Wirtschaft
21.10.2017

Wünsche der Spitzenmanager an die nächste Regierung

Was Unternehmen – vom Siemens-Konzern bis zur Bäckerei – brauchen, um Jobs zu schaffen.

Was fordern Firmenchefs von der nächsten Regierung? Nach der Veröffentlichung der Thesen der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria (nachzulesen im Freitags-KURIER und unter kurier.at/wirtschaft) begab sich die Wirtschaftsredaktion auf Praxis-Check.

Aus der Sicht von Hoteliersvertreterin Michaela Reitterer, die selbst ein Hotel in Wien hat, steht an oberster Stelle, "dass mehr netto vom Brutto bleibt". Die Wohnbauförderung sei ein Sorgenkind. "Die Minimalforderung muss die Reduktion auf den Betrag sein, der tatsächlich in den Wohnbau investiert wird – also eine Zweckwidmung der Beiträge in Kombination mit einer Budgetierung, die auf kaufmännischen Prinzipien beruht." Ähnliches fordert sie für den Insolvenzentgeltfonds (Zweckwidmung und Bedarfsfinanzierung), den AUVA-Beitrag und den Familienlasten-Ausgleichsfonds.

Wolfgang Hesoun, der Österreich-Chef von Siemens, sieht alles positiv, was den Einstieg ins digitale Zeitalter ermöglicht: Er wünscht sich "flexiblere Rahmenbedingungen für das Unternehmertum sowie eine echte Strukturreform". Außerdem Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Bildung. Der Umgang mit Software und Programmierkenntnisse würden immer wichtiger, Österreich brauche IT-Spezialisten und Programmierer. "Wir haben in Österreich bereits einen Mangel an guten Facharbeitern: Seit Jahresbeginn suchen wir beispielsweise an unserem Standort Linz intensiv 30 Mitarbeiter, finden aber kaum geeignete Kandidaten. Ich halte es daher für sehr wichtig, junge Leute wieder verstärkt für Technik begeistern.

" Wolfgang Maurer, Chef der Bäckerei-Kette Schwarz, wünscht sich höhere Arbeitsanreize. Es sei unglaublich, "mit welchen – zulässigen – Maßnahmen viele Arbeitslose vom System einbalsamiert werden". Biennalsprünge würde Maurer "als Anachronismus" abschaffen und durch leistungsbezogene Systeme ersetzen. Der Kündigungsschutz müsse gelockert werden. Am Wichtigsten sei aber die Befreiung der mittelständischen Wirtschaft "von bürokratischem Kram". Dazu zählt Maurer "völlig sinnlose Dokumentationspflichten". Und Schulabgänger sollten wieder Grundkenntnisse beherrschen.

Ulrike Haslauer, die Chefin von Compact Electric (erzeugt unter anderem elektronische Steuerungen), wünscht sich niedrigere Personalkosten. Das würde den Standort für inländische wie ausländische Unternehmen viel attraktiver machen und die Abwanderung in angrenzende Länder verhindern. Den Vorschlag der Agenda, das Arbeitslosengeld kurzfristig zu erhöhen, lehnt sie ab: Dadurch würde Job-Hopping erleichtert.

Diese Punkte aus dem Programm der Agenda Austria findet Personalberater Walter Becvar besonders wichtig: Flexibilisierung des Kündigungsschutzes – wenn für diesen entsprechend Sozialleistungen auch erhöht werden. Becvars Credo heißt "mehr Leistungskultur, weniger Sozialstaat". In Sachen Bildung wünscht er sich bessere Sprachausbildung der Absolventen, um die internationale Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen.

Unternehmer Robert Schächter, der unter anderem an der privaten Staatsdruckerei beteiligt ist, meint: "Um das Wohlstandsniveau unserer Gesellschaft zu erhalten, ist die Investition in den Bildungssektor und die begleitende Modernisierung und Digitalisierung in allen Bereichen erforderlich." Die Leistungen österreichischer Unternehmen müssten im Inland mehr geschätzt werden, dann könnte man auch im Export überzeugender auftreten.

Verena Trenkwalder, Partnerin bei KPMG und Vorsitzende des Fachsenats für Steuerrecht in der Kammer der Wirtschaftstreuhänder, hält das Steuersystem aufgrund seiner zahlreichen Ausnahmebestimmungen und Änderungen für nicht mehr administrierbar: "Es braucht im Steuerrecht radikale Vereinfachungen." Das gelte vor allem für den Bereich der Besteuerung von Arbeitseinkommen, wo es innerhalb der Arbeitnehmerschaft wegen zahlreicher Ausnahmebestimmungen massive Ungleichbehandlungen gebe. "Die gilt es auszuräumen, die Lohnverrechnung darf nicht eine Geheimwissenschaft bleiben."

Johann Mörwald, früher Boss des Diskonters Hofer und jetzt Chef des Mikroalgen-Erzeugers Ecoduna, ist für einen Stopp der "Aktion 20.000": "Hier sieht man den hilflosen Reparaturversuch des Irrwegs, ältere Arbeitnehmer für ein Unternehmen zu verteuern." Er hält die Idee der Vorrückungen durch Biennalsprünge "für die wahrscheinlich schlechteste Idee des Kollektivvertragswesens". Keine derartigen Unterschiede zwischen Jung und Alt, so Mörwald. "So bindet man junge Kräfte durch deutlich höhere Löhne als die Wettbewerber und verhindert einen kostenmäßigen Selektionsdruck auf ältere Personen."

Der Mittelstand müsse entlastet werden, findet Maximilian Mayr-Melnhof, Eigentümer eines Salzburger Forstbetriebes. Das gelte sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer, denn die Steuerbelastung steige stetig. "Allein um die Grundsteuer zu tilgen, brauche ich im Forstbereich 22 gute Jahre. Dazu kommt die Bürokratie, die dringend vereinfacht werden muss. Manche Projekte fange ich gar nicht erst an, in dem Wissen, welche bürokratischen Hürden auf mich zukommen werden." Und drittens brauche es eine Lösung in der Flüchtlingsfrage. Die Regierung müsse das Leben der gut integrierten Flüchtlinge vereinfachen. Beispiel: "Bei uns lebt eine syrische Flüchtlingsfamilie. Ich wollte den Mann anstellen, doch das geht nicht. Dadurch würde er sämtliche Sozialleistungen verlieren."

Für Martin Hagleitner, Chef des Boilerherstellers Austria Email, sind die Vorschläge der Agenda gut, da sie auch in anderen Staaten bereits positive Wirkung zeigten. Nach einem "verlorenen Jahrzehnt" müsse das "Umsetzungsvakuum", verursacht vom "Stagnationskartell von großer Koalition und Sozialpartnerschaft", beendet werden. Dazu zählt er die Senkung der Lohnnebenkosten, auch mithilfe der Abschaffung der Kammer-Zwangsmitgliedschaften. Das Arbeitszeitgesetz müsse flexibler werden, damit junge Menschen, die keine familiären Verpflichtungen haben, länger arbeiten könnten. Zudem sollten variable, erfolgsabhängige Gehaltsbestandteile ermöglicht werden und mehr Entscheidungsgewalt auf die Ebene der Betriebe verlagert werden. Nicht zuletzt hofft der Manager auf Beschlüsse im Verfassungsrang mit Zweidrittelmehrheit mithilfe der Neos. Nichts hält Hagleitner vom Beschäftigungsbonus. "Das ist ein Placebo, denn es handelt sich nur um einen Mitnahmeeffekt in der Phase des Aufschwungs."