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Wirtschaft
01/08/2022

Wolf Lotter: "Wir verteidigen nur noch unsere Pfründe"

In vielen Betrieben und Chefbüros versteckt man sich hinter Pseudoleistungen und irgendwelchen Kennzahlen, urteilt der Autor

von Simone Hoepke

„Manager machen Sachen richtig, Leader die richtigen Sachen“, zitiert Wolf Lotter gerne Peter Drucker, US-Ökonom mit österreichischen Wurzeln. Ein Gespräch über Europa am absteigenden Ast, Pseudoleistungen in der Chefetage und so genannte Bullshit-Jobs.

Haben wir zu viele Manager und zu wenige Leader?

Wolf Lotter: In Europa? Definitiv! Wir haben kaum noch Innovationen, weil wir nicht mehr für die Sache brennen, sondern damit beschäftigt sind, unsere Pfründe zu verteidigen. Schauen Sie doch in die Chefetagen. Da passiert nix, bevor nicht irgendein Beamter eine Subvention in Aussicht stellt. So entstehen keine Pionierarbeiten. Dazu kommt die Arroganz in den Managementebenen ...

Konkretes Beispiel?

 

Elon Musk brennt für seine Ideen und wartet nicht darauf, dass sie irgendein Beamter für gut und förderungswürdig erklärt. Als er mit Tesla an den Start ging, haben die Daimler-Chefs sich zurückgelehnt und gedacht „solang wir da nicht mitmachen, kann das doch nichts werden“. Großer Irrtum.

 

Der Autor

Der Autor und Journalist Wolf Lotter beschäftigt sich seit Jahren mit der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Der gebürtige Steirer (*1962) war Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins Brand eins, wo er nach wie vor die Leitessays schreibt.  Er lebt mit seiner Familie bei Stuttgart.

Das Buch

In seinem neuen Buch "Strengt euch an!" (ecowin, 125 Seiten, 18 Euro) hält er der so genannten Leistungsgesellschaft einen Spiegel vor und wirft einen Blick zurück in die Geschichte, unter anderem auf die Folgen der Pest im 14. Jahrhundert: "Die Arbeitskosten stiegen an, weil menschliche Arbeitskraft nicht mehr so einfach und billig zur Verfügung stand, was den Druck auf mehr Mechanisierung - Automation - erhöhte", so Lotter. "Die strengen Standesregeln der Handwerker waren wegen des Facharbeitermangels nicht aufrecht zu erhalten. Es begann, erst lokal, dann in ganz Europa, ein massiver war of talents ..."

In der heutigen Wirtschaftswelt sieht der Autor mitunter mehr Schein als Sein. "Der späte Industriekapitalismus weiß, womit er sich und die Seinen betrügt. Er redet von Höchstleistung und Effizienz, wo in Wahrheit nur Beschäftigungstherapie dahintersteckt", schreibt Lotter.

 

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Begriff Leistung – sind wir überhaupt eine Leistungsgesellschaft?

Wir leben mehr in einer Wiederholungs- als in einer Leistungskultur. Machen immer das gleiche Altbekannte. Für Alternativen gibt es weder in der Politik noch in der Gesellschaft Rückenwind, für das Bewahren vom Alten dagegen schon. Politiker tun noch immer so, als wären wir eine Industriegesellschaft ...

Wie hat sich das Menschenbild in der sogenannten Wissensgesellschaft gewandelt?

In der Industriegesellschaft mussten Leute tun, was der Chef sagt, nicht widersprechen, mitlaufen. So hat man Karriere gemacht. Kritik? Lästig! Ohne kritisches Hinterfragen entsteht aber nichts Neues. Wir brauchen in der Wissensgesellschaft keine Durchwurschtler, sondern Leute, die für etwas brennen und sich trauen, den Mund aufzumachen.

Gibt es doch auch, oder?

Ja, aber sie wenden den alten Firmenkulturen den Rücken zu. Sie brauchen keinen Chef, der ihnen sagt, wo es lang geht, weil sie selbst Meister auf ihrem Gebiet sind. In vielen Betrieben und Chefbüros versteckt man sich derweil hinter Pseudoleistungen und irgendwelchen Kennzahlen. Das ist das Phänomen der McKinseyierung.

Also zu viele Berater im Haus, die in schwarzen Anzügen dozieren, wo es langgeht?

Deren Geschäft ist es, ein Problem zu entwickeln, das dann bewirtschaftet wird. Bewirtschaftet und nicht gelöst, sonst wäre das Geschäftsfeld ja weg. Am Ende sind ganze Abteilungen mit Formularen beschäftigt und dem Abhaken irgendwelcher Punkte. Für echte Innovation bleibt neben Bürokratie und sinnloser Meetings keine Zeit. Zum Schluss hat man schöne Statistiken und Kennziffern, aber im Grunde ist nichts passiert.

Der Kulturkritiker David Graeber hat 2013 geschrieben, dass 30 Prozent der Bürojobs sogenannte Bullshit-Jobs sind. Also völlig entbehrlich. Wird das nach der Krise auch noch so sein?

Natürlich, es gibt ja heute in Konzernen Beauftragte für wirklich jedes Nischenproblem. Alle wissen, dass Vieles in Wirklichkeit ein Schmäh ist, aber alle nicken es ab, weil sie auch mit irgendeinem Amterl ihre Pfründe absichern.

Wird das Großraumbüro nach der Krise ein Auslaufmodell sein?

Für Kopfarbeit braucht man Ruhe, das wussten schon die Mönche im Mittelalter. Viele haben zudem in der Krise registriert, wie viel Zeit sie in Meetings verplempert haben, und wollen nicht mehr zurück in die alte Arbeitswelt.

Es soll aber Chefs geben, die ihre Leute um sich haben wollen ...

Das sind klassische Vertreter jener Gruppe, die noch immer im Verhaltensmuster der Industriegesellschaft feststecken und glauben, ihre Leute kontrollieren zu müssen. So entsteht kein Nährboden für Kreativität. Zudem gibt es immer weniger gute Leute, die so ein Umfeld akzeptieren.

Selbstständigkeit als Exit aus dem Hamsterrad?

Die Zeit ist gut für einen Neuanfang. Gute Leute sind gesucht.

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