Wissen und Gesundheit
05.05.2017

Wenn Frauen nach den Sternen greifen

Eine Privatinitiative hat in Castingshow-Manier zwei Astronautinnen gesucht: Warum die Zukunft der Raumfahrt weiblich und kommerziell sein könnte.

Statistisch betrachtet haben Astronauten bereits 33.000 Tage im All verbracht. "Und wie viele davon wurden von Frauen absolviert? Um die 10 Prozent!" Weltraummediziner Hanns-Christian Gunga klingt empört. Auch weil er sich an die Tage, als die Raumfahrt in den Kinderschuhen steckte, erinnert: "In den 1960er-Jahren waren unter den besten Bewerbern um die ersten All-Flüge zahlreiche Frauen. Ihre Ergebnisse waren wesentlich besser als die der Männer. Und wer ist geflogen – die Männer."

Vielleicht ist das mit ein Grund, warum sich der Direktor des Instituts für Physiologie der Charité in Berlin jetzt beim umstrittenen privaten Raumfahrtprojekt "Die Astronautin" engagiert. Er leitet die wissenschaftlichen Tests der Mission, die spätestens 2020 erstmals eine deutsche Frau auf die Internationale Raumstation ( ISS) bringen will.

Auch die Initiatorin Claudia Kessler störte sich daran, dass Raumfahrt reine Männersache sei: "Ich habe super ausgebildete Ingenieurinnen kennengelernt, die Astronautin werden wollen. Doch eine offizielle Ausschreibung ist nicht in Sicht."

Kindheitstraum

Kesslers Engagement rührt wohl daher, dass sie selbst, als Kind begeistert von der Mondlandung, Astronautin werden wollte. Der Traum platzte, sie wurde Weltraum-Managerin und Chefin von HE Space – einem Personaldienstleister für Luft- und Raumfahrtspezialisten, der auch die Europäische Weltraumorganisation (Esa) mit Ingenieuren versorgt. Jetzt suchte die Zeitarbeitsfirma über Monate potenzielle Astronautinnen – wie bei einer Castingshow wurde die Teilnehmerzahl erst auf 120, dann auf 30, und schließlich auf sechs reduziert. Mitte April blieben noch zwei – Insa Thiele-Eich und Nicola Baumann (unten).

Sie sollen nun eineinhalb Jahre lang im russischen Juri-Gagarin-Kosmonauten-Trainingszentrum zu Astronautinnen ausgebildet werden.

Warum nicht gleich die vielversprechendsten Kandidatinnen vorstellen? Weil es weniger medienwirksam gewesen wäre. Und Aufmerksamkeit braucht Kessler, ist die Aktion doch teuer: 50 Millionen Euro müssen durch Crowdfunding und Spenden aufgebracht werden. Reaktion aus der Fachwelt: Skepsis. Vergangene Woche meldete Kessler dennoch den ersten Erfolg: Das Mindestziel von 50.000 Euro für die Ausbildung der beiden Frauen ist erreicht. Zwischen den bisher eingesammelten Mitteln und den benötigten bestehe jedenfalls "eine gewisse Kluft", gesteht Weltraummediziner Gunga. Ob und wann die Kandidatinnen fliegen, bleibt also unklar. Denn derzeit bestimmt die Esa, wer für Europa ins All startet.

Unbestritten ist, dass die Mission "Astronautin" medizinischen Zwecken zugutekommen würde. Denn: "Frauen ticken auch im All anders", sagt Claudia Stern, Weltraummedizinerin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Hormonhaushalt, Augenerkrankungen, Knochenabbau ließen sich nicht mit denen der Männer vergleichen. "Auch die Immunreaktionen sind bei Frauen in der Schwerelosigkeit wesentlich heftiger als bei Männern. Das muss man wissen, ehe man jemanden zum Mars schickt."

Weltraummediziner Gunga beginnt jedenfalls mit einem Versuch rund um Thermo-Regulation, sofern Thiele-Eich oder Baumann tatsächlich abheben. Hintergrund: Männer im All haben Schwierigkeiten mit Körpertemperatur und Hitzestaus. Gunga: "Es ist ihnen zu warm, weil sie in der Schwerelosigkeit Wärme nicht so gut über die Haut abgeben können. Wir würden gerne untersuchen, ob das bei Frauen ähnlich ist." Überhaupt brauche man viel mehr Daten über Frauen: "Das ist für die Risikoabschätzung wichtig, vor allem dann, wenn irgendwann Privatpersonen ins All aufbrechen."

