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Wissen und Gesundheit
07/26/2012

Alkohol: Maßvoller Genuss statt Abstinenz

Umdenken in der Alkoholtherapie: Für viele Kranke ist Reduktion statt totaler Abstinenz ein sinnvolles Ziel.

von Ingrid Teufl

Ein Viertel der österreichischen Männer trinkt regelmäßig so viel Alkohol, dass Experten ihren Konsum als problematisch einstufen. Oft ist das jedoch weder den Betroffenen noch ihrem Umfeld bewusst.

"In Sachen Alkoholkonsum ist ein Umdenken in der Gesellschaft und mehr Problembewusstsein notwendig", sagt Univ.-Prof. Michael Musalek, Leiter des Wiener Anton-Proksch-Instituts (API), der größten Suchtklinik Europas. In Expertenkreisen hat dieses Umdenken schon eingesetzt: Die Kriterien für die Behandlung von Alkoholkrankheit ändern sich.

Bisher bezog sich die Definition als Krankheit – und damit die Behandlung – vor allem auf das Spätstadium, wenn bereits schwere körperliche und psychische Schäden aufgetreten sind. "Heute definieren wir auch das Frühstadium und damit den problematischen Alkoholkonsum bereits als Krankheit und behandeln sie daher auch schon."

Das sei durchaus sinnvoll: "Wir wissen längst, der wichtigste Faktor bei der Behandlung eines Alkoholproblems ist der Zeitpunkt. Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht eine Einstellungsänderung und beugt Schäden in späteren Phasen der Abhängigkeit vor", sagt Musalek.

Paradigmenwechsel

Damit einher geht auch der deutlichste Paradigmenwechsel in der Therapie. "Bis vor Kurzem galt die absolute Alkoholabstinenz als einziges Therapieziel. Heute werden ebenso Reduktion der Dosis und moderater Konsum als wichtiges Teilziel angestrebt." Auch wenn es banal klingt: Dazu muss man Genussfähigkeit erlernen. "Das schließt Vorbereitung, Vorfreude, Erlebnisfähigkeit und natürlich Kontrolle über das eigene Konsumverhalten ein." Alkoholkrankheit ist keine Charakterschwäche, sondern eine hochkomplexe, ernst zu nehmende psychische Erkrankung. Freilich: Besteht bereits schwere körperliche und psychische Abhängigkeit sowie ein Entzugssyndrom, "bleibt Abstinenz ein unverzichtbares Therapieziel."

Besonders in der Früh­erkennung haben Hausärzte eine Schlüsselrolle inne. Barbara Degn von der Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin: "Wir entdecken oft als erste Symptome und kennen die ganze Familie. Das Suchtproblem begleitet den Patienten oft jahrzehntelang." Sie sieht sich als "Drehscheibe zwischen den Patienten und spezialisierten Einrichtungen." Degn fordert mehr Engagement der Politik für niederschwellige Zugänge. Erst in der Vorwoche war bekannt geworden, dass das API seine ambulante Alkoholentwöhnung aus Kostengründen einstellt. "Für Alkoholkranke gibt es im Vergleich zu anderen Suchterkrankungen zu wenig Hilfe."

Neuer Verein: "Alkohol ohne Schatten" Es soll ein Diskussions- und Lernprozess in der Gesellschaft angestoßen werden – der verantwortungsvolle Umgang mit Alkohol steht im Zentrum des neuen Vereins "Alkohol ohne Schatten". Dazu gehört, über Früherkennung und Probleme aufzuklären und Wege für den Umgang zu erarbeiten. Wichtige Säule ist aber auch die Genussfähigkeit, die neu definiert und geschult wird. Im neuen Verein arbeiten mehrere medizinische Fachgruppen – von Internisten bis Suchtexperten – zusammen. Nähere Infos unter www.alkoholohneschatten.at

Anti-Aging-Wirkung, aber langfristig Organschäden

Immer wieder werden die positiven Effekte von Alkohol erwähnt. Und in geringen Dosen hat Alkohol durchaus positive Auswirkungen auf den Organismus. Gynäkologe Univ.-Prof. Sepp Leodolter von der MedUni Wien: "Viele Inhaltsstoffe in Wein und Bier zeigen eine Anti-Aging-Wirkung." Vor allem pflanzliche Substanzen wie Polyphenole wirken entzündungshemmend und antioxidativ. Ebenso wurden ein "gewisser Schutz" vor Osteoporose und Arteriosklerose festgestellt. "Voraussetzung ist aber immer ein maßvoller und verantwortungsvoller Umgang mit alkoholischen Getränken."

Denn selbstverständlich überwiegen die Probleme. Langfristig schädigt Alkohol gleich mehrere Organe ernsthaft. Internist Univ.-Prof. Bernhard Ludvik: "Die Wirkung ist vom Eintritt in den Körper bis zur Verstoffwechslung nachvollziehbar." So steigt etwa das Risiko für Mund- und Kehlkopfkrebs auf das Fünfache, Speiseröhrenkrebs und Leberkrebs etwa um das Vierfache. Auch Magen-, Bauchspeicheldrüsen- und Darmkrebs treten bei regelmäßigem, hohem Alkoholkonsum häufiger auf.

Einen Risikofaktor stellt zu viel Alkohol langfristig auch für Herz- und Kreislauferkrankungen dar, da er Herz und Gefäße schädigt. Nicht zu vergessen die späten Folgen. Dann werden auch Gehirn und Nerven angegriffen.