Wissen 30.01.2012

Antibakterielle Beschichtungen: Gefährliche Silber-Teilchen

Zunehmend tauchen Silberverbindungen in Alltagsprodukten auf, um die Hygiene verbessern. Doch Experten warnen.

Es klingt toll: Nanosilber, das in Socken eingearbeitet ist, soll Schweißgeruch verhindern. In Lebensmittelverpackungen soll es vor Pilzbefall schützen und im Deo Bakterien zersetzen. Sogar als Nahrungsergänzungsmittel deklarierte "Silberlösung" gibt es im Handel. Damit setzen die Hersteller auf die positiven Eigenschaften des Edelmetalls, die seit der Antike bekannt sind.

Auch die moderne Medizin nutzt diese antibakteriellen und desinfizierenden Eigenschaften von Silber und dessen Verbindungen, etwa für spezielle Wundverbände bei Verbrennungen oder in Salben bei Hautinfektionen. Der zunehmend unkontrollierte Einsatz, etwa als Beschichtung bei Gebrauchsgegenständen, sorgt bei Umweltmedizinern allerdings für Unbehagen. Sie fürchten – ähnlich wie in der Antibiotika-Entwicklung – Resistenzen. Umweltmediziner Hans-Peter Hutter: "Wir wissen: Je ungezielter und breiter Desinfektions-Substanzen eingesetzt werden, desto höher ist die Gefahr von Resistenzen. Nanosilber-Partikel lagern sich zum Teil in der Haut ein und können bis in die Körperzellen eindringen." Dazu seien toxische Auswirkungen in Organen (Leber, Niere) und auf das Erbmaterial zu befürchten. "Ich kenne jedoch keine Studie, die belegt, dass die Krankheitsfälle bei Anwendung dieser Produkte im Haushalt sinken."

Ebenso bedenklich sind die Auswirkungen auf die Umwelt. Andrea Schnattinger, Wiener Umweltanwältin: "Silberionen sind etwa für Wasserlebewesen sehr giftig. Über die Nahrungskette können sie beim Menschen landen." Für Umweltmediziner Hutter übersteigt das Risiko eindeutig den Nutzen – zumindest im alltäglichen Gebrauch. Der Einsatz im medizinischen Bereich ist hingegen "genau definiert und sehr spezialisiert". Was Hutter ebenso stört: "Die Werbung erzeugt den Gedanken, wir müssten uns vor einer mikrobakteriellen Umgebung schützen. Dabei sind 99 Prozent davon harmlos und sogar notwendig für den Organismus."

Mehr Information

Hutter und Schnattinger sind mit ihren Bedenken nicht allein. Skeptisch äußerte sich das renommierte deutsche "Institut für Risikobewertung" sowie der Verein für Konsumenteninformation. Die Stadt Wien fordert deshalb ein bundesweites Verbot, eine einheitliche Kennzeichnung und mehr Information. Umwelt-Stadträtin Ulli Sima: "Das Thema wird wichtiger werden. Wir müssen das Bewusstsein fördern, dass antibakterielle Beschichtungen für Mensch und Umwelt riskant sein können."

Info: Edelmetall mit vielen Eigenschaften

Geschichte Silber wirkt gegen Bakterien, Pilze und Viren. Verantwortlich dafür ist das Silberion Ag+, das durch Oxidation mit Feuchtigkeit entsteht. Vor der Entdeckung von Penicillin (1928 durch Alexander Fleming) als Antibiotikum wurde Silber in Form von Silbernitrat häufig zur Wundversorgung und Desinfektion eingesetzt.

Nanosilber Darunter versteht man mit chemischen, physikalischen oder elektrochemischen Methoden veränderte Silberpartikel. Die Aufteilung auf sehr viele kleine Teilchen bringt eine enorme Vergrößerung der wirksamen Oberfläche mit sich. Diese Teilchen können aber auch in Zellmembranen eindringen und sich dort einlagern.

 

( Kurier ) Erstellt am 30.01.2012