – binnen 27 Jahren um mehr als 75 Prozent ab. Es ist also nur noch ein Viertel von einst übrig. Im Hochsommer, wenn die meisten Insekten herumfliegen, ist es sogar nicht einmal mehr ein Fünftel von damals (18 Prozent im Vergleich zu 1989).

Mit einem derart dramatischen Schwund hatten die Forscher rund um Caspar Hallmann nach eigenen Angaben nicht gerechnet. Starke Schwankungen von einem Jahr auf das andere sind bei Insekten ganz normal. Nur durch derartige Langzeitbeobachtungen kann der Trend – das Verschwinden der Insekten – belegt werden. Als mögliche Ursachen untersuchten die Wissenschafter rund um Hallmann den Einfluss bestimmter Lebensraumfaktoren, Klimafaktoren sowie der gerade in Deutschland massiv intensivierten landwirtschaftlichen Nutzung samt Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln. Resultat: Es ist wohl eine Mischung aus allem. Weitere Forschungsarbeiten seien notwendig. In Österreich fehlt ein vergleichbare Langzeitstudie offenbar. Es gibt hierzulande zwar nicht so riesige Monokulturen wie in Deutschland, aber eine heile Welt gibt es bei uns auch nicht.

EU-Verbot für Bienenkiller

Das Freilandverbot von drei – nicht nur für Bienen – todbringenden Pflanzenschutzmitteln (Neonicotinoide) durch die EU Ende April war ein wichtiger Schritt. Der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit lobte das Votum, zu dem auch Österreich beitrug. Die Bienengesundheit sei wichtig, weil sie die biologische Vielfalt, die Nahrungsmittelproduktion und die Umwelt betreffe. Greenpeace Österreich freute sich: „Es ist seit Jahren wissenschaftlich ganz klar, dass Neonicotinoide für den Tod von Bienen, Wildbienen und viele weitere wichtige Insekten mitverantwortlich sind. Jetzt werden diese Gifte endlich von den Feldern verbannt.“ Global 2000 war auch sehr zufrieden: „Heute hat Europa für den Schutz von Biene, Hummel und Schmetterling gestimmt.“ Auch Umwelt- und Agrarministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) strahlte. Die Produzenten der Pestizide sehen das naturgemäß anders und auch die Zuckerrübenbauern, da sie brauchbare alternative Insektizide nicht hätten.

Das Verbot der drei als Bienenkiller geltenden Insektizide kann aber nur ein Baustein sein, um die Bestäuber zu schützen. Ein massives Problem sind fehlende Brachen und der Mangel an wild wachsenden Wiesen mit blühenden Pflanzen und Kräutern. Von Wildblumen ist mittlerweile auf vielen Wiesen und erst recht in den akkurat kurz geschorenen englischen Rasen in Privatgärten nichts mehr zu sehen. Das trifft besonders die Wildbienen, zu denen auch die für die Bestäubung eminent wichtigen Hummeln gehören. Im Gegensatz zu Honigbienen beträgt ihr Flugradius oft nur ein paar hundert Meter. Dafür sind sie fleißiger als die Honigbienen, da sie auch bei Kälte, Wind und Regen unterwegs sind und damit vor allem während längerer Schlechtwetterperioden die effizientesten Bestäuber von Obstbäumen sind. Das ist besonders wichtig bei Bäumen, die nur kurz blühen, wie Kirschen. Da bleibt den Bienen nicht viel Zeit zum Bestäuben. Hummeln können aufgrund ihrer Kraft und Taktik auch Tomaten bestäuben, woran die Honigbiene scheitert. „Bestäubung ist wie eine Orchesterleistung“, sagt die deutsche Bienenexpertin Melanie von Orlow. Je mehr verschiedene Arten von Bestäubern das sind, umso besser funktioniert sie.

