Wissen 26.01.2012

„Burn-out ist keine Mode-Erkrankung“

Immer mehr Menschen sind körperlich, geistig und emotional erschöpft. Gleichzeitig werde aber oft viel zu schnell vom Ausgebranntsein gesprochen, sagen Experten.

Seit einem Jahr bereits hatte Sabine K. das Gefühl, „dass sie nicht mehr kann“: Zahlreiche Überstunden in ihrem Job als Lehrerin, dazu Schüler, die ihr mit Widerstand begegneten, zwei eigene Kinder, ein Haus und kranke Eltern, die sie betreuen musste. „Sie wollte immer alles perfekt erledigen und hätte sich selbst nie einen Krankenstand zugestanden“, erzählt der Neurologe und systemische Coach Univ.-Prof. Wolfgang Lalouschek.

„Wir wissen nicht, wie viele Burn-out-Kranke es gibt, aber wir müssen insgesamt Zuwachsraten befürchten“, sagt der Psychiater Prim. Univ.-Prof. Michael Musalek vom Anton-Proksch-Institut in Wien-Kalksburg. Die extreme Beschleunigung der Arbeitswelt, der Verlust von Sicherheiten (z. B. befristete Verträge) und von Stützen wie etwa dem Glauben oder Familienstrukturen seien einige Gründe für den Anstieg.

So sind seit 1991 Krankenstandstage aufgrund psychischer Erkrankungen um 184 Prozent angestiegen. Das sei die eine Seite. Auf der anderen werde der Begriff oft vorschnell in den Mund genommen: „Die ganze Welt leidet am Burn-out-Syndrom“, sagte Jonathan Lynn, Chef des Wirtschaftsforums in Davos. „Man kann auch nicht von 8 bis 16 Uhr am Burn-out leiden und um 17 Uhr fängt das schöne Leben an“, betont Musalek. „Ein Burn-out-Patient erlebt nichts Schönes mehr.“

Arbeitsqualität

„Es geht nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität der Arbeit“, sagt Musalek. „Mangelnde Anerkennung, schlechte Gemeinschaft im Team, fehlende Gestaltungsmöglichkeiten, Mobbing und Unfairness“ seien wesentliche Mit-Auslöser.

„Nicht jeder Burn-out-Betroffene ist krank“, betont Musalek: „Ganz sicher kann man aber in den späteren Stadien – wenn etwa Schlafstörungen, depressive Verstimmungen dazukommen – von Krankheit sprechen.“

„Depression und Burn-out sind nicht gleichzusetzen“, betont Lalouschek. „Die Abgrenzung ergibt sich vor allem durch die Vorgeschichte: Bei Burn-out gibt es eine länger dauernde übermäßige Belastungssituation und am Anfang einen besonders hohen Einsatz – etwa Hyperaktivität und freiwillige unbezahlte Mehrarbeit. Die negativen Symptome zeigen sich erst später. Ein Burn-out entsteht schleichend.“

Wildwuchs

„Es gibt eine unglaubliche Fülle neuer Experten auf diesem Gebiet: Jeder sagt etwas dazu – ohne jede Qualitätssicherung“, kritisiert Musalek. Einen seriösen Umgang mit dem Thema strebt der neue Verein „Burn Aut“ an, dessen Vorstand neben Musalek und Lalouschek u. a. auch Interio-Chefin Janet Kath angehört: „Er soll eine Plattform nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für Wirtschaft und Politik sein.“ Die Proponenten wollen überdies eine Diskussion zum Thema „Arbeitsqualität“anregen.

Bei der Therapie gibt es nicht nur die eine Methode, wie das von manchen Experten propagiert werde, betont Lalouschek: Wichtig sei eine medizinische Behandlung, um andere mögliche Erkrankungen auszuschließen. Weitere Bausteine können eine Psychotherapie und/ oder ein Coaching sein, das beim Wiedereinstieg hilft. „Der schwierigste Teil ist aber sicher die Neugestaltung des Lebens.“

Morgen: Rotraud Perner im Interview über ihr neues Buch „Der erschöpfte Mensch“.

Am 2. 2. erscheint in Kooperation mit den Wiener Vorlesungen in der Reihe „Kontroversen über das Leben“ eine Beilage zum Thema Burn-out.

Vortrag: „Burn-out. Modediagnose oder schwere Krankheit unserer Zeit“ von Univ.-Prof. Michael Musalek am 1. 2. im Rahmen der Wiener Vorlesungen um 19 Uhr im Festsaal des Wiener Rathauses (1010 Wien, Lichtenfelsgasse 2, Feststiege 1).

Betroffene: Mit Keramik aus der Krise

Meine Formel war: 100 Prozent im Beruf, 100 Prozent für die Familie. Aber für mich ist nichts übrig geblieben“, sagt die diplomierte Radiologietechnologin (früher: Röntgenassistentin) Daniela Popp. „Erste Signale habe ich nicht wahrgenommen , Hobbys, soziale Kontakte, das ist alles immer mehr in den Hintergrund getreten. Bis es eines Tages zum großen Knall kam und ich nicht mehr konnte.“ Nach langem Zögern hat Popp eine Psychotherapie begonnen – und einen Keramikkurs. „Ich habe herausgefunden, dass künstlerisches Handwerken eine wichtige Energiequelle für mich ist.“

INFO: Beim Symposium „Burn-out – Ursachen und Folgen“ stellt sie Freitag (8.30–18 Uhr) und Samstag (8.30 bis 12.30 Uhr) im Foyer des Palais Ferstel in Wien ihre Keramiken aus.

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( Kurier ) Erstellt am 26.01.2012