Die Beschwerden "begreifen"

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Spezielle Griffe mit den Händen, Wärme-oder Elektrotherapie: Die Physikalisten haben ein sehr großes Therapieangebot.

Diese Studie aus Norwegen hat unter Experten für Aufsehen gesorgt: Die Dauer von Krankenständen wegen Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats kann durch eine physikalische Kombinationstherapie um fast ein Viertel reduziert werden.

"Trotzdem werden die Möglichkeiten der physikalischen Medizin oft unterschätzt", sagt Hans Malus, Facharzt für physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation in Wien. "Doch durch die Vielzahl der Therapiemöglichkeiten können bei einer guten individuellen Abstimmung viele Schmerzzustände sehr erfolgreich behandelt werden."


KURIER: Sie haben langjährige Erfahrung als Facharzt: Wissen die Österreicher überhaupt, was alles unter physikalische Medizin fällt?
Hans Malus:
Der Name ist etwas unglücklich. Sogar viele Ärzte wissen zu wenig, wie vielfältig die Methoden und die Anwendungsgebiete sind. Drei große Bereiche sind Wärme, Elektro- und Ultraschalltherapie. Dazu kommen u. a. die verschiedenen Massageformen, Heilgymnastik und auch die manuelle Medizin. Ein wesentliches Grundprinzip ist es immer, Reize zu setzen.

Wie geschieht das?
Wir arbeiten direkt mit dem Gewebe -, aber nicht nur mit den Muskeln, sondern auch mit dem Bindegewebe oder den Bändern, die auch die Wirbel in der Wirbelsäule zusammenhalten. Ich kann zunächst mit manueller Therapie z. B. die Muskulatur dehnen oder mit Traktionen (durch leichten Zug werden die Gelenkpartner voneinander wegbewegt, Anm.) Druck wegnehmen und so den Schmerz lindern. Der Patient wird dabei angegriffen - das ist ein ganz wesentlicher Punkt für die Heilung. So können etwa in der Hals- und Brustwirbelsäule
Blockaden - Fehlstellungen - und Verspannungen gelöst werden. Gleichzeitig wird die Beweglichkeit gefördert. Zusätzlich kann man Reize, etwa über Wärme- oder Elektrotherapie setzen. um die Schmerzfasern der Nervenzellen zu blockieren. Das Wesentliche all dieser Therapien ist auch, dass der lokale Stoffwechsel aktiviert wird und Entzündungsstoffe sowie schmerzauslösende Substanzen abtransportiert werden.

Das funktioniert ohne Schmerzmittel?
Anfangs kann fallweise eine medikamentöse Therapie als Unterstützung sinnvoll sein. Aber es gibt massive Verspannungen, bei denen keine Medikamente und keine Spritzen etwas bewirken - hier muss man individuell mit dem Gewebe arbeiten, um eine Erleichterung zu erzielen. Wichtig ist auch, dass man nicht das jeweilige Schmerzproblem isoliert sehen darf. Unser Fach hat einen ganzheitlichen Ansatz.

Aber wenn etwa nur das Knie schmerzt?
Eine brasilianische Gruppe konnte bei einer Arthrose im Knie gleichzeitig auch im Bereich des Rückenmarks in der Lendenwirbelsäule krankhafte Veränderungen nachweisen. Es kann - bei langjährigen chronischen Schmerzpatienten - sogar zum Abbau von Gehirnsubstanz in bestimmten Regionen kommen. Im Umkehrschluss heißt das, dass man sich in der Behandlung nicht nur auf das Knie bzw. den jeweiligen Schmerzort konzentrieren darf. Es müssen auch andere Bereiche, die damit in Zusammenhang stehen - wie etwa die Wirbelsäule - mitbehandelt werden.

Ist die Wirkung der physikalischen Medizin belegt?
An mehreren österreichischen Zentren läuft derzeit eine große und wissenschaftlich hochwertige Studie. Dabei wird eine physikalische Kombinationstherapie - Wärme-, Elektro- und Ultraschallverfahren - gegen eine einfache Bewegungstherapie und eine Placebotherapie verglichen. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, aber in der Zwischenauswertung zeigt sich, dass die physikalische Therapie signifikant und anhaltend die Kreuzschmerzen der Studienteilnehmer verbessern konnte und der reinen Bewegungstherapie sowie auch der Placebotherapie deutlich überlegen war.

Schmerz ganzheitlich behandeln: "Manuelle Medizin mit den Händen gehört da genauso dazu wie die vielen anderen Therapiemöglichkeiten der physikalischen Medizin", sagt der Wiener Facharzt Hans Malus.
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Beispiel Bandscheibenvorfall: Kann hier physikalische Medizin helfen, eine Operation zu vermeiden?
In sehr vielen Fällen ist eine Kombination von medikamentöser Schmerztherapie mit Massage- und physiotherapeutischen Techniken sowie Wärme-, Elektro- oder Ultraschalltherapie sehr erfolgreich. Eine Operation ist dann nicht notwendig. Aber es gibt nur wenige stationäre Einrichtungen, die eine solche, auf mehreren Verfahren basierende konservative Therapie (ohne Operation, Anm.) eines Bandscheibenvorfalls durchführen können.

Was bringt Training im Fitness-Studio zur Vorbeugung etwa von Kreuzschmerzen?
Viele Menschen gehen ohne vorherige fachärztliche Abklärung in ein Fitnessstudio und ziehen sich durch unsachgemäßes Training Verletzungen zu. Ich habe gerade in den vergangenen Wochen mehrere Patienten betreut, die sich durch zu intensives Training an diversen Maschinen Verletzungen im Bereich des Knies oder auch der Wirbelsäule zugezogen haben. Mein Credo lautet deshalb: Gemeinsam mit dem Facharzt für physikalische Medizin vor Trainingsbeginn besprechen, worauf man achten muss - und dann das Training von einem Arzt begleiten lassen.

Info: Weitgestreute Einsatzgebiete

Individuell
"Die Physikalische Medizin setzt auf maßgeschneiderte Behandlungen, um den Patienten wieder zur Schmerzfreiheit und Beweglichkeit zu verhelfen", sagt Spezialist Hans Malus. "Für jeden Patienten mit seinen speziellen Beschwerden wird ein individueller Therapieplan festgelegt."
Universal
Einige Beispiele, wo mit physikalischer Medizin sehr gute Erfolge erzielt werden: Bandscheibenvorfälle, Gelenksarthrosen, Halswirbelsäulenprobleme, Hexenschuss, Ischiasanfall, Kopfschmerzen, Sehnenscheidenentzündungen, Schulterschmerzen, Schwindel
und Tinnitus.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011