"Zum x-ten Mal im Bewerbungskurs": Kritik am AMS-Schulungsange­bot

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Die Jobflaute trifft vermehrt auch höher Qualifizierte. Auf sie ist das AMS schlecht vorbereitet.

Die Arbeitslosigkeit trifft derzeit nicht nur schlecht Qualifizierte, sie steigt in allen Bildungsschichten. Das AMS versucht mit einer Schulungsoffensive gegenzusteuern und weitet – insbesondere in Wien – die Zahl der Qualifizierungen massiv aus.

Ende Juli saßen 63.800 Personen in Kursen – um fast 6000 mehr als im Vorjahr. Nach zahlreicher Kritik an den vielen unsinnigen Jobcoaching- und Berufsorientierungs-Kursen hat das AMS das Schulungsangebot vor einigen Jahren optimiert und die Mitsprache der Arbeitslosen verbessert.

Zwar bietet das AMS jetzt auch höherwertige Kurse an, aber offenbar nicht für jeden. Beim KURIER häufen sich Beschwerden von Arbeitslosen aus Wien über zwangsweise Zuweisungen in Billigkurse oder vorenthaltene Kurskostenrefundierungen. So schildert etwa Herr N., dass ein ihm sehr nützlicher Sprachkurs nicht bewilligt wurde, weil er nach Aussage seines AMS-Beraters „zu hoch qualifiziert“ dafür sei. „Dafür saß ich dann zum x-ten Mal in einem Bewerbungskurs.“ Ein anderer arbeitsloser Akademiker wurde gegen seinen Willen zu einer gesundheitlichen Rehabilitation geschickt, obwohl er bereits einen geförderten Berufslehrgang gebucht hatte.

Treffsicherheit

Beim AMS Wien gibt man zu, dass es nicht immer leicht sei, für jeden Arbeitslosen die passende Qualifizierungsmaßnahme zu finden. „Das läuft nicht immer ganz punktgenau“, meint Gerhard Grundtner vom AMS Wien. Die meisten Beschwerden gäbe es, weil ein spezieller Kurs nicht angeboten werde, die Kurskosten nicht ersetzt würden oder ein Kurs als völlig unnötig angesehen werde. Den Vorwurf, dass AMS-Berater mit höher qualifizierten Arbeitslosen oft überfordert seien, weist er zurück: „Wir haben in Wien zuletzt das Personal aufgestockt, womit sich die Beratungsleistung weiter verbessern sollte.“

Im Vorjahr nahmen rund 230.000 Arbeitslose an Fortbildungskursen teil, wovon das AMS etwa 50.000 bei externen Anbietern zukaufte. Dafür wurden insgesamt rund 500 Millionen Euro ausgegeben.

Gerüchte, dass aufgrund der steigenden Arbeitslosigkeit das Schulungsbudget im Herbst weiter aufgestockt wird, werden beim AMS nicht bestätigt. Wohl aber sei man gerüstet für einen möglichen dayli-Konkurs.

Wie berichtet wurden am Dienstag 2200 Beschäftigte vorsorglich beim AMS-Frühwarnsystem zur Kündigung angemeldet. Für die Betroffenen soll es Arbeitsstiftungen geben.

Reaktionen

HAUPTVERSAMMLUNG DER BUNDESARBEITSKAMMER: KASKE Foto: APA/ROBERT JAEGER Arbeiterkammer-Präsident Rudi Kaske (Bild) fordert eine rasche Umsetzung des Konjunkturpaketes der Regierung. "Wir müssen in Bereichen investieren, die rasch und direkt Arbeitsplätze sichern und schaffen", so der AK-Chef. Er denkt dabei vor allem an den sozialen Wohnbau.

Ein Ärgernis ist für Kaske auch die "ewige" Diskussion über die Arbeitslosigkeit bei den Älteren: "Wenn es um konkrete Maßnahmen geht, steht die Wirtschaft auf der Bremse." Kaske forderte einmal mehr ein Bonus-Malus-System, das Betriebe belohnt, die Ältere anstellen oder halten - oder bestraft wenn die Generation 50+ zum Arbeitsmarktservice geschickt wird.

Die Industriellenvereinigung (IV) führt die steigende Arbeitslosigkeit ebenso wie Minister Hundstorfer auf die schwache europäische Konjunktur zurück. Peter Koren, Vize-Generalsekretär der IV nutzte die Gelegenheit um einmal mehr flexiblere Arbeitszeiten zu fordern. Die Gewerkschaft lehnt dies ab weil sie darin eine Kürzung der Überstundenzuschläge durch die Hintertür befürchtet. Außerdem haben die Industriellen das derzeitige Pensionssystem im Visier. "Angesichts der demografischen Entwicklung ist eine generelle Anhebung des faktischen Pensionsantrittsalter unverzichtbar", meint Koren. Die IV fordert eine Anhebung des Frauen-Pensionsalters.

"Die Zahlen sind wirklich schlecht", kommentiert AMS-Vorstand Johannes Kopf. Ein Viertel der Arbeitslosen entfällt bereits auf Suchende, die länger als ein Jahr ohne Job sind. Immerhin seien die Arbeitslosenzahlen bei den 15 bis 18-jährigen rückläufig. Den starken Anstieg bei Ausländern, Älteren, Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Beeinträchtigung müsse man differenziert sehen, so Kopf. Ausländer seien vor allem durch die Schwächen im Bausektor betroffen. Bei den Älteren dürfe man nicht übersehen, dass auch die Zahl der Beschäftigten überdurchschnittlich steigt. Während es über alle Altersschichten hinweg im Juli einen Zuwachs der Beschäftigung von 18.000 Stellen gegeben hat, wurden für die Gruppe der über 50-jährigen 40.000 Stellen geschaffen. Und bei Menschen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung (Rückenleiden, Bandscheibenprobleme, Bluthochdruck, etc.) wirke sich aus, dass Firmen in Krisenzeiten "sehr selektiv" bei der Mitarbeiterauswahl vorgehen würden. Da würden auch Förderungen weniger nützen.

Juli-Zahlen

Arbeitslosigkeit verfestigt sich: Bau besonders betroffen

Im Juli ist die Zahl der Arbeitslosen in Österreich erneut um zwölf Prozent auf 320.337 Personen gestiegen (siehe Grafik). Den stärksten Anstieg gab es im schwächelnden Bausektor. Hier schlug auch die Pleite des Bauriesen Alpine negativ zu Buche. Zwar sind laut AMS nur „ein paar Hundert“ Alpine-Mitarbeiter derzeit arbeitslos gemeldet, doch dürfte es auch bei den Zulieferbetrieben vermehrt Kündigungen gegeben haben. Insgesamt gab es am Bau ein Plus von fast 16 Prozent auf 25.500 Betroffene. Auffallend ist, dass sich ob der anhaltenden Konjunkturflaute die Arbeitslosigkeit zunehmend verfestigt. Jeder vierte Arbeitslose ist schon länger als ein Jahr vorgemerkt. Bei den älteren Personen ist der Zuwachs doppelt so hoch wie bei den Jungen. EU-weit hat Österreich nach wie vor die niedrigste Arbeitslosenrate.

(KURIER) Erstellt am
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