Woran die Ausbildung von IT-Fachkräften krankt

Woran die Ausbildung von IT-Fachkräften krankt
Bildungsmisere unter der Lupe: Zu wenig Studienplätze, zu viele Abbrecher, zu wenig Frauen und kein Konzept.

Die Diagnose ist bekannt: Der heimischen Wirtschaft fehlen geschätzte 10.000 IT-Fachkräfte. Der Bedarf kann weder im Inland noch im benachbarten Ausland gedeckt werden, Spezialisten sind in Zeiten der Hochkonjunktur rar. Der Fachverband Unternehmensberatung/Informationstechnologie (UBIT) in der Wirtschaftskammer fordert von der Regierung jetzt einen eigenen Masterplan gegen die IT-Fachkräftelücke. Aber woran krankt es im System überhaupt? Ein Überblick:

- Ausbildungsplätze fehlen

Um den Bedarf an höher qualifizierten IT-Fachkräften in Zukunft decken zu können, brauche es um 2000 bis 3000 Informatik-Ausbildungsplätze mehr, schätzt Martin Zandonella, Berufsgruppensprecher IT in der WKO. Derzeit gibt es an Uni und FH etwa 2500 Plätze, die österreichweit schlecht verteilt sind. Während in Wien wegen Zugangsbeschränkungen Bewerber abgewiesen werden müssen, bleiben im Westen Studienplätze leer. Ein abgestimmtes Gesamtkonzept fehlt. Die WKO lehnt Zugangsschranken mit Verweis auf die vielen offenen IT-Stellen generell ab. Viele Interessenten würden dadurch erst recht vom Studium abgeschreckt.

- Hohe Drop-out-Quote

Im Studienzweig Informatik an der Uni brachen zuletzt 54 Prozent (!) der Studierenden das Bachelor- und sogar 56 Prozent das Masterstudium vorzeitig ab, die meisten davon in Wien. Auch an den FHs gibt es überdurchschnittlich viele Abbrecher. Etliche davon sind sogenannte „Job-outs“, wechseln also vorzeitig in den Beruf, weil sie von Firmen abgeworben werden. Ein Indiz, dass vielen Betrieben eine mittlere IT-Qualifikation genügt und akademisches Personal mitunter auch nicht leistbar ist. Für UBIT-Obmann Alfred Harl aber eine bedenkliche Entwicklung, da längerfristig die Uni- und FH-Absolventen fehlen. „IT-Kräfte ohne Abschluss gibt es schon genug, auch beim AMS“. Die Zugangsschranken hätten die Drop-out-Zahlen verringern sollen, bis jetzt ohne erkennbaren Erfolg.

- Männerbastion

Trotz zahlreicher Kampagnen und Förderaktionen wie „Frauen in die Technik“ (FiT) meiden Frauen noch immer IT-Berufe. Laut aktuellem IKT-Statusreport lag 2017/18 der Frauenanteil bei den IKT-Studien nur bei 17,4 Prozent, an den FHs bei rund 20 Prozent. Auffällig: Mehr als die Hälfte der Frauen (54,6 Prozent) brach das Bachelor-Studium an der Unis vorzeitig ab. Der Anteil war sogar höher als bei den Männern. Über die Ursachen wird gerätselt. Harl sieht die Unis gefordert und träumt von einer Verdoppelung der Frauenquote. Für Martina Gaisch, Leiterin des Diversity Managements an der FH Oberösterreich, muss sich das Fach von seinem „Nerd“-Image befreien und die Vielfalt der Berufsfelder in den Vordergrund stellen. Sie wünscht sich auch mehr weibliche Rollenvorbilder.

- Stiefkind Lehre

Es mangelt nicht nur an IT-affinen Akademikern, sondern auch an Lehrlingen. Für den frisch aus dem Hut gezauberten Lehrberuf „Coding/Applikationsentwicklung“ fehlen die Ausbildungsplätze. Die von Einzelkämpfern dominierte IT-Branche selbst kann mit Lehrlingen wenig anfangen. Programmieren lerne man eher in der Schule als im Betrieb, meint Zandonella. Er wünscht sich noch schulische Nachbesserungen beim neuen Lehrberuf, der für Experten ohnehin um Jahre zu spät kommt.

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