Österreich ist mit 690 bekannten Wildbienenarten ein Biodiversitäts-Hotspot in Mitteleuropa. Aber Bodenversiegelung und damit der Verlust von blütenreichen Wiesen sowie der Herbizid- und Pestizid-Einsatz ließ die Zahl heimischer Wildbienen alarmierend sinken. Hilfe bringt schon, wenn man zehn Prozent des Gartens verwildern lässt, Königskerzen, Glockenblumen, Rosmarin, Basilikum, Minze pflanzt (Pflanzentipps siehe unten).

Auswirkung auf Nahrungsmittel

Wie wichtig Bienen sind, belegen auch ein paar Zahlen aus der Wirtschaftswelt: Allein die Bestäubungsleistung an der volkswirtschaftlichen deutschen Gesamtrechnung macht laut dem Imkerverband zwei Milliarden Euro aus (weltweit etwa 200 Milliarden Euro ). Bienen gehören neben Rindern und Schweinen zu den drei wichtigsten Nutztieren Deutschlands. Von 100 Kulturpflanzen, die 90 Prozent der globalen Nahrungsmittelproduktion abdecken, werden 71 von Bienen bestäubt. Wo es gar nicht mehr funktioniert und was sich der Mensch dann einfallen lassen musste, das lässt sich im wichtigsten Obstbau-Angebiet in Sichuan, China, beobachten. Dort summt seit 25 Jahren keine Biene mehr.

Maos folgenreicher Befehl

Und das kam so: 1958 befahl Mao Zedong seinen damals 600 Millionen Untertanen, Krieg gegen die Spatzen zu führen, weil sie die Getreideversorgung des Volkes bedrohe. Der Befehl wurde rigoros umgesetzt. Die Bauern schossen mit Steinschleudern auf die Vögel, machten einen Höllenkrach oder fuchtelten mit Fahnen wie wild herum. Die Vögel fanden keine Ruhe und keinen Landeplatz bis sie erschöpft vom Himmel fielen und weggekehrt wurden. Hunderte Millionen Vögel. Aber woran Mao nicht gedacht hatte: Ohne natürlichen Feind gab es in den Folgejahren eine unvorstellbare Insektenplage, also wurde massenweise Gift auf die Felder aufgefahren, um Maden, Heuschrecken, Würmer und dergleichen mehr zu töten. Aber damit gingen auch die Bienen zugrunde. Mit den Folgen des Bienensterbens kämpfen die Chinesen noch heute. Menschliche „Bienen“ sitzen in Sichuan in den Obstbäumen und bestäuben mit einer Art Mini-Staubwedel Blüte für Blüte. Am Tag schafft jeder Arbeiter etwa 30 Obstbäume in einer Plantage. Ein einziges Bienenvolk kann am Tag 300 Millionen Blüten bestäuben, dafür braucht es mehr als 1500 Menschen.

Pflanzentipps: Wildblumen braucht das Land 

Kein steirisches Kernöl ohne Hummeln: Das ist nur ein Beispiel für die Bedeutung von Wildbienen, zu denen Hummeln gehören. Sie brauchen zum Überleben, wie auch die Honigbienen und Schmetterlinge, aber dringend Wildblumen, die sich in Gärten, auf Böschungen, Ackerrainen, in Schulhöfen, Kindergärten, Pensionistenheimen, Spitälern, auf Gemeinde- oder Firmengrundstücken leicht anpflanzen ließen. Der Naturschutzbund Steiermark empfiehlt konkret folgende Pflanzen: Wiesen-Salbei, Färber-Hundskamille, Ochsenauge, Karthäuser Nelke, Knäuel-Glockenblume, Heide-Nelke, Echt Dost, Felsennelke, Quirl-Salbei, Wiesen-Witwenblume, Groß-Brunelle, Groß-Ehrenpreis, Echt-Eisenkraut, Ziest, Wald-Glockenblume, Nesselblättrige Glockenblume, Wegwarte, Echt-Labkraut, Berg-Lauch, Acker-Glockenblume, Dunkel-Königskerze und Groß-Margerite.