Nachweis von resistenten Bakterien auf einer Kulturplatte.

© APA/dpa/Daniel Karmann

Interview
05/27/2016

Antibiotika-Experte: "US-Fall ist ein Warnzeichen"

Was ein heimischer Experte zum resistenten Superkeim in den USA sagt.

von Ernst Mauritz

In den USA sorgt derzeit der erste Fall eines "Super-Keims" für Aufregung, der auch gegen das letzte noch wirksame Reserveantibiotikum resistent ist, Was dieser Fall für Österreich bedeutet und wie groß die Gefahr ist, künftig keine wirksamen Therapien gegen bakterielle Infektionen mehr zu haben, erkärt der Hygienefacharzt und Infektionsspezialist Oberarzt Oskar Janata.

Wie ist der Fall in den USA einzustufen?

Oskar Janata: Er ist ein Warnzeichen. Wir haben verlernt, den Wert der Antibiotika zu schätzen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir Antibiotika in der Apotheke kaufen können oder im Spital gut damit behandelt werden. Der US-Fall zeigt jetzt: Das ist nicht immer so.

Nehmen Probleme mit resistenten Keimen zu?

Seit dem Jahr 2000 gibt es international zunehmend Infektionen mit Keimen, die antibiotikaspaltende Enzyme bilden, zuletzt auch gegen die letzte Gruppe der Reserveantibiotika, die Carbapeneme. Die Antibiotika werden inaktiviert und unwirksam gemacht. Vor allem der asiatische Raum ist hier stark betroffen. Dann kommt das Präparat Colistin zum Einsatz, das jetzt in den USA versagt hat. Dieses Colistin ist ein uraltes Medikament, das in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vom Markt genommen wurde. Man hat damals geglaubt, man braucht es nicht mehr, weil neue Präparate auf den Markt gekommen sind. Colistin ist ziemlich toxisch, relativ kompliziert in der Anwendung und kann auch nur intravenös verabreicht werden.

Erst als man um die Jahrtausendwende zunehmend Resistenzen gegen die letzte Gruppe der Reserveantibiotika, die Carbapeneme, gesehen hat, man sich an dieses Colistin wieder erinnert, es wurde wiederentdeckt. Es gab ja kaum mehr ein Wissen darüber.

Wieso?

Wenn sie vor 15 Jahren ein Lehrbuch über die Behandlung von Infektionen aufgeschlagen haben, kam dieses Colistin praktisch nicht mehr vor. Erst ab 2000 wurden viele Studien mit dem Präparat gemacht.

Wie ist die Situation in Österreich?

Wir hatten in unserem Spital (SMZ-Ost in Wien) in den letzten Jahren acht bis zehn Patienten mit solchen hochresistenten Keimen, bei denen der Laborbefund gezeigt hat, dass der Erreger eigentlich auf gar kein Antibiotikum mehr anspricht, auch nicht auf Colistin. Allerdings haben wir dann noch immer mit teilweise sehr exotischen Antibiotikakombinationen die Patienten erfolgreich behandeln können. Und man muss auch betonen: Es handelte sich bisher immer ausschließlich um importierte Fälle. Es sind ja auch nicht immer alle Patienten krank, die wir mit diesen Keimen sehen. Zum Teil finden wir sie im Stuhl oder Rachen, aber ohne Krankheitssymptome.

Generell gesehen liegt Österreich bei den Resistenzen im europäischen Mittelfeld. Es gibt Keime, bei denen sie zurückgehen, andere, bei denen sie ansteigen.

In heimischen Spitälern gibt es diese hochresisten Superkeime noch nicht?

Genau. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern haben sie sich bei uns noch nicht festgesetzt. In Österreich ist die Krankenhaushygiene sehr gut entwickelt, Die Wahrscheinlichkeit für einen Patienten, in einem Spital mit einem solchen schwer zu behandelnden Keim in Kontakt zu kommen, ist sehr gering. Patienten, die nach einem Auslandsaufenthalt etwa in Asien oder bestimmten Ländern Süd- und Osteuropas mit einer derartigen Infektion zurückkommen, werden im Spital sofort in einem Einzelzimmer isoliert. Abgesehen von solchen importieren Fällen, die bis jetzt immer sofort unter Kontrolle gebracht werden konnten, sind die Spitäler bei uns frei von diesen Keimen.

Sollte es trotzdem zu einer Übertragung kommen, wie es bei einem Fall in der Vergangenheit in Österreich passiert ist, müssen die Hygienemaßnahmen weiter verschärft werden. Aber das sind absolute Ausnahmefälle.

Man könnte sicher bei der Hygiene immer noch vieles besser machen, etwa bei der Händedesinfektion. Aber der Standard ist insgesamt sehr hoch. Wenn zum Beispiel Durchfallserreger in einem Spital auftauchen, werden sie sehr rasch eingedämmt - starke Ausbreitungen wie in vielen anderen Ländern kommen bei uns nicht vor.

Werden Antibiotika zu leichtfertig eingesetzt?

Österreich liegt beim Antibiotikaverbrauch im niedergelassenen Bereich in Europa ganz weit hinten. Wir sind also eigentlich ein Sparefroh-Land. Trotzdem gibt es hier sicher noch ein Potenzial, gerade in der Erkältungszeit. Da gibt es den Arzt, der auf Nummer sicher gehen und nichts übersehen will, und es gibt den Patienten, der sagt, er möchte rasch wieder gesund werden. Beide verkennen, dass Antibiotika gegen Erkältungskrankheiten in der Regel nicht wirken. Der Großteil dieser Erkrankungen wird nämlich von Viren vrursacht. Hier ist sicher noch Bewusstseinsarbeit notwendig?

Und der Einsatz in der Landwirtschatt?

Der ist international ein großes Problem, in Österreich gehen die verwendeten Antibiotikamengen aber bereits zurück. Manchmal bin ich schon ein wenig erstaunt, wie leichtfertig man im landwirtschaftlichen Bereich über das Thema Antibiotika spricht. Denn es ist erwiesen, dass sich die Resistenzen aus Betrieben in die Natur ausbreiten können. Zugvögel können Keime aufnehmen und zum Beispiel an Strände vertragen - das ist bei Seemöwen nachgewiesen. Urlauber nehmen dann am Strand diese Keime auf und bringen sie als unerwünschtes Mitbringsel aus dem Urlaub nach Hause.

Die WHO hat bereits vor einer Zeit ohne wirksame Antibiotika gewarnt.

Es gab in den vergangenen 30 Jahren zwar neue Präparate - aber das waren immer nur Weiterentwicklungen bestehender Substanzen, also die zweite, dritte, vierte Generation. Auch dagegen werden dann die Bakterien rasch einmal resistent. Was es nicht gab, war eine völlig neue Substanzgruppe. Antibiotika ist relativ billig, bringt eine Firma ein ganz neues Produkt auf den Markt, will sie natürlich, dass es weit verbreitet wird - zur Verhinderung von Resistenzen ist das aber schlecht, da wäre ein sparsamer Einsatz eines neuen Wirkstoffes wünschenswert. Deshalb werden Modelle überlegt, dass Staaten Neuentwicklungen kaufen oder teilweise mitfinanzieren. Die Firma hätte dann die Entwicklungskosten abgedeckt, der Druck, es groß zu vermarkten, würde wegfallen. Es ist keine Frage, dass wir aufpassen müssen, dass so ein Szenario mit unwirksamen Präparaten ncht tatsächlich eintritt.

Aber bis jetzt haben wir in Österreich praktisch noch für jeden Patienten eine wirksame Medikamentenkombination gefunden.

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