Fasten als Initialzündung für eine generelle Verhaltensänderung: Heute zählen individuelle Angebote mehr als dogmatische Anleitungen.

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Lifestyle-Trend
02/18/2015

Fastenzeit: Verzichten, um zu genießen

Gefastet wird heute weniger aus religiösen Gründen, sondern vielmehr für ein gutes Gefühl.

von Ingrid Teufl

Es klingt hart: 40 Tage fasten – in Zeiten des Überflusses ist der Verzicht auf Liebgewonnenes zu einem neuen Luxus geworden. Doch Fasten ist im 21. Jahrhundert längst über das Thema Essen hinausgewachsen und zum Lifestyle-Statement geworden. Miriam Silberschatz übt sich etwa bewusst darin, "schlechte Gedanken wegzulassen".

Abseits des religiösen Ursprungs zählt der Aschermittwoch noch immer häufig als markanter Starttermin. "Die Fastenzeit gilt für die meisten als Zeit des Nachdenkens, die man bewusster begehen will. Heute wird das eben viel weiter gefasst", sagt Markus Gerhartinger.

Autofasten

Beim "Autofasten", das Gerhartinger mitbetreut, steigen jedenfalls die Teilnehmerzahlen. Und das nicht nur im städtischen Bereich, wo es zugegeben leichter sei, auf das Auto zu verzichten als in ländlichen Regionen. "Aber wir glauben, dass jeder Möglichkeiten findet, Wege ohne das Auto zu bewältigen", betont er als einer der Projektleiter der Aktion. Die von den Umweltbeauftragten der katholischen und evangelischen Kirche Österreichs initiierte Idee, in der Fastenzeit aufs Auto zu verzichten, ist heuer zum zehnten Jubiläum auf 15.700 registrierte Faster gewachsen.

Ob 40 Tage aufs Auto oder eine Woche auf feste Nahrung zu verzichten: Viele Fasten-Willige schwärmen sogar vom Genuss, sich im Alltag freizuschaufeln. "Genuss ist längst nicht mehr auf Essen beschränkt", betont Ulrike Borovnyak von der Österreichischen Gesellschaft für Gesundheitsförderung (GGF), die Fastenkurse und zertifizierte Ausbildungen zum Fastentrainer anbietet. "Die Menschen verstehen, dass das Fasten den Blick auf die Dinge verändert – und auch ihre Genussfähigkeit."

Raum für Genuss

Das zeigt sich ebenso beim Fasten und Verzichten beim Essen. "Durch die Reduktion lebt man bewusster. Im Alltag Vernachlässigtes wie etwa Tischkultur und Gespräche bekommen in einer Fastenwoche wieder eine größere Bedeutung." Dazu kommt die bewusste Beschäftigung mit sich selbst. "Fasten öffnet die Sinne. Da bleibt noch ein ganzes Universum an Dingen übrig, die man genießen kann", sagt Expertin Borovnyak. Tom Gschwandtner, der alljährlich während der Fastenzeit auf Wurstwaren, Kaffee und Alkohol verzichtet, formuliert da so: "Durchs Verzichten weiß man erst, was man alles nicht braucht."

Der Lifestyle-Trend Fasten dreht sich jedenfalls kontinuierlich weiter, hat Borovnyak beobachtet. Sie beschäftigt sich seit 17 Jahren mit dem Thema. Anfangs wurde die Nahrungsreduktion fälschlicherweise fast automatisch mit Abnehmen gleichgesetzt, dann avancierte Fasten zur Initialzündung für eine generelle Verhaltensveränderung. Heute sind dogmatische Anleitungen aus der Mode gekommen, Individualisierung ist gefragt. "Man kann nicht mehr sagen: Alle müssen Heilfasten (nur flüssige Nahrung, Anm.). Wir holen die Menschen dort ab, wo sie stehen. Es geht darum, sie so zu begleiten, wie es ihrem Typ entspricht." Dementsprechend breit ist die Angebotspalette – vom Saft- über Suppen- bis zum Manager-Fasten. Gehobene Fasten-Hotels boomen – damit zeigt man: "Mein Genuss ist mir wichtig." Übrigens: Fastenwochen schließen bereits digitales Fasten mit ein. "Das gehört heute dazu", erklärt Borovnyak. "Das muss man erst einmal aushalten."

Buchtipp

Ulrike Borovnyak, Fasten für Genießer, Brandstätter-Verlag, 29,90 €. Mit Tipps rund ums Fasten, Fastenarten, Kulturgeschichte und Rezepten für die Fastenwoche sowie die Zeit danach.

Mehr Info

www.gesundheitsfoerderung.at

www.fastenfuergeniesser.com

www.kleinundgesund.at

Fasten-Motive sind vielfältig

Der Religiöse ist der Klassiker. Unterbrechungszeiten gibt es in allen Religionen. Ziel ist es, etwas sein zu lassen, was einem am Herzen liege. "Was trägt mein Leben?" Sich darüber klar zu werden, stehe für diesen Typ im Mittelpunkt.

Der Narzisst will es sich vor allem immer wieder selbst beweisen. Die Fastenzeit ist dafür eine willkommene Gelegenheit.

Der Gesundheitsbewusste ist laut Umfragen unter den Fastenden in der Mehrheit. Jeder Zweite gibt an, aus gesundheitlichen Gründen zu verzichten – meist auf Alkohol oder Süßes.

Der Inkonsequente nimmt sich – ähnlich wie zum Jahreswechsel – ganz viel vor, schafft es aber bei Weitem nicht. Und belügt sich bis Ostern selbst.

Der Stille ist getrieben vom Gedanken, ob es klug ist, sein Fasten an die große Glocke zu hängen. Es kann nämlich auch schief gehen. Daher könnte es ratsam sein, in aller Stille zu verzichten. Muss ja keiner wissen. Auf der anderen Seite kann die große Glocke aber auch helfen: Man bekommt Hilfe durch die soziale Kontrolle. Und hält die 40 Tage eher durch.

Der Fastenhasser verzichtet auf nix, ist stolz drauf – und erzählt das überall rum. Auch das könne ein Statement sein, sagen Experten.

Der Trendsetter verzichtet nie auf Essen, aber auf Handy & Co. Wie weit verbreitet diese wohl modernste Form des Fastens ist, lässt sich aber nicht klären.

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