Wissen und Gesundheit
06.04.2012

Das Leben nach dem Schädel-Hirn-Trauma

Victor hatte große Pläne, doch ein Autounfall hat alles verändert. Die Suche zurück zu einem Stück Normalität.

Victor hat noch nie viel geredet. Unter seinen kurz geschorenen Haaren scheint eine schön gebogene Narbe hervor. Streicht man mit den Fingern darüber, spürt man kleine Klammern unter der Haut, die zwei Karbon-Platten an seinem Kopf befestigen. "Werde ich eine Zukunft haben?", fragte er seine Eltern, als er das erste Mal für ein Wochenende aus dem Spital durfte. Seine Familie gibt die Hoffnung nicht auf.

Die Vorgeschichte: Alles begann am Karfreitag vor drei Jahren. Victor war damals 17 Jahre alt und Führerscheinneuling. Er wollte sich mit Freunden im Wiener Wurstelprater treffen. Er kam dort nie an. Autounfall. Heck ausgebrochen. Betonpfeiler. Zwei Wochen künstliches Koma. Seine Schädeldecke musste geöffnet werden. Schläuche leiteten Blut aus seinem Gehirn ab. Wochenlanges Wachkoma.

"Seid ihr meine wirklichen Eltern?", fragte er noch Wochen nach dem Erwachen. Verzweiflung. Verunsicherung. "Niemand konnte uns sagen, welche Folgen das haben wird", erzählt Friederike P., Victors Mutter. Jeder mit Schädel-Hirn-Trauma (SHT) macht andere Fortschritte. "Sie haben uns markante Wesensveränderungen angekündigt. Schule und Arbeiten wären nicht mehr möglich."

Heute hat er noch immer Erinnerungslücken, kann seine Gefühle schlecht kontrollieren.

Ziele

Dabei hatte Victor so viele Pläne. Er war ein guter HTL-Schüler, wollte studieren – "etwas Technisches. Mathematik oder Informatik". Er hat weiter für seine Ziele gekämpft, mühevoll wieder gelernt zu essen, zu sprechen, zu gehen.  Doch sein größter Wunsch blieb ihm verwehrt: Victor darf nicht zurück in die Schule. Der Besuch in einem Projekt für Jugendliche mit Lernbehinderung scheiterte schon am ersten Tag: Er fand nach der Pause nicht mehr den Weg zurück. "Er ist sehr verunsichert, weiß nicht, wie es weitergeht", erzählt seine Mutter. "Victor war immer so zielstrebig. Heute ist er ungern unter Leuten, die er nicht kennt. Er geht auch nicht alleine aus dem Haus."

Freunde? "Kein einziger ist da übrig geblieben. Welcher Jugendliche beschäftigt sich schon freiwillig mit den Schattenseiten des Lebens?"
 
Victors Zukunft bleibt also ungewiss: "Es gibt sechs Wochen Rehabilitation im Jahr, aber was macht man die restlichen 46 Wochen?", fragt seine Mutter. "Wenn ich sechs Wochen Lauftraining mache und das restliche Jahr nichts, dann habe ich auch nichts davon."
Es gibt keine Beratung für SHT-Betroffene. Friederike P. plant daher mit der Österreichischen Gesellschaft für Schädel-Hirn-Trauma (ÖGSHT, www.trauma-austria.org ) ein Zentrum für Betroffene in Wien und Niederösterreich. Mit Tagesstrukturen und Wohnbetreuung, die zugleich ein eigenständiges Leben ermöglichen. Die Finanzierung ist noch offen. Allerdings wünscht sich Frau P. schon einen bestimmten Schirmherren: Niki Lauda
 

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