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27.08.2018

Bluthochdruck: Neue europäische Leitlinien

Die als normal geltenden Blutdruckwerte unterschieden sich von jenen der amerikanischen Leitlinie.

Neue Leitlinien zur Behandlung von Bluthochdruck sind beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München vorgestellt worden. Sie sehen - den bisherigen Empfehlungen entsprechend - grundsätzlich weiter einen Grenzwert für die Behandlungsbedürftigkeit von 140/90 mmHg vor. Bei älteren Patienten werden aber höhere Schwellenwerte akzeptiert.

Wie die Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), Andrea Podczeck-Schweighofer, darlegte, werden zum Teil bis zu 160 mmHg toleriert, "um unerwünschte Nebenwirkungen durch zu intensive medikamentöse Therapie zu vermeiden". Nur in bestimmten Fällen soll bereits in einem Bereich von normalem Blutdruck im oberen Bereich (130-139/85-89 mmHg) medikamentös behandelt werden. "Nämlich dann, wenn aufgrund einer kardiovaskulären Vorerkrankung ein besonders hohes Herz-Kreislaufrisiko besteht", präzisierte Podczeck-Schweighofer.

Als Behandlungsziel einer Therapie gilt wie bisher grundsätzlich eine Senkung auf unter 140/90 mmHg, bei gut tolerierter Therapie sollte 130 mmHg als systolischer Wert angestrebt werden. Für Patienten unter 65 Jahren soll ein Zielwert von 120-129 mmHg angestrebt werden. Ein Zielwert unter 120 mmHg ist in keiner Patientengruppe zweckmäßig, weil hier die Risiken den potenziellen Nutzen überwiegen.

Großes Interesse an neuen Leitlinien

Die neuen europäischen Leitlinien zum Bluthochdruck wurden mit großem Interesse erwartet, da im vergangenen Jahr in den USA die Werte für die Behandlungsbedürftigkeit gesenkt worden sind. Demnach ist eine Hypertonie ab 130/80 mmHg gegeben. Als medikamentös behandlungsbedürftig gelten Patienten mit einem Blutdruck jenseits von 130/80 mmHg in den neuen US-Leitlinien dann, wenn sie zusätzliche Risikofaktoren aufweisen. Andere Patienten sollen mit Allgemeinmaßnahmen behandelt werden. "Aber selbst so sind gemäß den neuen US-Leitlinien in den USA alleine etwa vier Millionen Menschen zusätzlich medikamentös behandlungsbedürftig, die es bei einem Schwellenwert von 140/90 mmHg nicht wären", bemerkte Podczeck-Schweighofer.

 

Neu ist in der soeben veröffentlichten Blutdruck-Leitlinie eine Behandlungsempfehlung bei Therapiebeginn. Demnach sollte bei einer Mehrheit der Hochdruck-Patienten künftig von Anfang an eine Behandlung mit zwei unterschiedlich wirkenden Substanzen durchgeführt werden. Bisher wurde empfohlen, zunächst mit einem Medikament zu beginnen und erst bei Bedarf mit einem zweiten oder dritten Medikament zu kombinieren. "In diesem Zusammenhang wird in der neuen Leitlinie angemerkt, dass Kombinationspräparate, in denen die Substanzen in einer Tablette enthalten sind, die Therapietreue erhöhen dürften", gab die ÖKG-Präsidentin bekannt.

Weniger Salz, mehr Bewegung

Sollte der Bluthochdruck mit einer Kombination von drei blutdrucksenkenden Substanzen nicht ausreichend gesenkt werden können, sollte auch ein Diuretikum dazugegeben werden. "Lebensstilmodifikationen werden auch in der neuen ESC-Leitlinie allen Hochdruckpatienten empfohlen", erklärte Podczeck-Schweighofer. Dazu gehören eine Reduktion des Salzkonsums, gesunde Ernährung, regelmäßiges körperliches Training, Nikotinverzicht und das Anstreben von Normalgewicht. Zur bisherigen Empfehlung, Alkohol nur moderat zu konsumieren, kommt nun ausdrücklich der Hinweis, dass das sogenannte Koma- oder Rauschtrinken ("binge drinking") vermieden werden soll.

Hinsichtlich des Themas Bluthochdruck und Krebs wird festgestellt, dass ein vorübergehendes Aussetzen der Krebsbehandlung erwogen werden kann, wenn sehr hohe Blutdruckwerte auch mit einer Kombinationsbehandlung nicht kontrollierbar sind. Ebenfalls neu ist eine Empfehlung zu Bluthochdruck und körperlicher Anstrengung im Hochgebirge. Demnach sollten Patienten mit stark erhöhtem Blutdruck darauf verzichten, sich in Höhenlagen von mehr als 4.000 Meter Seehöhe zu begeben.

Bluthochdruck ist nicht nur ein wichtiger Risikofaktor für Schlaganfälle, sondern erhöht auch das Risiko für Herzschwäche, Vorhofflimmern, Niereninsuffizienz, periphere Verschlusskrankheit oder Demenzerkrankungen.