Wissen
26.02.2018

Bessere Heilung: Wohlfühloase statt Spital

Experten sind sich einig: Eine angenehme Atmosphäre beschleunigt Heilungsprozesse.

Das Chelsea and Westminster Hospital im Londoner Stadtteil Fulham erinnert nicht an ein klassisches Krankenhaus. Von außen betrachtet hat es eher die Anmutung eines urbanen Bürogebäudes, der Empfang hat die Dimension einer kleinen Bahnhofshalle, wechselnde Kunstwerke erinnern wiederum an eine moderne Galerie, die hellen, mit Glas überdachten Innenhöfe an ein Schwimmbad. All die mit Tageslicht durchfluteten Gänge und Behandlungszimmer sind ein klarer architektonischer Gegenentwurf zum Wiener AKH.

"Das Krankenhaus wurde von einem Künstler und Architekten gestaltet, der sonst Hotelanlagen plant", berichtete der Mediziner Michael Musalek bei einer Fachtagung am Samstag an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Die Tagung wurde von seinem Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit organisiert. Erörtert wurde dort die Frage, wie die Atmosphäre in Krankenhäusern die Genesung der Patienten beschleunigen oder verlangsamen kann.

Einladender Charakter

Professor Musalek hat einige Ideen aus London nach Wien importiert. So wirkt das Anton-Proksch-Institut in Kalksburg nach dem Umbau heller, bunter, aufgeräumter, weniger abweisend. Der langjährige Leiter des API zitiert Studien aus dem Krankenhaus in Fulham: "Dort konnte man nachweisen, dass die Patienten schneller gesund wurden."

Kosten

Dem Argument, dass so eine Einrichtung mehr Geld kostet, konnte der Kärntner Künstler und Hotel-Architekt Harald Schreiber bei der Tagung nichts abgewinnen: "Eine schöne Farbe kostet nicht mehr als eine hässliche. Wenn es gut geplant wird, muss ein Wohlfühl-Spital nicht teurer sein."

Harald Schreiber, der – nebenbei erwähnt – alle Anlagen einer österreichischen Hoteliersfamilie plant, würde gerne auch einmal einen Spitalsbau in Angriff nehmen: "Grundsätzlich müssten wir uns dann darüber unterhalten, ob der Begriff Krankenhaus heute noch zeitgemäß ist. Viel mehr geht es doch darum, dass wir den Patienten wie den Gästen eines Hotels dabei helfen, dass sie bei ihrem Aufenthalt ihre Batterien so schnell wie möglich wieder aufladen."

Privatsphäre

Schon auf den ersten Blick müsste daher auch ein Krankenhaus einen einladenden Charakter haben, und zwar für die Patienten ebenso wie für die Besucher: "Die Angehörigen sind ein wichtiger Faktor bei der Gesundung. Daher muss es genügend Platz für Besuch und Begegnung geben. Und es muss ausreichend Raum für Privatsphäre geben."

Was Privatpatienten als angenehm erleben, könnte auch im Kassenbereich umgesetzt werden: "In Mehrbett-Zimmern kann man mit klugen Raumteilern einiges bewirken", weiß der Architekt Harald Schreiber, der bei seinen Planungen immer auch auf die Wirkkraft der bildenden Kunst vertraut.

Wellnesshotel

Moderne Schallschlucker können die Akustik verbessern, Kräuter und Öle, die auch in der Wellnesshotelindustrie Verwendung finden, könnten zudem den Krankenhausgeruch vertreiben.

Dass die Atmosphäre in Krankenhäusern Heilungsprozesse beeinflusst, davon sprach auch die Schweizer Philosophin Guenda Bernegger bei der Tagung. Sie gab dafür auch ein Beispiel: "Das kalte, das objektivierende Neonlicht nimmt den Menschen auch ihre Menschlichkeit. Es heißt zu Recht, dass wir Menschen in ein gutes Licht rücken müssen."

Und ein Lächeln

Bernegger ist Dozentin für Klinische Ethik an der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana in Lugano. Für sie steht fest: "Ein Raum kann etwas öffnen und damit ermöglichen oder schließen und verhindern."

Die meisten Krankenhäuser, vor allem die älteren, würden mehr verhindern als ermöglichen, musste die Forscherin bei ihren Recherchen feststellen: "Man muss nun aber nicht alle alten Gebäude abreißen. Oft helfen kleine Interventionen." Sie erzählt von einem alten italienischen Spital: "Dort konnte man einzig den Umgang mit den Patienten freundlicher gestalten. "Diese Maßnahme alleine bewirkte schon viel."

Für Professor Musalek ein wichtiger Hinweis: "Natürlich wirken sich Raum, Größe, Licht, Farben und die Art der Einrichtungen auf die Atmosphäre aus. Aber es hilft den Patienten natürlich auch, wenn sie wer anlächelt."