Wissen und Gesundheit
05.12.2011

Chronische Krankheiten: Bildung statt Medikamenten

90 Prozent des Erfolgs einer Therapie von Diabetes liegen in der Hand des Patienten. Voraussetzung sind aber gute Schulungen.

Einen Typ-2-Diabetiker gab es 1948 in Hamburg: "Heute sind es in Deutschland mehr als acht Millionen und in Österreich rund ein Zehntel davon", sagt der Mediziner Prof. Fred Harms, Vizepräsident der gemeinnützigen European Health Care Foundation (EUHCF) in Zug in der Schweiz. Ihr Ziel ist die Verbesserung der Versorgung chronisch kranker Menschen in Europa. Harms war einer der Hauptreferenten bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen zum Thema "Gesundheit - ein Menschenrecht". "Wenn diese Entwicklung so weitergeht, werden wir in 25 Jahren nur für die Therapie von Diabetes und Übergewicht genauso viel Geld aufbringen müssen wie derzeit für das gesamte Gesundheitssystem."

Neun von zehn Menschen sterben heute an einer chronischen Erkrankung: Etwa Herz-Kreislauferkrankungen, chronische Atemwegsleiden, Diabetes, Krebs. "Nicht übertragbare Krankheiten sind heute die zentrale Bedrohung der Gesundheit", warnt auch Prof. Günther Leiner, Präsident des "European Health Forum Gastein", das sich im Oktober ebenfalls mit der Thematik befasst.

Derzeit würden laut Harms nur zwei von zehn Diabetikern mit ihren Werten "im grünen Bereich" liegen. Die Folge: "In Deutschland und Österreich wurden im vergangenen Jahr genauso vielen Menschen wegen Gefäßproblemen die Gliedmaßen amputiert wie im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs. Denn das Hauptproblem ist nicht Diabetes, sondern sind die Folgeerkrankungen."

"Bei Diabetes liegen 90 Prozent des Therapieerfolges in der Hand des Patienten - ganz egal, wie gut der Arzt ist", sagt Harms.: "Wir Ärzte sind nur die Trainer." Doch viele Menschen seien nicht in der Lage, ihre Eigenverantwortung wahrzunehmen: "Es fehlt ihnen die Grundausbildung."

Coaches

Ein erster Schritt in die richtige Richtung seien die Disease-Management-Programme für Diabetes (systematische, strukturierte Behandlungsverläufe nach aktuellen Standards und mit regelmäßigen Terminen): "Aber in Österreich nehmen derzeit nur rund zehn Prozent der Diabetiker daran teil. Und sie sind nur eine erste Qualifizierungsmaßnahme. Wir benötigen zusätzlich Schulungen im Selbstmanagement der Erkrankung, damit die Patienten ihr Leben langfristig selbst gestalten können."

Die Präsidentin der European Health Care Foundation, Prof. Dorothee Gänshirt, hat für im Gesundheitswesen Tätige eine Ausbildung zum Patientencoach entwickelt. "Wir konnten in einer Studie zeigen, dass bei gut betreuten Diabetes-Patienten sieben von zehn die therapeutischen Zielwerte erreichen. Über Ausbildung, Gespräch, Eigenmotivation und Empathie seitens des Coachs können wir eine Verbesserung der Werte erreichen, wie wir sie nicht einmal mit hochinnovativen, modernen Arzneimitteln hinbekommen."

Lebensstil: Viele Leiden vermeidbar

Wenn die Hauptrisikofaktoren (falsche Ernährung, mangelnde Bewegung, Rauchen, etc,) eliminiert werden, könnten - so Mediziner Harms - folgende Erkrankungen verhindert werden:
- 80 % der Herzerkrankungen
- 80 % der Schlaganfälle
- 80 % der Diabetesfälle
- 40 % der Krebsleiden

Nachgefragt: Höheres Bildungsniveau, niedrigere Sterblichkeit

Mit der Sozialmedizinerin Univ.-Prof. Anita Rieder von der MedUni Wien sprach der KURIER über …

Bildung und Gesundheit: "Männer, die nur einen Pflichtschulabschluss haben, leben im Schnitt sechs Jahre kürzer als Männer mit Uni-Abschluss. Zwei Drittel der gesundheitlichen Ungleichheit gehen auf strukturelle Faktoren - etwa Bildung, Einkommen, Freizeitverhalten, Freundeskreis - zurück. Je mehr die Schere zwischen Arm und Reich aufgeht, umso größer werden die Unterschiede im Gesundheitszustand. Beispiel Lungenkrebs: Je höher das Bildungsniveau in einem Land, umso niedriger ist die Sterblichkeit. So gesehen könnte auch das schlechte Abschneiden beim PISA-Test ein Indikator für Probleme in der Gesundheitsbildung für die Zukunft sein: Wenn ich Texte nicht sinnerfassend lesen kann, werde ich mir auch beim Verstehen von Gesundheitsinformationen schwer tun. Unsere Aufgabe muss es sein, dieser ungerechten Verteilung von Gesundheit entgegenzuwirken."

Eigenverantwortung: "Sie funktioniert nur, wenn sie erlernt wird. Beispiel gesunde Ernährung: Ich finde auf den Packungen viele Informationen, aber die sind oft sehr komplex und schwer zu erfassen. Umso weniger Bildung und Einkommen ich habe, umso weniger kann ich sie nützen."

Prävention: "Wir benötigen Präventionsprogramme, die Zielgruppen in ihrem Umfeld ansprechen - im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz. Die Programme müssen koordiniert sein. Wenn etwa bei der Vorsorgeuntersuchung herauskommt, dass ich ein Diabetes-Risiko habe, muss ich gleich dort eine Handlungsanleitung bekommen, wie ich erfolgreich abnehmen kann. Je mehr Menschen im System von einem zum anderen Experten herumgeschickt werden, umso mehr gehen auch verloren."