Wissen
27.08.2018

Der Siegeszug des Vitamin C - und was James Cook damit zu tun hat

Vor 250 Jahren kam der Weltumsegler der Heilkraft von Ascorbinsäure auf die Spur.

Es gab wohl viele Probleme, mit denen James Cook auf seiner ersten Weltumsegelung vor 250 Jahren – er startete am 26. August 1768 – zu kämpfen hatte. Doch es war eine mysteriöse Krankheit, die ihm viel Kopfzerbrechen bereitete: Aus unerklärlichen Gründen wurden zahlreiche Männer aus seiner Besatzung von Muskelschwund, Zahnfleischfäule, Gelenkentzündungen und Bindegewebsschwäche geplagt. Viele von ihnen starben an Herzmuskelschwäche. Grund dafür war die eintönige Schiffsküche. Die Seeleute nahmen nicht genügend Vitamin C auf, das führte zur Vitaminmangelkrankheit Skorbut.

Zwei Aufgaben

Vitamin C hat im Körper zwei grundlegende Aufgaben, erklärt Jürgen König vom Department für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien. „Zum einen hilft es, den Körper vor oxidativen Prozessen zu schützen. Zum anderen unterstützt die Ascorbinsäure die Bildung von Bindegewebe und ist für die Wundheilung von Bedeutung – Vitamin C sorgt sozusagen für die Stabilität im Organismus. Das war das große Problem zur Zeit von James Cook.“

Experimente

Der Kapitän und sein Schiffsarzt William Perry testeten verschiedene Lebensmittel auf ihre anti-skorbutische Wirkung, wie etwa Sauerkraut, Zitronen- und Orangensaft, Malzextrakt und Stammwürze. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis man wirklich wusste, was half – Zitronensaft.

Cooks Experimente lieferten den Startschuss für eine lange Erfolgsgeschichte. Ende des 18. Jahrhunderts gehörte Zitronensaft zur Grundausstattung jedes Schiffes. Auch bereits betroffene Seefahrer konnten geheilt werden. König: „Sobald Vitamin C aufgenommen wird, regeneriert sich das Gewebe. Die ausgefallenen Zähne sind trotzdem weg.“ Im Jahr 1933 folgte der wissenschaftliche Beweis: Der Ungar Albert Szent-Györgyi beschrieb die Wirkung von Ascorbinsäure gegen Skorbut. Noch im selben Jahr gelang dem Schweizer Chemiker Tadeus Reichstein die chemische Synthese aus Traubenzucker – das Vitamin war nun künstlich herstellbar.

Eroberungszug

Seither hat sich die Vermarktungsstrategie für Vitamin C kaum verändert, erklärt Beat Bächi vom Institut für Medizingeschichte an der Universität Bern: „Es ging darum, individuelle Leistung zu puschen. Krank war man schon, wenn man nicht seine volle Leistungsstärke hatte.“ Somit wurde Nachfrage für ein Produkt erzeugt, das medizinisch nicht notwendig war – Vitamin-C-Präparate wurden ein „Blockbuster“. Allerdings zeigt ein Blick in den Österreichischen Ernährungsbericht 2017: Die Österreicher nehmen ausreichend Vitamin C zu sich. Ernährungswissenschaftler König, einer der Autoren, betont: „Alleine mit Lebensmitteln wie Obst und Gemüse ist unser Bedarf gedeckt.“ Denn: Die empfohlene Tagesmenge liegt bei 110 Milligramm bei Männern und 95 Milligramm bei Frauen. Ein einziger Paprika oder eine Kiwi reichen dafür aus. Einen erhöhten Bedarf haben Schwangere oder Raucher – doch auch dieser ist mit der festgelegten Tagesmenge abgedeckt.

Überflüssig

Richtige Mangelerscheinungen, wie im 18. Jahrhundert, gebe es heute nicht mehr. Die Einnahme von Präparaten hält König daher für unnötig. Man könne mit ihnen zwar nicht viel falsch machen, sie erzielen jedoch nicht die versprochene Wirkung. „Besonders ihr Einfluss auf das Immunsystem wird überschätzt. Zwar hilft Vitamin C bei der Abwehr von Bakterien, Erkältungskrankheiten kann es aber nicht abwehren.“ Ob man zu viel Vitamin C zu sich nehmen kann? „Der Körper behält nur so viel, wie er braucht – der Rest wird ausgeschieden.“

Als Nahrungsergänzungmittel fragwürdig

Köngis Fazit: „Generell ist Vitamin C für uns kein so großes Thema mehr, wie noch vor 250 Jahren. Heute beschäftigen uns andere Probleme.“ So ging beispielsweise die Vitamin-D-Versorgung zurück. Insgesamt hält der Experte den Hype um Nahrungsergänzungsmittel aber für „übertrieben“. In manchen Fällen müsse zwar zu Präparaten gegriffen werden, oft werde aber die Vitaminversorgung durch die Ernährung unterschätzt.