Weltraumtraum

Der Zeitpunkt rückt näher: Kesslers Vorhaben ist ein Versuch, die kommerzielle Raumfahrt voranzubringen. "Wir sind in der Raumfahrt an einem Wendepunkt", ist Gunga überzeugt: "Sie wird nicht mehr nur von Nationen in die Hand genommen, sondern auch von Privaten." In Amerika bereits Realität, schwappt diese Entwicklung jetzt auf Europa über. Unternehmen wie SpaceX, Sierra Nevada Corporation und Boeing arbeiten seit gut zehn Jahren daran, die Raumfahrt zu einem privaten Geschäft zu machen. Drei Firmen liefern im Auftrag der Nasa bereits Fracht zur ISS, kutschieren aber keine Menschen. Noch nicht.

Denn diese Firmen wollen nicht nur zur ISS oder zum Mond, sondern am liebsten zum Mars und noch weiter. Ohne Frauen wird ihnen das nicht gelingen. Gunga: "Sie sind einfach für gruppendynamische Prozesse von essenzieller Bedeutung, das haben alle Isolationsexperiment eindrucksvoll gezeigt. Sie wirken stabilisierend und erhöhen den Output. Es gibt eine ganze Reihe Argumente, warum eine Frau dabei sein muss", sagt Gunga. "Wie kann man an eine bemannte Mission denken, wenn keine Frauen dabei sind? Und wenn man einmal etwas besiedeln will – wie soll das ohne Frauen gehen?"

Frauen im All

1963 flog Walentina Tereschkwa als erste Frau ins All. Dauer des Flugs: zwei Tage, 22 Stunden, 50 Minuten. Swetlana Sawizkaja war 1982 die zweite Frau im All und führte später als Erste einen Außeneinsatz an der Internatio-nalen Raumstation durch. 1983 folgte die erste US-Astronautin Sally Ride, 2006 die erste Welt-raumtouristin Anousheh Ansari.

Samantha Cristoforetti stellte mit 199 Tagen auf der ISS den Rekord unter den Astronautinnen auf. Mit 535 Tagen im All hält Peggy Annette Whitson den Rekord mit der längsten Gesamtaufenthaltsdauer.

Mehr als 550 Astronauten und Kosmonauten waren bisher im All; davon waren nur etwa 60 Frauen.

Hätte mich nicht beworben, um Purzelbäume im All zu schlagen

Gemeinsam mit der Kampfpilotin Nicola Baumann hat sich die Bonner Meteorologin Insa Thiele-Eich gegen 400 Kandidatinnen durchgesetzt, die um das Jahr 2020 herum gerne für zehn Tage zur ISS geflogen wären – gesetzt den Fall, es klappt mit der Finanzierung. Bei Thiele-Eich liegt die Faszination fürs All in der Familie: Vater Gerhard war Astronaut.

KURIER: Wie sind Ihre Gefühle, wenn Sie an Ihr mögliches Allabenteuer denken?

Thiele-Eich:Es überwiegt definitiv Freude. Und auch Neugier. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte nie Bauchgrummeln.

Wissen Sie schon, was auf Sie zukommt?Sie müssen, hört man, die Basics erlernen, z. B. wie eine Rakete funktioniert...

... richtig. Und auch die Technik der Raumstation. Jetzt wird erst einmal das Training geplant. Offizieller Trainingsbeginn sollte der 1. Juli sein. Mitte August folgen Parabel-Flüge in Russland.

Kritikern ist nicht ganz klar, worauf Ihre Mission hinauslaufen soll. Wie sehen Sie sich selbst – als Forscherin...

... definitiv. Wir sehen uns ganz klar als Wissenschafts-Astronautinnen.

... als Weltraumtouristin ... ... das Wort möchte ich gar nicht in den Mund nehmen. Ich hätte mich nicht beworben, um zehn Tage Purzelbäume im All zu schlagen.

... oder als Forschungsobjekt?

Ich bin sehr daran interessiert, wie sich die verminderte Schwerkraft auf den Körper und das Zellwachstum auswirkt. Da bin ich wohl mehr Forschungsobjekt. Ich würde aber auch gerne forschen – Meteorologie und Klimawandel. Da laufen gerade Projekte an, bei denen es darum geht, auf der Raumstation Sensoren unterzubringen, mit denen die Satelliten unterstützt werden können.

Ob Sie fliegen werden, ist aber völlig unklar. Wie steht es um die Finanzierung?

Ich bin fest überzeugt, dass es klappt. Im Hintergrund gibt es viele Sponsoren, die im Gespräch sind, über die ich aber noch nicht sprechen darf. Airbus hat uns bereits unterstützt. Mit Sicherheit ist eher die Raumfahrtindustrie interessiert. Also eher keine Werbeträger, die unsere Anzüge vollplakatieren. Es war stets klar, dass es eine private Initiative ist. Es ist auch an der Zeit.

Ist das die Zukunft?

Teil der Zukunft. Ich sage nicht, dass das Staatliche keinen Raum mehr hat, es ist sehr wichtig, dass Staaten zusammenarbeiten. Aber SpaceX, Blueorange, Amazon und Virgin sind gerade im Wettstreit, Menschen ins All zu bringen. Das wird sich automatisch vom Staat wegentwickeln.