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Seele

1,2 Mio. Österreicher sind psychisch krank

Aus Angst vor Stigmatisierung lassen sich viele Betroffene nicht behandeln. Defizite gibt es aber auch in der ärztlichen Ausbildung, sagen Experten.

von Ingrid Teufl

12/12/2013, 03:38 PM

Offenbar sind in Österreich mehr Menschen psychisch krank, als bisher angenommen. 900.000 werden derzeit psychologisch oder psychiatrisch behandelt, 840.000 davon erhalten Psychopharmaka. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer: Ein Drittel der Fälle wird gar nicht diagnostiziert, betont Univ.-Prof. Manfred Stelzig, Leiter der Abteilung für psychosomatische Medizin am Uniklinikum Salzburg.

Der Psychiater und Psychotherapeut geht aufgrund dieser Zahlen von 1,2 Millionen Betroffener aus. Er betont, nicht den "üblichen psychologischen Faktor, der gesamtmedizinisch gesehen bei vielen organischen Problemen beteiligt ist" zu meinen. "Wir reden hier von echten Angststörungen, Depressionen, somatoformen Störungen, Suchterkrankungen, schweren Schlafstörungen, Demenz und anderen explizit als Probleme der Psyche definierten Krankheitsbildern."

Die Gründe dafür sieht der Experte in mehreren Ursachen. Viele Betroffene würden eine Behandlung scheuen, weil sie eine psychische Erkrankung als stigmatisierend, peinlich oder karriereschädigend empfinden. Dazu kommen Defizite auf ärztlicher Seite. "Vielen praktischen Ärzten und auch dem medizinischen Personal in Krankenhäusern fehlt der klinische Blick auf die Psychosomatik. Man klärt organische Ursachen ab, und wenn da nichts herauskommt, werden die Patienten oft alleine gelassen."

Facharzt für Psychosomatik gefordert

Manfred Stelzig fordert deshalb einmal mehr Psychotherapie auf Krankenschein sowie einen Facharzt für Psychosomatik, wie etwa in Deutschland. Das gesamtwirtschaftliche Einsparungspotenzial durch die psychosomatische Medizin sei sehr detailliert belegt und könne nicht mehr in Frage gestellt werden. "Trotzdem wehren sich Kassen und Gesundheitspolitik mit Händen und Füßen - ein merkwürdiges Phänomen."

Das Argument der hohen Kosten durch teilweise zeitaufwendige Behandlungen lässt er nicht gelten. "Eine konsequente Behandlung könnte viel Geld sparen, abgesehen vom unnötigen Leid der Patienten bei Nicht-Diagnose und Nicht-Behandlung." Das zeigen Studien, etwa von der Universität Mannheim. Dort wurden 300 Patienten sechs Wochen lang behandelt und weitere drei Jahre beobachtet. Eine ebenso große Vergleichsgruppe wurde nur beobachtet. "In der behandelten Gruppe sanken die Spitalsaufenthalte um 50 Prozent, die Krankenstände um 15 Prozent. Die Kassen ersparten sich bei diesen 300 Patienten insgesamt 20 Prozent an Gesamtkosten."

Buchtipp:

Univ.-Prof. Mafred Stelzig ist Autor mehrerer Fachbücher. Zuletzt erschien 2013 im ecowin-Verlag sein Buch "Krank ohne Befund" (21,90 €).

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