Wissen und Gesundheit
07.11.2016

Anonyme Geburt: "Keiner weiß, dass es das gibt"

Die Möglichkeit senkt die Zahl der Neugeborenentötungen nach ungewollten Schwangerschaften.

Wenn Christian Fiala über die anonyme Geburt spricht, wird seine Wortwahl emotional. Begriffe wie "Skandal" und "Drama" fallen dann. "Es ist fahrlässig und gegen die medizinische Ethik, wenn man Frauen dazu zwingt, sich auszuweisen, bevor sie entbinden", sagt er. Der Leiter des Gynmed-Ambulatoriums am Mariahilfer Gürtel in Wien ist auf ungewollte Schwangerschaften spezialisiert und war 2001 maßgeblich an der Legalisierung der anonymen Geburt beteiligt.

Seitdem kann jede Frau in jedem österreichischen Krankenhaus entbinden, ohne ihre Daten preisgeben zu müssen. "Diesen Frauen liegt viel an ihrem Kind, sie wollen, dass es lebt. Aber sie wissen eben, dass sie selbst – aus welchen Gründen auch immer – nicht dafür sorgen können", so Fiala.

Auch die Vor- und Nachbehandlungen sind anonym. Der Gynäkologe erklärt: "Das ist der große Unterschied zur Babyklappe: Die Frau muss vorher ohne ärztliche Betreuung eine Schwangerschaft und die Geburt durchstehen. Deshalb ist sie eine frauenverachtende und kinderfeindliche Einrichtung."

Das Baby wird nach der anonymen Geburt im Regelfall zur Adoption freigegeben und erfährt nie, wer die Eltern sind. Lediglich einen Brief kann die Mutter hinterlegen, der zum 18. Geburtstag im Jugendamt oder Krankenhaus abgeholt werden kann. "Die anonyme Geburt sollte die Zahl der Neugeborenentötungen senken. Das tut sie auch, und zwar hochsignifikant", sagt Claudia Klier, Fachärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie an der MedUni Wien. Sie erstellte dazu eine umfassende Studie und hielt erst kürzlich auf einem Kongress in Australien ein Symposium zum Thema Kindstötung ab.

Rückläufig

Doch die Zahl der anonym geborenen Kinder geht laufend zurück. Laut Statistik Austria gab es in Wien im Jahr 2002 16 anonyme Geburten, 2015 nur noch fünf. Österreichweit sanken die Fälle von 45 auf 32.

Die Ursache dafür liegt für Fiala und Klier auf der Hand: "Frauen wissen einfach nicht, dass es die Möglichkeit der anonymen Geburt gibt", sagt Klier. Gynäkologe Fiala ergänzt: "Was es braucht, ist eine Kampagne, die informiert, ohne zu stigmatisieren."

"Nach der Legalisierung gab es eine sehr gute Kampagne von der Stadt Wien namens ,Anna ist ein Findelkind‘", so Claudia Klier, "doch dann kamen Einsprüche von Jugendämtern und Kinderrechtlern, etwa weil sie kritisierten, dass das Kind nie erfahren wird, wo seine Wurzeln sind. Seitdem wird kaum mehr über das Angebot informiert." Auf solche Kritik reagiert Fiala pragmatisch: "Alles kann man nicht haben. Es ist immer noch besser, ein Kind überlebt und erfährt nicht, wer die Eltern sind, als es landet tot in einem Zug, Mülleimer oder Park."