Wissen 06.12.2011

Der Schmerz des Hungers hält jung

Alterung verlangsamen: Die Möglichkeiten sind zwar oft einfach, aber nicht immer angenehm – wie der gelegentliche Verzicht aufs … © Bild: Jürgen Fälchle - FotoliaJürgen Fälchle - Fotolia

Weniger essen, mehr bewegen - geregelter Tagesablauf: Damit kann jeder sein Leben nachweislich verlängern.

 

Es war eine der Hoffnungen der Anti-Aging-Medizin: Man schluckt bestimmte Substanzen - etwa Sirtuine oder Resveratrol - und verlangsamt damit Alterungsprozesse. Doch so einfach ist es nicht: Lebensverlängernde Effekte bei Fadenwürmern konnten in neueren Studien nicht bestätigt werden. "Nahrungsergänzungsmittel sind sicher nicht die Lösung", sagt Hormonspezialist Univ.-Prof. Johannes Huber. Er ist einer der Organisatoren des Kongresses "Menopause/Andropause/Anti-Aging", der ab Donnerstag in Wien stattfindet.KURIER: Wozu benötigen wir eine Anti-Aging-Medizin? Die Lebenserwartung steigt ohnehin kontinuierlich? Johannes Huber: Anti-Aging-Medizin hat nicht das Ziel, das Leben mit Gewalt zu verlängern. Ziel ist es, das Leben in der zweiten Hälfte ähnlich gut gestalten zu können wie in der ersten. Und da gibt es eine ganz einfache Botschaft, die von der Forschung in den vergangenen Jahren bestätigt wurde: Wer länger leben will, der muss weniger essen, und immer wieder eine Esspause von 14 Stunden einlegen. Damit werden zum Beispiel nachweislich jene Sirtuine angeregt, die eine wichtige Rolle unter anderem im Recycling alter Zellen und Zellbestandteile spielen. Durch die verringerte Nahrungszufuhr wird in der Nacht auch vermehrt das Wachstumshormon STH ausgeschüttet.Die Hoffnung bestand, diese Prozesse auch auf anderem Weg auslösen zu können, etwa durch das Resveratrol aus roten Trauben. Diese Substanz wurde lange überschätzt: Man hat geglaubt, sie jedem geben und immer eine Wirkung erzielen zu können. Aber dem ist nur bedingt so: Resveratrol kann bei sehr starkem Übergewicht die Insulinresistenz (vermindertes Ansprechen der Zellen auf das Hormon Insulin, Anm.) vermindern. Aber es ist kein genereller Ersatz für die Kalorienreduktion. Nach heutigem Wissensstand kommt man leider nicht umhin, von Zeit zu Zeit den Schmerz des Hungers zu ertragen, wenn man sich verjüngen will. Weniger Zucker, Weißmehl, rotes Fleisch und Alkohol sowie zwei Mal in der Woche ab 15 Uhr nichts mehr essen - das verlängert nachgewiesenermaßen das Leben.

Was bewirkt Bewegung? Zwischen 40 und 60 verliert der Mensch rund 15 kg Muskelmasse - sie wird in Fettgewebe umgewandelt. Das ist für die Altersforschung von großer Bedeutung, weil der Zustand der Knochen immer auch vom Zustand der Muskeln abhängig ist. Besonders gefährlich ist das viszerale Fett, das nicht sichtbare Fett im Bauchbereich zwischen den Därmen. Auch schlanke Menschen können viel viszerales Fett haben. Deshalb ist es wichtig, in fortgeschrittenem Alter Knochendichte, Muskel- und Fettanteil bestimmen zu lassen. Bewegung erhöht den Anteil der Muskelmasse. Weniger bekannt ist, dass Muskelgewebe Substanzen bildet, die für die Regeneration des Gehirns wichtig sind. Keinen Sport zu betreiben, ist deshalb eine Katastrophe für das Gehirn. Hier betreiben die Menschen zu wenig Vorsorge.

Wieso?

Weil vielen noch nicht bewusst ist, dass sie sich um das Hirn genauso kümmern müssen wie um das Herz: Durch Bewegung, geistige Aktivität und auch spezielle Untersuchungen. Gab es in einer Familie bereits Alzheimer-Fälle, kann eine molekularbiologische Untersuchung auf eine Variation des ApoE-Gens durchgeführt werden. Bei Vorliegen der Gen-Variante ApoE4 ist das Alzheimer-Risiko deutlich erhöht. Frauen mit einer solchen Variante darf - im Zuge einer Hormonersatztherapie - kein Östrogen gegeben werden, weil es das Risiko weiter erhöhen kann. Hingegen hat Testosteron einen schützenden Effekt. Eine andere genetische Variante (Komplement Faktor H) wiederum erhöht das Risiko für Altersblindheit. Patientinnen, die ein familiär bedingtes erhöhtes Risiko haben, lasse ich diesen Test machen. Auch hier kann medikamentöse Therapie das Erkrankungsrisiko senken.

Studie: Klosterleben als Jungbrunnen

Ein klösterlicher Lebensstil mit geregeltem und bewusst gestaltetem Tagesablauf hat einen positiven Effekt auf die Lebenserwartung - bei 45-jährigen Ordensmännern sind es immerhin drei zusätzliche Lebensjahre, berichten in der ÄrzteWoche die Demografen Christian Wegner und Marc Luy (Österr. Akademie der Wissenschaften). Ihre Studie über die Lebenserwartung von Ordensmitgliedern wird auf dem Anti-Aging-Kongress in Wien präsentiert. "Eine andere Untersuchung hat gezeigt: Nicht nur weniger und das Richtige essen sowie Bewegung haben lebensverlängernde Effekte, sondern auch täglich eine Stunde Meditation", erzählt Anti-Aging-Experte Univ.-Prof. Johannes Huber: "Wie immer man dieses Zu-sich-Finden benennt: Sicher ist, dass es damit nicht nur zu einer inneren Ruhe des Geistes, sondern auch des Körpers kommt. Durch einen solchen Lebensstil konnte z. B. der PSA-Wert (Marker für Prostatakrebs, Anm.) der Studienteilnehmer gesenkt werden."

( Kurier ) Erstellt am 06.12.2011