Wissen und Gesundheit
05.12.2011

Das Bindegewebe ausstreifen

Die Faszien halten unseren Körper zusammen. Bei ihnen setzt eine neue Methode zur Schmerzbekämpfung an.

Ursula Hollenstein stützt sich mit den Armen auf eine Liege, während ihr Arzt, Georg Harrer, mit den Händen ihre Wirbelsäule entlangstreicht. Mit gezielten Fragen lokalisiert er die genauen Schmerzpunkte seiner Patientin, dort drückt er fest zu und schiebt das schmerzende Gewebe hin und her. Zurück bleiben rote Striemen.
"Es fühlt sich an, als ob er mit einem scharfen Fingernagel herumfährt", sagt Hollenstein. Doch Harrer benutzt nur seine Finger.

Mittlerweile ist er am hinteren Oberschenkel der Patientin angelangt. Plötzlich zuckt die Frau zusammen: "Warum tut das hier weh? Hier hab' ich sonst keine Beschwerden!" Der Arzt erklärt: "Das sind die Ausläufer des beeinträchtigten Stranges. Man muss den gesamten Bereich bearbeiten."

Der Anästhesist und Allgemeinmediziner Georg Harrer beschäftigt sich seit 15 Jahren mit einem noch jungen, aber offenbar effizienten Behandlungskonzept. Derzeit findet in Wien ein internationaler Kongress statt. Das sogenannte Fasziendistorsionsmodell (FDM) geht davon aus, dass ins Ungleichgewicht geratene, verdrehte oder anders verformte Faszien - also unser Bindegewebe inklusive Sehnen und Muskeln - Schmerzen verursachen.

Erfolgsgeschichten

"Wird das korrigiert, kann mit sofortiger Schmerzreduktion gerechnet werden", betont Harrer. Diese "intensive Arbeit" soll auch Verklebungen im Bindegewebe lösen, "um überhaupt erst eine Behandlung zu ermöglichen".

Ursula Hollenstein, selbst Ärztin, hat damit gute Erfahrungen gemacht. Nach zwei Bandscheibenvorfällen, die bis in den rechten Arm schmerzhaft ausstrahlten, brachte ihr selbst monatelange physikalische Therapie keine Linderung. "Ich war sehr skeptisch, was FDM betrifft. Aber schon nach dem ersten Mal waren die akuten Schmerzen weg." Heute nutzt sie FDM als Vorbeugung für Rückenprobleme.

Auch Ingrid S.-G. lernte die Methode in einer Notlage kennen. Nach einem Skiunfall stand sie kurz vor einer Operation. Doch davor konsultierte sie Georg Harrer. Mit Erfolg: "Ich habe mir im Februar das Kreuzband gerissen und im späten Frühling war ich schon wieder laufen. Ich bin heute völlig beschwerdefrei, das Knie ist stabil. Anfangs konnte ich das Bein kaum abbiegen, nur ein paar Zentimeter. Aber nach jeder Behandlung waren es ein paar Zentimeter mehr."

Patient als Partner

Wesentlich bei der FDM-Behandlung sind die Körpersprache des Patienten, aber auch dessen wörtliche Schmerz-Beschreibungen. Harrer: "Ich brauche viel Hintergrundinformation. Der Patient ist ein Partner auf Augenhöhe, seine Wahrnehmung der Beschwerden leitet mich durch die Behandlung."

Info: Therapiemodell gegen Schmerzen
FDM
Das Fasziendistorsionsmodell (Faszie - lat. Bündel, Distorsio - lat. Verdrehung) wurde 1991 vom US-Notfallmediziner und Osteopathen Stephen Typaldos entwickelt. Er stellte - unabhängig von Kultur, Sprache oder Diagnose - immer wiederkehrende Schmerzmuster bei Patienten fest. Als Ursache lokalisierte er Dysbalancen in den Faszien.

Faszien
Die Bindeglieder unseres Körpers. Sie umhüllen alle Organe und Muskeln.

Behandlung
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